Liza Minelli

Eins mit ihrer Zeit

Von Michael Köhler

Wie einst im Cabaret: Liza Minelli ist auch im Alter von 63 Jahren noch immer ein Naturereignis als Entertainerin.

Wie einst im Cabaret: Liza Minelli ist auch im Alter von 63 Jahren noch immer ein Naturereignis als Entertainerin.

16. Juni 2009 Als Liza Minnelli sich, 26 Jahre alt, im Film-Musical „Cabaret“ den Rang eines Weltstars und einen Oscar ersang, entsprach die Tochter von Hollywood-Ikone Judy Garland und Regisseur Vincente Minnelli ganz dem herrlich hedonistischen und glamourösen Zeitgeist der damaligen Ära. Und das, obwohl die nach autobiographischen Texten Christopher Isherwoods entstandene Milieustudie aus dem Berlin der ausgehenden Weimarer Republik in den frühen dreißiger Jahren angesiedelt war.

Wenn Minnelli ihre Deutschlandtournee 37 Jahre später mit scheinbar ungebrochenem Elan in der nicht ausverkauften Frankfurter Alten Oper startet, dann entspricht die mittlerweile 63 Jahre alte Sängerin und Schauspielerin abermals dem Zeitgeist. Und das nicht nur aufgrund ihrer Leistungen als Entertainerin von Rang. Mit ihren immer wieder öffentlich gemachten privaten Tragödien passt sie vielmehr optimal in eine Zeit, die Exhibitionismus honoriert und fördert.

Voyeurismus im Haifischbecken

Den einen oder anderen Besucher dürfte daher durchaus ein wenig Voyeurismus in die Alte Oper geführt haben. Immerhin gilt es, eine Sängerin zu begutachten, die sich, seit sie 1964 von ihrer Mutter als Duettpartnerin auf die Bühne des Londoner Palladium geschubst wurde, im Haifischbecken des Showgeschäfts wacker geschlagen hat. Auch wenn aus dem schüchternen Teenager mit den großen Augen mittlerweile eine dem verruchten Image von einst hinterherlaufende Künstlerin mit künstlichem Hüftgelenk und sowohl dem Singen als auch dem Sprechen abträglichen dritten Zähnen geworden ist.

Doch das Interesse am reichlich mit Talent gesegneten Naturereignis Minnelli ist trotz diverser Eingriffe der plastischen Chirurgie nach wie vor ungebrochen. Schließlich beherrscht keiner – nicht mal ein perfekter Travestiekünstler – die Rolle der Minelli so souverän wie die Minelli selbst. Chronisch von Geldnöten gebeutelt, bleibt ihr allerdings auch gar nichts anderes übrig, als sich mit zwölfköpfigem Orchester im gewohnt schwarzen Ensemble samt Paillettenjäckchen und Schal auf die schmucklose Bühne zu stellen.

Faszinierende Nuschelattacken

Dann gibt sie aus dem Stand den strahlenden Weltstar mit ausgebreiteten Armen und in den Nacken geworfenem Kopf. Wählt aus üppigem Repertoire jene Klassiker aus, die ohnehin immer wieder gern gehört werden und die sich auch auf dem aktuellen CD-Werk „Liza’s At The Palace“ finden: „Teach Me Tonight“ zum Auftakt, den Titelsong aus „Cabaret“ kurz vor der obligatorischen Pause und natürlich „New York, New York“ als Höhepunkt – auch wenn alle Welt glaubt, der Standard aus dem gleichnamigem Kinokassenfüller mit Robert de Niro und der Minnelli in den Hauptrollen stamme ursprünglich von Frank Sinatra.

Doch zwischen dem immer wieder aufbrandenden Applaus und dem liebevollen Rosenregen zum Finale, zwischen ausgiebigem Hyperventilieren, chronischen Schwierigkeiten beim Laufen und satten Nuschelattacken weiß Liza Minnelli tatsächlich zu faszinieren. Je schneller die Personalityshow ihrem Ende zueilt, desto besser meistert sie selbst die schwierigen Passagen wie einst zu Glanzzeiten und lässt ihre Stimme zum Schluss sogar ganz ohne Orchester erklingen.

Virtuos auf der medialen Klaviatur

Zu Tränen rührt die korpulente Frau auf dünnen Beinen, wenn sie erzählt, dass sämtliche Mitglieder ihrer Familie gestorben seien und nun das Publikum rund um den Globus als Ersatz herhalten müsse. Eine neue Liebe hat ihr der liebe Gott auch geschenkt. Ein um Jahrzehnte jüngerer Pianist erfüllt nun die sicherlich nicht leichten Pflichten an der Seite der Minnelli, ausgiebiges Geschmuse auf offener Bühne zwischen den beiden Turteltäubchen inbegriffen. Offenbar versteht es Liza Minnelli nach wie vor, die mediale Klaviatur virtuos zu bedienen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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