„Die Ärzte“

Fragen Sie den Arzt Ihres Vertrauens!

Von Michael Köhler

Jederzeit für einen derben Spaß zu haben: Farin Urlaub

Jederzeit für einen derben Spaß zu haben: Farin Urlaub

27. November 2007 Zwar versetzt der energische Auftakt „Der Himmel ist blau“ die seit Wochen komplett ausverkaufte Frankfurter Festhalle auf Anhieb in kollektive Hysterie. Doch noch wird die Bühne von einem schwarzen Vorhang mit gigantischem „ä“ und gekreuzten Knochen als Logo verhüllt. Erst auf die letzten Takte hin präsentiert sich Deutschlands ungebrochen populäres Punk-Pop-Trio in voller Pracht.

Ein derber Schabernack von vielen, wie ihn nur „Die Ärzte“ auf Lager haben. Humor, Spaß, auch verbal hinterhältige Attacken dienen dem einst in der autonomen Hausbesetzerszene Berlins gestarteten Urgestein mit Gitarrist Farin Urlaub, Schlagzeuger Bela B. Felsenheimer und Bassist Rodrigo González seit 25 Jahren als Fundament des Erfolgs.

Scharmützel vor und auf der Bühne

Dabei kann Sinnloses oder ein spontan angedachter Gag in die Hose gehen. Aber es werden auch denkwürdige philosophische Grundsätze erörtert und gar als Song gefasst, wie eine von Kants Thesen: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Aber es ist Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Weshalb kritische Gemüter sich auch schon mal Gedanken über den Brutto/Netto-Inhalt an gesprochenen Worten und gespielten Songs einer „Ärzte“-Show gemacht haben.

Ob tatsächlich schon jemand ernsthaft geglaubt hat, die mittlerweile drei Generationen umfassende Fan-Gemeinde käme wegen des mitunter etwas eintönigen Schrammel-Punks mit halbwegs provokanten Texten wie „Rebell“ oder „2000 Mädchen“, darf bezweifelt werden. Neunmalkluge werfen hier gerne ein, dass „Die Ärzte“ seit 1985 mehr als 25 Millionen verkaufte Alben abgesetzt haben, da könne die Musik doch keine eher untergeordnete Rolle spielen. Schließlich tummelt sich ja auch das jüngste Werk „Jazz ist anders“ derzeit auf Rang eins der Media Control Charts.

Archaischen Hymnen der Marke „Breit“, „Lasse redn“ oder „Deine Freundin wäre mir zu anstrengend“ fällt immerhin die nicht unwichtige Aufgabe zu, als Soundtrack mit hohem Wiedererkennungsfaktor zu fungieren, der garantiert, dass vor allem die vor der Bühne sich sammelnden rivalisierenden Truppen ihre Scharmützel gegeneinander austragen können. Beseelt vom Geist diverser gezischter Biere, gehen vorzugsweise männliche Protagonisten, deren T-Shirts bedruckte Sprüche wie „Es wird eng“, „Nimm mich mit“ oder „Ich war dabei“ tragen, recht grob aufeinander los. Das sage noch einer, die Jugend von heute wäre für nichts zu gebrauchen.

Provokativ bis zur Pension

Doch im nicht enden wollenden Repertoire der „Ärzte“ befinden sich tatsächlich auch einige echte Gassenhauer, die Deutschlands Pop-Historie bereichert haben. „Westerland“ gehört sicherlich mit dazu. Oder aber die kontrovers sich mit gesellschaftlichen Belangen auseinandersetzenden Hits „Ich bin reich“, „Manchmal haben Frauen“ und „Schrei nach Liebe“.

Auch das einst von der Bundesprüfstelle indizierte und noch immer verbotene „Geschwisterliebe“, das traditionsgemäß vom Auditorium gesungen wird, damit das bis zum Finale seiner unglaublichen Faxen nicht müde werdende Triumvirat nicht wieder diese nervigen Anzeigen mit sich nachziehenden Prozessen angehängt bekommt wie zu Karrierebeginn. Auf den bitterbösen Provokationen von einst können sich die „Ärzte“, ähnlich wie die Rolling Stones, getrost ausruhen, bis sie mal ihre Pension in Anspruch nehmen. Sie müssen sie noch nicht einmal mehr selbst singen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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