Von Michael Hierholzer
03. März 2008 Die Kulturregion Rhein-Main nimmt, den Russen sei Dank, nunmehr eine deutliche Gestalt an: Das Bad Homburger Schloss und das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst sind die Ausstellungsorte, an denen vom 12. April an alles in allem etwa 1050 hochzerbrechliche Gegenstände präsentiert werden. Fragile“ ist der sprechende Titel einer Doppelschau mit Porzellan aus russischen Sammlungen, vorwiegend aus der Kollektion des Staatlichen Keramikmuseums Schloss Kuskowo in Moskau.
Es geht um die Tafel der Zaren und das Porzellan der Revolutionäre“, wobei im Richard-Meier-Bau die Stücke aus dem 20. Jahrhundert zu sehen sind, während in dem einstigen Sitz der Landgrafen von Hessen-Homburg und der späteren Sommerresidenz der deutschen Kaiser die Schätze des Weißen Goldes aus dem Russland des 18. und 19. Saeculums präsentiert werden. Aber nicht nur die Finanzmetropole und die Kurstadt kooperieren – laut Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) ein beispielhaftes Modell für die Zusammenarbeit in der Region“ –, sondern auch das Land Hessen ist mit seiner Kulturstiftung an dem Projekt beteiligt, das, wie zu erfahren war, von sehr langer Hand vorbereitet wurde.
Kulturgeschichtliches Panorama
Kuratoren sind Klaus Klemp, Ausstellungsleiter im Museum für Angewandte Kunst und vormals im Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt tätig, und Karl Weber, Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen. Nicht zu unterschätzen ist freilich auch die Vermittlungsarbeit, die Richard Zacharuk, der Chef des Frankfurter Ikonenmuseums, in der russischen Hauptstadt geleistet hat: Dass die wertvollen Objekte jetzt ihren angestammten Platz verlassen, um erstmals in diesem Umfang in Deutschland gezeigt zu werden, ist das Ergebnis stetiger Verhandlungen und hartnäckiger Bemühungen.
Nun aber warten die Häuser auf wertvolle Lieferungen aus Russland, darunter das Ägyptische Service aus Sèvres, das Napoleon 1807 dem Zaren Alexander I. schenkte, und kunsthandwerkliche Arbeiten der Avantgarde aus den Anfangszeiten der Sowjetunion, als Künstler wie Tatlin oder Malewitsch für den neuen Menschen neue Formen für den alltäglichen Gebrauch schufen. Porzellan als Medium der Diplomatie und Politik, als Propagandamittel und Ausweis der absolutistischen Macht: Die Doppelausstellung wird ein kulturgeschichtliches Panorama eröffnen, ohne jedoch die ästhetische Komponente zu vernachlässigen. Und sie wird an die kulturelle Verbindung zwischen Deutschen und Russen erinnern, die gerade in der Rhein-Main-Region seit Jahrhunderten besonders eng ist.
Text: F.A.Z.
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