Von Konstanze Crüwell
16. April 2008 Traumverloren, weltentrückt ist diese Malerei. Unwirkliche Landschaften sind zu sehen, mythologische Figuren, laszive Schönheiten von betörender Sinnlichkeit. Die Kunst des Symbolismus, jener zunächst literarischen Bewegung, stand im späten 19. Jahrhundert mit ihrer raffinierten bis dekadenten Ästhetik des Unbewussten und Zweideutigen in krassem Widerspruch zum dröhnend selbstgewissen Lebensgefühl der Gründerzeit. Es waren Kunstwerke, die nichts bestimmten, wie Odilon Redon einst über seine Zeichnungen sagte, die uns wie die Musik in die doppelsinnige Welt des Unbestimmten“ versetzten.
Die symbolistischen Maler und Bildhauer wandten sich auch gegen die naturalistische Salonkunst und den Impressionismus, die damals tonangebenden Stilrichtungen. Wie faszinierend die Sinnbilder des Imaginären und Irrealen sind, zeigt sich jetzt im Städel-Museum Frankfurt: Integriert in die meisterlichen symbolistischen Bilder der eigenen Sammlung, sind die Meisterwerke aus dem wegen Renovierung geschlossenen Hessischen Landesmuseum Darmstadt zu sehen – eine Fortsetzung der Anfang 2007 begonnenen Kooperation zwischen beiden Häusern.
Botticelli grüßt von ferne herüber
John William Waterhouses La belle dame sans merci“ von 1893, ein wahres Kultbild, fast wöchentlich als Leihgabe nachgefragt, entfaltet nun im Städel seinen geheimnisvollen Zauber: Der Ballade von Keats folgend hat Waterhouse die feenhafte Kindfrau gemalt, die einen Ritter betört, erfolgreich, aber mit schlimmen Folgen. Eine echte Femme fatale ist Franz von Stucks Sphinx“ im üppigen Rahmen, von ihm sind auch ein heiterer Reigen zu Ehren des Weingotts Bacchus und die Bronze einer Tänzerin zu sehen. Aus der großen Darmstädter Böcklin-Sammlung, einer Schenkung des Freiherrn Maximilian von Heyl, wird die prachtvolle Prometheuslandschaft“ gezeigt, auch Max Klinger ist präsent, während bei den Vier Jahreszeiten“, einem 1903/09 entstandenen Gemälde des post-präraffaelitischen Buchillustrators Walter Crane, Botticelli von ferne herübergrüßt.
Im Kuppelsaal des Museums ist Max Beckmanns bildhauerisches Œuvre zu sehen, das nur acht Skulpturen umfasst; gezeigt wird es in Nachbarschaft mit drei beziehungsreichen Gemälden. Die erste Ausstellung in Deutschland mit den Bronzen des für das Städel so bedeutenden Künstlers ist ein Ereignis. Er hat die Skulpturen in dunklen Zeiten geschaffen: 1933 von den nationalsozialistischen Kulturpolitikern aus seinem Lehramt an der Städelschule gejagt, war er zunächst nach Berlin übergesiedelt. Als entarteter“ Maler verfemt, hat er dann in dem neuen Medium wohl eine Art Zuflucht gesucht.
Und so scheinen die Bronzen Der Mann im Dunkeln“, Adam und Eva“, Tänzerin (Spagat)“, Kriechende Frau“, das 1934/35 in Berlin entstandene Selbstbildnis“, Die Brücke“, Schlangenbeschwörerin“ und Kopf eines Mannes“ auch seine persönliche und politische Isolation in jenen Krisenjahren widerzuspiegeln. Als Metaphern der Ohnmacht“ werden Beckmanns Bronzen bezeichnet, als skulpturaler Ausdruck seiner existentiellen Themen. Der vorzügliche Katalog kostet 7,50 Euro. Friedlich, ja anheimelnd geht es dagegen auf dem Gemälde Hieronymus und sein Löwe“ des Hausbuchmeisters oder seines Umkreises zu, das in der Reihe Fokus auf . . .“ anschaulich erläutert wird. Wir kommen auf Bodo Brinkmanns Happy End eines Löwen“ noch zurück.
Text: F.A.Z.
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