Von Michael Hierholzer
09. Juni 2007 Das war eine wahrlich rasante Entwicklung. Kaum hatte die amtierende Intendantin ihre Entscheidung bekanntgegeben, den Vertrag mit der Stadt Frankfurt kein zweites Mal verlängern zu wollen, war schon ein Nachfolger für sie gefunden.
Kein Altmeister, der längst so viel Glanz verbreitet hätte, dass auch die als nüchtern geltende Finanzmetropole in jedem Fall etwas davon abbekommen würde. Auch keiner vom munter rotierenden Intendantenkarussell, das in den vergangenen Wochen und Monaten ohnehin schon so gut wie alle der ständig als Kandidaten Genannten auf begehrte Posten geschoben hat. Vielmehr ein Mann aus der zweiten Reihe, der im besten Intendantenalter sein wird, wenn er als Nachfolger von Elisabeth Schweeger die Institution am Willy-Brandt-Platz übernehmen wird.
Treibende Kraft im Deutschen Theater
1964 wurde Oliver Reese in Schloss Neuhaus bei Paderborn geboren. Seit 1994 arbeitet er in Berlin. Sieben Jahre lang war er als Chefdramaturg am Maxim-Gorki-Theater tätig, seit 2001 hat er den gleichen Posten am Deutschen Theater inne. Zudem wird er als Interimsintendant 2008/2009 dieses Haus leiten: Bernd Wilms scheidet im kommenden Jahr als Chef der renommierten Bühne aus, der neue Intendant Ulrich Khuon tritt den Posten in der Hauptstadt erst zur Saison 2009/2010 an. Just zu diesem Zeitpunkt wird es nun auch in Frankfurt einen Wechsel an der Spitze des Sprechtheaters geben.
Kenner der deutschsprachigen Theaterszene sehen in Oliver Reese die treibende Kraft hinter den Erfolgen, die das Deutsche Theater in der jüngsten Vergangenheit zu verzeichnen hatte. Seit 2005 gehört er zusammen mit Regisseur Michael Thalheimer und dem Künstlerischen Betriebsdirektor Michael de Vivie zur Künstlerischen Leitung der Einrichtung, die unter anderem eng mit dem Namen Max Reinhardt verbunden ist. Sie zählt mit ihrer bewegten Geschichte fraglos zu den bedeutendsten Bühnen Deutschlands und ist nach wie vor bekannt für ein auf die Schauspielkunst konzentriertes Theater.
Die Entscheidung für Reese hat gewiss mit dieser Ausrichtung zu tun: Man erwartet sich vom neuen Frankfurter Intendanten wohl eine dezidierte Hinwendung zu einem Schauspielertheater, in dessen Mittelpunkt die Arbeit an den großen Texten der Tradition wie der herausragenden Dramen der Gegenwartsautoren steht. Ein Publikum im Großen Haus für Stücke und die darstellerische Leistung zu begeistern: Dergleichen wird offenbar von Reese erwartet. Dass Schauspieler aus dem Ensemble des Deutschen Theaters dauerhaft oder als Gäste nach Frankfurt finden, gehört zweifelsohne zu den Wünschen, die bei der Auswahl des künftigen Intendanten eine Rolle gespielt haben. Schließlich wäre das Publikum angetan, wenn Akteure wie Nina Hoss oder Ulrich Matthes auf der Frankfurter Bühne stünden.
Welches Sprechtheater braucht Frankfurt?
Auch als Autor hat sich Reese einen Namen gemacht. Sein Stück Emmy Göring an der Seite ihres Mannes“ von 1999 wurde mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet, kürzlich erregte er mit einer Dramatisierung von Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften“ und mit einer Bearbeitung der Tagebücher von Joseph Goebbels Aufsehen. Wenn es um eigene Werke geht, inszeniert der Chefdramaturg selber, zurückhaltender ist er bei Stücken anderer Autoren. Er fühle sich, heißt es über Reese, allemal dem Stück verpflichtet“. Theaterbesucher, denen vor den Übergriffen des Regietheaters auf Sprachkunstwerke graut, werden dergleichen mit Freude vernehmen.
Der Aufsichtsrat der Städtischen Bühnen Frankfurt GmbH hat, wie zu hören ist, der Entscheidung von Kulturdezernent Felix Semmelroth schon zugestimmt. Geschäftsführer Bernd Fülle kümmerte sich dieser Tage in Berlin um die Einzelheiten des Vertrags, der nun zur Unterschrift bereitliegt. Dass nach dem Vorpreschen von Elisabeth Schweeger, deren Vertrag die Stadt mit ziemlicher Sicherheit nicht verlängert hätte, keine Auseinandersetzung darüber stattfinden konnte, welches Sprechtheater Frankfurt in Zukunft braucht, wirft freilich einen Schatten auf den recht einsamen Dezernenten-Beschluss.
Text: F.A.Z.