Die "edition suhrkamp" feiert ihr vierzigjähriges Bestehen

06. Juli 2003 Können muslimische Selbstmord-Attentäter darauf hoffen, von weiblichen Huris im Paradies empfangen zu werden? Philosoph Peter Sloterdijk bezweifelt dies, weil sich das Paradies als Ort sexueller Utopien von selbst verbiete. Zudem hätten Islamwissenschaftler längst darauf aufmerksam gemacht, daß es sich bei den "Huris" um "weiße Tauben" handle. Ein Übersetzungsfehler? Zumindest wohl eine Fehlinterpretation. Was sich als Utopie "begreifen" läßt, scheint überhaupt immer wieder erklärungsbedürftig zu sein. Im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, wo der Suhrkamp Verlag jetzt das vierzigjährige Bestehen seiner Reihe "edition suhrkamp" feierte, sorgte die Berliner Philosophin Sibylle Krämer für begriffliche Klarheit: "Es liegt im Wesen der Utopie, daß sie nicht verwirklichbar ist. Wo sie zum Programm wird, wird sie totalitär."

Als Siegfried Unseld vier Jahre nach dem Tod des Gründungsverlegers Peter Suhrkamp mit seiner Taschenbuchreihe für darbende Studenten und elitäre Hungerleider begann, hatte sich der Verlag die Utopie zwar nicht auf die Fahne geschrieben, wie hr-Moderator Peter Kemper bemerkte, aber die Umschläge, die Graphiker Willy Fleckhaus entworfen hatte, sprachen Bände: 48 im Jahr in den Spektralfarben der Sonne. Kurz: die "edition suhrkamp" oder noch kürzer "es" hatte sich unter ihrem ersten Herausgeber Günther Busch dem Wunschbild des Regenbogens verschrieben und war mit Brechts "Leben des Galilei" in Räume aufgebrochen, die im korrekten Sinne des Wortes nicht zu verorten sind. Nach annähernd 2350 Bänden und dem politischen Scheitern der Linksutopien rief der Münchner Soziologe Ulrich Beck nun nach neuen Utopien, die das Land brauche, insbesondere aber die "edition".

Doch das "Lob der Utopie", wie es das Festprogramm der Matinee vorsah, wollte den Teilnehmern der Podiumsdiskussion nicht so recht gelingen. Sloterdijk erhob Einspruch gegen das Wort "brauchen", das sich mit ideellen Konzepten nicht vereinbaren lasse, sondern eher religiös anmute. Er kam auf Utopias ursprünglichen "Insel-Charakter" zu sprechen, nannte die Utopie des 16. Jahrhunderts eine "Reise in der Horizontalen" und dachte dabei nicht an Huris, sondern an Amerika. Sibylle Krämer pflichtete ihm bei und ging dann auf das utopische Potential der Biotechnologie ein, das Beck angesprochen hatte. Wissenschaft und Technik seien zu Statthaltern des utopischen Denkens geworden, konstatierte die Philosophin, die aber auch keinen Weg weisen konnte aus dem Dilemma zwischen dem Utopischen und der apokalyptischen Selbstaufhebung der Utopie in ihrer programmatischen Realisierung.

"Unterm Regenbogen", wie sich die Festveranstaltung nannte, hatten jedoch vor den Theoretikern die Dichter das Wort. Nachdem sich Raimund Fellinger als Ex- und Alexander Roesler als künftiger Herausgeber vorgestellt hatten, Norbert Gstrein die Taschenbuchreihe als "intellektuelles Über-Ich einer ganzen Generation von Jugendlichen" gewürdigt und die "Erkenntnis freier Menschen" sowie die "Suche nach einer Mitte" als ihr Programm ausgemacht hatte, wollten Peter Kemper und Heiner Boehnke von den Autoren wissen, wie die "edition" ihr Leben verändert habe. Josef Winkler, Thomas Rosenlöcher und Albert Ostermaier haben dank der Bücher von Peter Weiss mit "es" und vor allem mit sich selbst Bekanntschaft gemacht. Aktionskünstler Christoph Schlingensief war einst auf Empfehlung von Alfred Edel auf Habermas gestoßen, sucht aber in Büchern eigentlich nur noch nach Keywörtern, seit er Enid Blyton ausgelesen hat. Angela Krauß kann zwar mit Theoretikern nicht viel anfangen, hatte sich aber einmal in der Eisenbahn von einem zerlesenen Wittgenstein bestätigt gefühlt: "Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schreiben."

Claudia Schülke

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