Von Jürgen Richter
09. April 2008 Die Erfüllung der Träume verspricht das Leben nicht in dem Dorf in den Savoyer Alpen, wo der Milcheimer den höchsten Stand der Zivilisation darstellt. Die Söhne zieht es nach Paris, nach Amerika oder in den Krieg. Diesen Ausweg hat Lucie nicht, die, zwischen drei Brüder geboren, der ungeteilten Zuneigung ihrer Familie und der Gesellschaft nicht sicher sein kann. Mit ihrem Zwergenwuchs ist sie auch durch ihre gute Leistung in der Schule nicht vor Demütigungen geschützt, und später bringt ihr das Dasein nicht viel mehr als deprimierende Kuhstallerotik.
Mit Simon McBurneys Die drei Leben der Lucie Cabrol“ hat das Frankfurter Kellertheater eine der unscheinbaren Heldinnen entdeckt, wie man sie aus dem Werk Ödön von Horváths kennt. Die Bauerntochter, die sich bei anderen Autoren möglicherweise bei ähnlich unglücklichem Ausgang als Magd in die große Stadt verlaufen hätte, bleibt hier in der Heimat, wird nach dem Tod der Eltern und dem Einzug einer Schwägerin in eine Berghütte vertrieben und träumt nun nicht mehr von der weiten Welt, sondern von der Heimkehr in ihr Dorf. Beeren und Pilze sammelt sie, verkauft sie auf dem Markt und ist sich sicher, dass das gehortete Geld sie zurückbringen wird. Als Tote kommt sie heim, nachdem sie wegen der Ersparnisse erschlagen worden ist.
Muhen, Grunzen, Gackern
Mit dem zeitneutralen Interieur aus hellem Kiefernholz ist die Szene fast zu freundlich für den trübsinnigen Blick in ein unidyllisches Landleben. Schon eher lässt die Garderobe aus derbem Leder und ausgebeultem Cord die Lustlosigkeit ahnen in einer von Muhen, Grunzen und Gackern vorgegebenen Takt, in dem allenfalls das gierige Löffelklappern bei einer Hochzeitsfeier einen anderen Rhythmus einbringt. Hier sitzen die Insassen ein Urteil ab, das für keine Straftat verhängt wurde. Die Erbsünde wird dafür umso unmissverständlicher als überliefertes Fehlverhalten vorgelebt.
Unter der Regie von Andreas Müller kommt das Kellertheaterensemble nie in die Gefahr oberflächlicher Bauernspiele, die Akteure entledigen sich auch der geforderten Grobheit mit Disziplin. Wenn manchmal zu laut aufgetragen oder mit den Requisiten gerasselt wird, muss man das nicht mögen. Die Anspielungen und Zwischentöne kommen gleichwohl zum Tragen. Dass das naturnahe Leben auch seine animalischen Seiten hat, wird mit der Übernahme von Tierrollen durch die menschlichen Darsteller wie selbstverständlich angedeutet. Und wenn sich mit Michael Kehr ein Mann in Kopftuch und weitem Rock der Titelrolle anverwandt hat, wird das ihrer aussichtslosen erotischen Erwartung nur gerecht. Mit seiner holzschnittartigen Mimik zwischen List und Verbitterung gibt er diesem Passionsspiel ein ganz persönliches Gesicht.
Weitere Aufführungen am 11., 12., 18. und 19. April, am 30. und 31. Mai, am 6., 7., 13. und 14. Juni, jeweils 20.30 Uhr.
Text: F.A.Z.
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