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Darmstadt

Das leise "Dennoch": Krizanovic' Fotografien in der Galerie Artis

Alltag afghanischer Bauern, festgehalten von Mirki KrizanovicAlltag afghanischer Bauern, festgehalten von Mirki Krizanovic
28. Oktober 2004 

Manchmal genügt ein Bild, um zu begreifen, was das alles bedeutet: Die Nachrichten aus fernen Ländern, in denen von Krieg und Flucht, der "prekären Lage" oder von Normalisierung die Rede ist. Nie gab es mehr Bilder aus den Krisengebieten dieser Welt, nie waren wir besser informiert, doch bleibt das Geschehen oft merkwürdig abstrakt. Afghanistan, zum Beispiel. Seit Deutschland, wie Peter Struck einst verkündete, am Hindukusch verteidigt wird, ist das von Krieg und Bürgerkrieg, von Gewaltherrschaft und Terror heimgesuchte Land näher gerückt. Von den Menschen und ihrem Alltag aber, von ihren Hoffnungen und ihren Ängsten, ihren Sorgen und dem kleinen Glück wissen wir wenig.

Es sind Fotografen wie Mirko Krizanovic, die mit ihren Bildern jene Geschichten zu erzählen imstande sind, die hinter den Schlagzeilen verschwinden. Als Bildjournalist, von 1987 bis 1994 als Redaktionsfotograf dieser Zeitung, hat er sich in den vergangenen Jahren vorwiegend der klassischen Reportagefotografie in Schwarzweiß zugewandt, die, stets an den Menschen interessiert, ihnen doch immer mit Respekt begegnet, nie, und sei es in den elendsten Umständen, ihre Würde antastet. Lediglich zehn in diesem Jahr in Afghanistan entstandene Aufnahmen hat er für die Ausstellung in der Darmstädter Galerie Artis (Prinz-Christians-Weg 1) ausgewählt, wo derzeit 80 Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren zu sehen sind.

Schülerinnen einer Mädchenschule in Kundus etwa, die in einer Mischung aus Neugier und Stolz, Scheu und Mißtrauen in die Kamera blicken; die Arbeiter in der geradezu mittelalterlich anmutenden Getreidemühle; eine ganz in ihre Burka gehüllte und bettelnd auf dem Boden kauernde Kriegswitwe; oder jener Bauer, der in Begleitung seines Sohnes mit einer hölzernen Hacke sein Feld bestellt. Schlichte, alltägliche Szenen hat Krizanovic festgehalten, und doch sehen wir mehr als 20 Jahre Krieg und Bürgerkrieg, Leid und Elend und, immer wieder, Optimismus und neuerliche Hoffnung gespiegelt.

Dabei offenbaren seine Bilder, gleich ob aus Rußland oder Usbekistan, aus Afrika oder dem Kosovo, immer wieder einen bemerkenswerten Blick fürs Detail. Krizanovic ist ein Meister in der Wahl des Ausschnitts, und stets ahnt er jenen Moment, der aus einem fotografischen Dokument ein Bild werden läßt, das mehr zu erzählen vermag, als es zeigt.

Das gilt für die starke Auswahl von Fotografien aus Albanien und dem Kosovo ebenso wie für die Bilder aus Uganda. Und spätestens hier, am Beispiel eines Themas, das in der Medienöffentlichkeit keinerlei Beachtung findet, zeigt sich exemplarisch, was die Fotografie, wie Krizanovic sie betreibt, vermag. Zwei im Grunde unspektakuläre Prints hat er im großen Format zu einem Diptychon gehängt, das Bild einer Pinwand mit Hunderten von Paßfotos und die Aufnahme eines Mädchens in einem Dorf an der sudanesischen Grenze. Was man sieht aber, was der Betrachter wohl kaum ermessen, doch immerhin ahnen mag, ist das stille Drama eines jahrzehntelangen Kampfes gegen die Schlafkrankheit. Und wie so oft ist es ein leises "Dennoch", ist es der Funken Optimismus, der aus den Fotografien spricht, der zutiefst berührt. Daß Krizanovics Bilder von den Menschen erzählen, ohne sie bloßzustellen und ohne einen falschen Ton zu treffen, darin liegt das Geheimnis seiner Kunst. CHRISTOPH SCHÜTTE

Bis 6. November, Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag von 11 bis 15 Uhr geöffnet.

Bildmaterial: c Mirko Krizanovic

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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