Erinnerung an Bücherverbrennung

Geistige Heimat der einst Verfemten

Von Hans Riebsamen

09. Mai 2008 Joseph Roths Namen stand auf allen „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, welche die Reichsschrifttumskammer damals herausgegeben hat. Vermutlich ist auch sein Roman „Hotel Savoy“ am 10. Mai 1933 auf dem Römerberg Opfer der Flammen geworden, jener Roman, der im Februar und März 1924 als Vorabdruck in der „Frankfurter Zeitung“, der Vorgängerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, erschienen war.

Seit Januar 1923 war Roth ständiger Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“, ihr blieb er bis 1929 verbunden. Als Freund Benno Reifenbergs, des renommierten Feuilleton-Redakteurs der „Frankfurter Zeitung“, wohnte er während seiner Frankfurt-Aufenthalte oft in dessen Haus am Grüneburgweg 95. „Die Frankfurter Zeitung“, so schreibt Roth 1928 aus Paris in einem Brief an Reifenberg, „betrachte ich nicht als Sprungbrett, höchstens als eine Sprungmatratze, ähnlich der, die wir im Varieté gesehen haben. Sie ist mein einziger heimatlicher Boden und ersetzt mir so etwas wie ein Vaterland und ein Finanzamt.“ Sein Verhältnis zur „Frankfurter“ war indes nicht ungetrübt, zuweilen sah Roth seine Leistungen nicht genug gewürdigt.

Thomas Mann, Stefan Zweig - bekannte Schriftsteller gingen ins Exil

Am frühen Morgen des 30. Januar 1933, noch bevor die Nachricht von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bekanntgegeben worden war, fuhr Roth nach Paris. Sein Exil dauert bis 1939. Am 23. Mai jenes Jahres brach er auf die Nachricht von Ernst Tollers Selbstmord in New York hin zusammen. Vier Tage später starb er im Hôpital Necker am Delirium tremens – in der Verzweiflung des Exils hatte er sich buchstäblich zu Tode getrunken. Hellsichtig hatte er schon kurz nach seiner Emigration in die Zukunft gesehen. Mitte Februar 1933 schrieb er an Stefan Zweig: „Inzwischen wird Ihnen klar sein, dass wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg.“

Roth, Thomas und Heinrich Mann, Stefan Zweig – diese Großschriftsteller und ihre Werke sind trotz ihres Exils nicht vergessen. Doch nach Hitlers Machtübernahme und nach den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 haben unzählige weniger bekannte Schriftsteller, Journalisten und Publizisten ebenso Nazi-Deutschland und später Österreich und die Tschechoslowakei verlassen, weil sie um ihr Leben und ihre Freiheit fürchten mussten, vor allem aber, weil sie nicht mehr veröffentlichen durften. Auf 2500 wird die Zahl dieser Emigranten heute geschätzt, dazu kommen rund 2000 Wissenschaftler. Zum Beispiel der Frankfurter Finanzwissenschaftler Fritz Neumark. Die Nazis vertrieben ihn als Juden aus der hiesigen Universität, Neumark wurde Professor an der Universität Istanbul. Nach seiner Rückkehr 1952 nach Frankfurt wurde er zweimal zum Rektor der Goethe-Universität gewählt, er gilt als einer der Väter der Deutschen Mark.

Die meisten Exil-Autoren waren nach dem Krieg vergessen. Ihre Namen und Schriften wären wohl größtenteils auf Nimmerwiedersehen verschwunden, hätte nicht Wilhelm Eppelsheimer, der Gründer der Deutschen Bibliothek in Frankfurt, die Aufgabe auf sich genommen, die einst verbotenen Schriften nach Deutschland zu holen. Im „Deutschen Exilarchiv 1933–1945“ in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt haben die vertriebenen Schriftsteller, aber auch viele verfemte Wissenschaftler postum ein geistiges Vaterland gefunden.

Exil-Forschung findet mittlerweile Anerkennung

Etwa 18.000 Bücher und Broschüren, außerdem 10.000 Zeitschriftenbände und -hefte von rund 1100 Zeitschriftentiteln, dazu weit mehr als 200 Nachlässe umfasst das Frankfurter Exilarchiv. Selbst Brita Eckert, die Leiterin dieser Spezialbibliothek, hat nicht alles im Gedächtnis. Aber es gibt kaum jemanden in Deutschland, der die Exilliteratur so gut kennt wie sie und der sich mit so viel Leidenschaft für sie einsetzt. 1979 hat Eckert ihre erste große Ausstellung in der Deutschen Bibliothek vorgestellt, sie handelte von ebenjenem Joseph Roth, der über die „Frankfurter Zeitung“ in Verbindung stand mit der Stadt. Eröffnet hat die Schau übrigens Marcel Reich-Ranicki – womit sich ein Kreis schließt.

272 Treffer zeigt der Computer an, wenn man im Internet-Katalog Exil-Werke der Deutschen Nationalbibliothek den Namen Joseph Roth eingibt. 39 weitere Einträge finden sich im noch nicht digitalisierten Katalog „Deutsches Exilarchiv 1933–1945“. „Radetzky march“, „La marche de Radetzky“, „Radetzky-mars“, „Radetzkymarsjen“: Jener Roman, den die Deutschen und Österreicher nicht mehr lesen durften, ist damals in anderen europäischen Ländern veröffentlicht worden, in England, Frankreich, den Niederlanden oder in Norwegen. Alle diese Ausgaben und die vieler anderer Werke Roths stehen in den Regalen des „Deutschen Exilarchivs“. Neben denen Hunderter anderer Exil-Schriftsteller.

1948, als Eppelsheim den Entschluss fasste, eine Bibliothek der Emigrantenliteratur aufzubauen, war das öffentliche Interesse an den Emigranten gleich null. Mittlerweile hat die Exil-Forschung auch in der Politik Anerkennung gefunden. Als 1997 Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bei der Eröffnung des Neubaus der Deutschen Bibliothek auch das Exil-Archiv besuchte, zeigte er sich beeindruckt. „Hier nicht sparen!“, schärfte er dem damaligen Bibliotheksdirektor Klaus-Dieter Lehmann ein. Die Nationalbibliothek hat sich an den Rat gehalten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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