Von Eva-Maria Magel
25. Juli 2008 Diesmal wird auch gesungen. Und Michael Quast, dem es seit Jahren sozusagen spielend gelingt, ganze Operetten allein zu stemmen, gefällt dieses neue Element offenbar ganz besonders gut. Wenn nächsten Mittwoch Molières Der Menschenfeind“ im Garten des Höchster Bolongaro-Palasts Premiere hat, wird ein Fagottist auf der Bühne dabei sein und das Ensemble wird barocke Lieder intonieren.
Nicht zu vergessen die Kammermusik auf den Nachbauten historischer Instrumente, die es dieses Jahr vor jeder Vorstellung im Garten geben wird, zwischen den Ständen mit Erfrischungen, den Sphingen und barocken Putti und dem Neptun-Springbrunnen vor der reizenden Fassade des Bolongaro-Palasts. Silke Wustmann wird als kostümierte Frau Bolongaro“ vor den Vorstellungen durch Haus und Garten führen und Anekdoten aus jener Zeit erzählen, als der reiche Herr Bolongaro sich sein bürgerliches Schlösschen errichten ließ.
Wir loten aus, was an diesem Ort möglich ist“
Schließlich heißt das Festival, das der 49 Jahre alte Quast dort zusammen mit Wolfgang Deichsel und seinen Schauspielerkollegen im vierten Jahr veranstaltet, Barock am Main“ – und diesem Motto gehen er, Deichsel und Schauspieler wie Hildburg Schmidt und Matthias Scheuring, seit beinahe zwei Jahrzehnten ein eingespieltes Team, noch ein wenig mehr auf den Grund.
Wir loten aus, was an diesem Ort möglich ist“, sagt Quast. Es scheint eine ganze Menge zu sein. Im vergangenen Jahr haben 11 000 Besucher Quast in den Hauptrollen der von Deichsel ins Hessische übertragenen und bearbeiteten Fassungen von Molières Eingebildetem Kranken“ und Die Schule der Frauen“ gesehen – das Festival finanziert sich mit einigen wenigen Zuschüssen bislang nur aus den Eintrittskarten.
Beim hessischen Molière ist noch einiges zu erwarten
Mit dem Menschenfeind“, der Anfang der siebziger Jahre einmal in Darmstadt gezeigt wurde, habe das Ensemble etwas ganz Neues“ im Programm. Nur Hildburg Schmidt war damals schon dabei, als Cäcilie, wie in Deichsels Fassung gut hessisch Molières Célimène heißt, Alkests gesellschaftsliebende Freundin. Diesmal gibt Schmidt die Arsinoe, Regie führen Wolfgang Deichsel und Sarah Groß. Dass der Freund noch einiges in der Schublade“ hat an hessischen Übertragungen auch Molièrescher Stücke, weiß Quast – bislang allerdings hat noch kein neues Werk das Licht der Bühne erblickt.
Das könnte anders werden, hofft Quast doch, wenn er 2009/2010 die künstlerische Leitung des Frankfurter Volkstheaters von Liesel Christ übernimmt, dem Deichselschen Werk auch in seiner neuen Wirkungsstätte einen festen Platz zu geben. Warum nicht im Winter einen Molière spielen, der gerade nicht sommers in Höchst auf dem Programm steht? Denn den Ort will Quast, der mit seinen Kollegen als eigene Gesellschaft das Festival Barock am Main“ für den Bund für Volksbildung Höchst bespielt, trotz der noch höheren Arbeitsbelastung weiter für das Sommer-Festival nutzen. Sogar eine Ausweitung des Programms, bis hin zu Musiktheater, kann er sich vorstellen. Dieser Ort inspiriert uns.“
Volkstheater-Begriff mit neuem Leben füllen
Warum nicht auch Cyrano de Bergerac“ oder Jedermann“ im barocken Ambiente des Palastes auf Hessisch? Dem Volkstheater, seiner künftigen Haupt-Wirkungsstätte, sieht Quast, der im vergangenen Jahr den Binding-Kulturpreis erhalten hat, dadurch keine Konkurrenz erwachsen, im Gegenteil. Gastspiele, die Barock am Main“ bei anderen hessischen Festspielen mittlerweile gegeben hat, machten das Festival bekannter und lockten Zuschauer, stellt Quast fest.
Im Volkstheater hingegen will er nicht nur auf hessische Mundart setzen, sondern den Volkstheater-Begriff mit neuem Leben füllen. Zwar sei die Mundart für das Haus eine Art Alleinstellungsmerkmal“, sagt Quast, aber: Es muss einen Grund haben, warum man was und wann auf Hessisch spielt.“ Reine Übertragungen in den Dialekt schätzt er nicht, dafür aber Volkstheaterautoren von Goldoni bis Dario Fo“.
Faible für Jacques Offenbach
Deichsels Molière-Übertragungen zeigten exemplarisch den guten Umgang mit dem Dialekt, findet Quast, der neben seiner Tätigkeit in der Leitung auch selbst viel spielen und ein regelrechtes Repertoire aufbauen will. Vor dem Amtsantritt wird er, nach einem dringend nötigen Urlaub im Herbst – vielleicht der letzte“ – in der Essener Philharmonie die Reihe seiner Ein-Mann-Offenbach-Operetten mit der Schönen Helena“ fortsetzen, die später auch in Frankfurt zu sehen sein soll. Kraft und Organisationsvermögen werde er sicher brauchen, so Quast, zumal er ein paar Gastspiele außerhalb Frankfurts, wo er mit Frau und Kindern lebt, gern auch noch geben möchte.
Dass er Jacques Offenbach so gern inszeniert und spielt, liegt wohl auch daran, dass dieser für Quast auch als Theaterleiter mit Verantwortung für sein Ensemble ein Vorbild ist: Hätte er keine großartigen Stücke gemacht und immer wieder daran geändert, hätte er zumachen können“, erklärt Quast. Die Balance von künstlerischer Freiheit und ökonomischem Zwang zum Erfolg, wie er sie als freischaffender Künstler kennt, müsse kein Nachteil sein, findet Quast: Der Reiz des Pragmatismus liegt darin, dass er einen davor bewahrt, abzuheben.“
Das Festival Barock am Main beginnt am 30. Juli um 20 Uhr mit der Premiere von Der Menschenfeind, vom 15. bis zum 31. August ist Der eingebildet Kranke zu sehen. Informationen gibt es im Internet unter www.barock-am-main.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wolfgang Eilmes
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