„Volpone“ im Volkstheater

Frivole Füchse

Von Claudia Schülke

23. April 2008 Füchse sind schlau. Das weiß jedes Kind. Wildbiologen und Fabeldichter wissen auch, dass die Tiere sich gern tot oder waidwund stellen, um geflügelte Beute anzulocken. So wie der wohlhabende Venezianer Volpone, der sich als scheinbar Moribunder an drei Erbschleichern bereichert: dem Advokaten Voltore, dem Greis Corbaccio und dem Kaufmann Corvino. Dabei ist ihm sein Parasit Mosca behilflich. Als sich diese „Schmeißfliege“ aber am Testament des Gebieters vergreift, wird Volpone plötzlich quicklebendig, und der Schwindel fliegt auf. Ein Gericht spricht die Guten frei und bestraft die Lasterhaften - wie es üblich war in den Moralitäten des Mittelalters, die bis in das elisabethanische Zeitalter hinein die Theaterspielpläne beherrschten.

Mit nicht enden wollendem Schlussapplaus bedankte sich das Premierenpublikum im Frankfurter Volkstheater für einen glanzvollen Abend. Regisseurin Sylvia Hoffmann hatte Ben Jonsons gallige Komödie „Volpone oder Der Fuchs“ in der deutschen Fassung von Simon Wehrle inszeniert. Der Münchner Meisterübersetzer nimmt kein Blatt vor den Mund. Er weiß: Shakespeares Zeitgenosse musste ein Publikum zufriedenstellen, das an drastische Komik und deftige Burlesken gewöhnt war. Wenn es also um die erotische Würze geht, ist Wehrle nicht kleinlich und erfindet gelegentlich etwas hinzu, das in den Blankversen des Originals gar nicht steht: die „Hammelhoden“ etwa, mit denen Freifrau von Halbwerth den siechen Volpone kurieren will.

Die renommierte „Tatort“-Regisseurin Hoffmann zeigt, dass sie das szenische Handwerk auch jenseits der Fernsehkamera beherrscht. In Rainer Schönes geschmackvollem Bühnenbild aus Renaissancefassaden und Lagunenprospekt führt sie souverän ein Ensemble ungleicher Schauspieler in historischen Kostümen, arrangiert Tableaus und Gerichtsbilder von hoher Ästhetik und starker räumlicher Spannung und vermeidet weitgehend die Klamotte, die sich gelegentlich anbietet. Vor allem Wilfried Elste als schamloser Ehemann Corvino und Kurt Spielmann als babbelnder Frankfurter Kaufmann von Halbwerth neigen zum Übertreiben. Heinz Werner Kraehkamp hält seinen Volpone frei davon. Der Schauspieler und Regisseur, der die kommende Saison mit seiner vierten Volkstheater-Inszenierung (“Tratsch im Treppenhaus“) eröffnen wird, hat ein anderes Kaliber als der Rest des Ensembles. In einem Stück, das von seiner Titelrolle lebt, mag das angehen. Und da Volpone den größten Teil des fünfaktigen Abends in seinem Lehnsessel sitzen muss, ist es seinem Darsteller auch nicht vergönnt, andere an die Wand zu spielen. Sobald er sich aber hervorwagt, verkleidet als fahrender Quacksalber und Gerichtsbüttel, tritt er wie in Eigenregie auf: gelöst und souverän, ohne outrierendes Blendwerk und chargierendes Beiwerk, ein Künstler, dem es Spaß macht, sich zu verwandeln.

Nicht nur in dem niederträchtigen Mosca Oscar U. Ehrlichs hat er einen kongenialen Partner gefunden, sondern auch in der Freifrau von Halbwerth. Silvia Tietz blüht auf in der Rolle der überspannten Frankfurterin, die vor lauter Geilheit Männlein und Weiblein nicht mehr unterscheiden kann. Steffen Wilhelm macht als gieriger Advokat geschmeidige Figur, Jack Recknitz stolpert am Stock seines senilen Corbaccio, der den eigenen Sohn enterbt, um Volpone zu beerben. Michael Schatkowski und Yana Karkalis haben es schwer mit ihren Langweiler-Rollen des braven Filius und der entehrten Gattin Corvinos. Axel Küffe dagegen kann als Richter am Ende noch auftrumpfen, und Gabriel Spagna ist ein allerliebster Lautenschüler, der mit seinem charmanten Augenaufschlag so manches Möchtegern-Herz in eine Laute verwandelte.

„Volpone oder Der Fuchs“ ist bis 28. Juni im Frankfurter Volkstheater zu sehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frankfurter Volkstheater

 

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