Von Roland Zorn
27. März 2008 Der letzte große Test vor der Europameisterschaft werde auch anderswo wahrgenommen, hat Michael Ballack vor dem imponierenden 4:0 der deutschen Nationalmannschaft über die Schweiz gesagt. Und das hat die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw nun davon: Sie ist spätestens seit Mittwoch einer der großen Favoriten auf den Titelgewinn, brachte sie doch Test und Fest in Basel auf einen Nenner.
Die Fähigkeit, dann, wenn es langsam darauf ankommt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, physische Vorteile, läuferische Vorzüge und kollektiven Zusammenhalt ausspielen zu können, leuchtete hell im St.-Jakob-Park, während die Gruppengegner des Turniers in Österreich und der Schweiz gleichzeitig mehr Schwächen als Stärken demonstrierten. Kroatien erkämpfte immerhin noch ein 1:1 in Schottland, Österreich ließ sich eine 3:0-Führung gegen lange orientierungslose Holländer noch nehmen und verlor am Ende in Wien 3:4, Polen blamierte sich beim 0:3 gegen die Vereinigten Staaten: Ergebnisse, die Aufschlüsse lieferten, aber keine letzten Erkenntnisse bargen. Gleichwohl kann Deutschland voller Zuversicht den ersten Teil der Europameisterschaft ins Auge fassen, da die eigene Qualität Spitzenansprüchen genügen dürfte.
Europameisterliche Vorfreude
Seitdem Kapitän Michael Ballack nach langer Verletzung ins Nationalteam zurückgekehrt ist, stimmt auch die interne Hierarchie mit ihm als unbestrittenem Anführer wieder. Ballack hat in Basel die Gelegenheit genutzt, sich als kritischer Geist zu zeigen, und deutlicher als sogar der Bundestrainer auf Defizite der jüngeren Vergangenheit hingewiesen. Mag sein, dass sich Joachim Löw, der lieber den Aufbauhelfer gab, und Ballack, der seinen ehrgeizigen Anspruch knallhart formulierte, hier die Arbeit geteilt haben – jedenfalls zeigt die Nationalmannschaft mit Löw, Manager Oliver Bierhoff und Ballack nun auf allen Führungsebenen ein Profil, das dem großen Ganzen gut tut.
In Basel dokumentierten alle eingesetzten Spieler so etwas wie europameisterliche Vorfreude. Sie rannten mehr als in den davor eher mauen Partien gegen Österreich und Wales, sie kämpften wie in einem Meisterschaftsspiel voller Hingabe, sie hatten die taktischen Vorgaben Löws verinnerlicht und bestanden so einen Charakter- und Eignungstest mit Auszeichnung.
Konkurrenzdruck im intakten Team
Dass über allem die Fitness stehen muss, um dem Härtefall EM gewachsen zu sein, demonstrierte der Bundestrainer am Fall Bernd Schneider. Der Leverkusener läuft im Verein seiner Form hinterher und spielte deshalb auch am Mittwoch in der Nationalelf keine Rolle. Mit diesem pädagogischen Hinweis wollte Löw indirekt auch sagen, dass mögliche Rückkehrer wie Frings und Metzelder nur dann erste Wahl sein können, wenn sie den physischen Anforderungen an einen Spitzensportler der Spezies Fußballspieler genügen.
Joachim Löw sieht sich gegenüber verdienten Kräften jedenfalls nicht als Aussteller von Freifahrscheinen und schürt damit noch einmal zusätzlich den Konkurrenzdruck in seinem intakten Team. Was folgt, sind die Nominierung des Kaders und der Feinschliff im Trainingslager auf Mallorca und im EM-Mannschaftsquartier in Ascona. Die Richtung hin zum Ziel Titeleroberung, das hat die EM-Vorprüfung von Basel gezeigt, stimmt. Sie muss nun Spiel für Spiel bestätigt werden. Das aber wird noch schwer genug.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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