Von Sebastian Priggemeier, Gießen
12. Januar 2007 Drei Worte sorgen bei Fußballfreunden für feuchte Handflächen: Tor des Jahres. Nicht auszudenken, dass die Fußballrepublik Deutschland Woche für Woche Hunderte von Traumtoren verpasst – schließlich bejubeln über sechs Millionen Freizeitkicker ihre Treffer abseits der TV-Kameras.
Kreisklassen-Diegos kommen jetzt durch ein Giessener Internet-Projekt zu medialer Aufmerksamkeit: Hartplatzhelden.de, eine Art You Tube“ für Fußball-Amateure, veröffentlicht Videomitschnitte von Spielen und prämiert die Szenen des Jahres. Warum soll es das ‚Tor des Jahres‘ nur für Bundesligaprofis geben? Die Aktion ist der Anpfiff zur ersten Videoplattform von und für Amateurfußballer“, sagt Oliver Fritsch, der Chefredakteur der Hartplatzhelden.
Gute Kontakte in die Kicker-Szene
Der 35 Jahre alte Sportsoziologe weiß, wie die Kugel rollt: Seit fünf Jahren veröffentlicht Fritsch die tägliche Fußball-Presseschau indirekter-freistoss.de – seine Kontakte zur Kicker-Szene sind so gut, dass er neben Miroslav Klose, Marco Bode und Oliver Bierhoff auch Günther Jauch, Marcel Reif und Gerhard Delling für die Hartplatzhelden-Jury verpflichtet hat. Unsere Mannschaft hat ein gemeinsames Problem: Sie kann immer nur an Fußball denken“, sagt Fritsch.
Und am häufigsten geht das Runde eben da ins Eckige, wo die Bratwurst noch einen Euro kostet und die Schiedsrichter nicht über Funk vernetzt sind: auf den Hart- und Tennenplätzen der Nation. Die Amateurfußballer sind die größte Sportgemeinschaft in Deutschland. Jede Woche finden zehntausende Spiele vor einem Millionenpublikum statt, aber in den überregionalen Medien kommt das Massenphänomen Amateurfußball kaum vor“, sagt Fritsch. 6,35 Millionen Mitglieder hat der Deutsche Fußball-Bund, organisiert in 25.805 Vereinen mit 171.877 Mannschaften. Wie viele Millionen Freizeitkicker dem Leder in bunten Ligen nachjagen, ist nicht bekannt.
Bereits 500 Videos
Mit der neuen Videoplattform hat das Web 2.0 jedenfalls die Bolzplatzebene erreicht, in den kommenden Jahren soll mit Hilfe von potenten Medienpartnern eine interaktive Fußball-Community“ aufgebaut werden. Aktuell laufen die Clips im Fahrgast-TV der Berliner U-Bahn und auf den Internetseiten der Magazine Stern und Kicker.
Noch bis zum 15. Januar sammeln Fritsch und Co. 30sekündige Clips, die auf www.hartplatzhelden.de hochladbar und anschaubar sind – jeder Besucher der Homepage darf die Szenen bewerten und ranken. Bisher sind bereits knapp 500 Videos eingeschickt worden. Mit Ausnahme von Profis sind sämtliche Fußballer teilnahmeberechtigt“, so Fritsch. Das Videomaterial muss dabei nicht zwingend aktuell sein, viele Mitschnitte stammen aus Vereinsarchiven.
Neue Perspektiven
Wer die Clips anklickt, erlebt Fußball-unplugged: Hintertorkamera, 16:9-Format, Perspektivwechsel? Fehlanzeige. Statt HD-Qualität bieten die Hartplatzhelden im wahrsten Sinne des Wortes Amateurvideos; purer Fußball, stilecht-verwackelt, charmant. Jeder Klick auf ein neues Video ist wie ein Ausflug auf den Sportplatz um die Ecke, nur der typische Bolzplatz-Geruch von feuchter Erde, frisch gekapptem Rasen und Kalk fehlt.
Ende Januar wählt die Promi-Jury die besten Szenen 2006 in den Kategorien schönstes Tor, spektakulärste Parade, Fairplay, bester Torjubel und Pechvogel des Jahres“, erklärt Fritsch. Weil auf dem Platz aber auch gerne mal was schief läuft, gibt es auch einen Preis für die misslungenste Grätsche: einen Sportarzt-Koffer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS