Krawalle

Allein gegen die Gewalt

Von Michael Eder, Frankfurt

13. Februar 2007 Eigentlich sollte es bei der Fachkonferenz zu Sicherheitsfragen im Fußball um Großereignisse gehen, um ein Fazit der Fußball-WM 2006 und einen Ausblick auf die EM im kommenden Jahr. Doch alle Vorträge in Frankfurt dienten nur als akademischer Füllstoff, die Diskussion rund um die Tagung bestimmten brennend aktuelle Themen: der Zustand des italienischen Fußballs und die Ausschreitungen rund um das Pokalspiel zwischen Lok Leipzig und Erzgebirge Aue, die nun zur Absage von 60 Fußballspielen in Leipzig führten.

Gefragter Gesprächspartner war Udo Ueberschär. Er leitet das Fanprojekt Leipzig, das heißt: Er leitet es nicht, er ist es. Er betreut im Alleingang zwei Vereine mit großem Gewaltpotential: Sachsen Leipzig und Lok Leipzig. Der Gewaltexzess am vergangenen Wochenende hat ihn nicht überrascht. „Ich habe immer davor gewarnt, dass der Deckel wegfliegt“, sagt er. „Und das ist jetzt geschehen.“

Randalierer aus dem Lager der sozialen Absteiger

Dass es in Leipzig geschah, sieht er als Zufall an. „Es hätte genauso gut in Dresden, Magdeburg oder bei Union Berlin passieren können. Das ist kein Leipziger Phänomen.“ Ist es ein Ost-Phänomen? „Es ist ein gesellschaftliches Phänomen“, sagt Ueberschär. Die Randalierer seien keine klassischen Hooligans – eine Einschätzung, welche die Fachleute in Frankfurt teilten.

Die Leipziger Randalierer ortet Ueberschär im Lager der sozialen Absteiger: „Das sind Jugendliche ohne Anerkennung und Perspektive. Sie sind Opfer der Gesellschaft und Täter im Fußball.“ Allein mit Härte, diese Meinung vertritt Ueberschär mit Nachdruck, sei dieser sozialen Randgruppe nicht beizukommen. Natürlich argumentiert der Leipziger Fanbetreuer im Zusammenhang mit „Problemfans“ nicht gegen eine Verfolgung von Straftaten, doch er plädiert im gleichen Atemzug dafür, die Wahl der Mittel zu bedenken. „Mehr Repression“, sagt er, „erzeugt mehr Hass.“ Auch die Leipziger Randale habe eine lange Vorgeschichte.

Falsche Leute mit Deutungshoheit auf den Tribünen

Zu dieser Vorgeschichte gehört, wie der Soziologe Gunter A. Pilz sagt, dass man im Osten Deutschlands lange Zeit „die Augen vor den strukturellen Problemen verschlossen“ habe, die da heißen: Traditionsklubs mit großem Fanpotential spielen in unteren Ligen und in maroden Stadien. Gerade in Leipzig habe man „über Jahre weggeschaut“, sagt auch Ueberschär. In Jahren des Nichtstuns hätten „die falschen Leute die Deutungshoheit auf den Tribünen gewonnen“.

Es gehe auch um Prävention, argumentiert Ueberschär, um eine professionelle und personell vernünftig ausgestattete Betreuung der Fans. Diese sei in der Vergangenheit an den großen Fußball-Standorten im Westen gewährleistet gewesen, doch habe man die Standorte im Osten vernachlässigt. Jetzt endlich wird auch in Leipzig eine zweite Stelle für das Fanprojekt ausgeschrieben, doch auch das ist zu wenig. Zwei, drei Sozialarbeiter seien notwendig, sagt Ueberschär – für jeden der beiden Vereine.

Repressionsschraube nicht überdrehen

Wohin es führt, wenn sich in und um marode Stadien die Gewalt aufschaukelt, weil sie zunächst nicht ernst genommen wird und dann aus dem Ruder läuft, zeigt das Beispiel Italien. Carlo Balestri vom „Progetto Ultra“ aus Bologna kritisierte in Frankfurt, „dass italienische Vereine und Politiker seit Jahren weder an Sozialarbeit noch an Sicherheitsmaßnahmen, noch an den kulturellen Aspekten des Fußballs interessiert“ seien.

„Die Klubs in Italien sind sehr weit weg von den Zuschauern. Es gibt keine Fanprojekte.“ Auch Balestri fordert, „die Repressionsschraube nicht zu überdrehen“, statt dessen Sozialarbeit und Fanprojekte zu forcieren. Vorbild sei das deutsche Modell. Ein Modell, das freilich nicht immer und überall funktioniert.

Text: F.A.Z.

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