Zum 70. Geburtstag

Trap hat „noch lange nicht fertig“

Von Dirk Schümer, Venedig

“Titel und Zahlen sagen mir nichts“: Giovanni Trapattoni wird an diesem Dienstag 70

"Titel und Zahlen sagen mir nichts": Giovanni Trapattoni wird an diesem Dienstag 70

17. März 2009 Es gibt Menschen, die kommen nie vom Fußball los. Giovanni Trapattoni ist solch ein Trainer, der - ähnlich wie sein Wesensverwandter Otto Rehhagel - auch im Pensionsalter am liebsten im Trainingsanzug junge Sportler ausbildet und sich lieber im Regen in maroden Stadien aufregt, als einen luxuriösen Lebensabend auf dem Sofa zu genießen.

Schon mit vierzehn Jahren war für den Lombarden aus ärmlichen Verhältnissen der Würfel gefallen: Als das Talent die halbprofessionelle Jugendmannschaft des AC Mailand verlassen wollte, weil der kleine Giovanni in einer Druckerei mehr Geld für die Familie verdienen konnte, überredete ihn sein Trainer zum Bleiben. An diesem Dienstag, an seinem siebzigsten Geburtstag und 28 nationale wie internationale Titel als Spieler und Trainer später, ist „il Trap“ immer noch dabei.

Der traurigste Tag beim Gipfelpunkt

Als Nationaltrainer von Irland oder zuvor als Coach in Salzburg musste und muss er zwar bescheidenere Ziele ins Auge fassen, doch der Fußballverrückte aus dem industriell geprägten Cusano Milanino weiß genau, dass seine ganz großen Zeiten hinter ihm liegen. Die zehn Spielzeiten zwischen 1976 und 1985, während derer Trapattoni Juventus Turin trainierte, sind bis heute Legende, weil es dem damals noch gar nicht so erfahrenen Übungsleiter gelang, Erfolge en suite zu sammeln.

Allein zehn „Scudetti“ für Juve und später Inter Mailand kann sich der Rekordhalter gutschreiben. Der Gipfelpunkt, der Sieg im Europapokal der Landesmeister 1985, war zugleich der traurigste Tag in Trapattonis Karriere, weil Juves 1:0 gegen den FC Liverpool gegenüber 39 toten Fans bedeutungslos wurde.

„Schwach wie eine Flasche leer“

Seit diesem schwarzen Tag in Brüssel sucht sich Trapattoni, der stets als Perfektionist und Verfechter einer Defensivstrategie galt, anderswo seine Aufgaben. In Deutschland wurde er durch seine beiden nicht immer glücklichen Engagements bei Bayern München und einen unnötigen Epilog beim VfB Stuttgart einem großen Publikum bekannt. Dabei sind bis heute weniger seine Titel mit den Bayern, sondern der Wutausbruch im März 1998 im Gedächtnis geblieben.

Trapattoni kanzelte damals in einer kreativen Mischung aus Deutsch und Italienisch seine pomadigen Spieler (“Schwach wie eine Flasche leer“) ab und bereicherte die Umgangssprache um manche schöne Wendung. Den daraus resultierenden Kultstatus fand er anfangs gar nicht komisch. In Italien, wo der Trainer zwischen 2000 und 2004 glücklos die Nationalmannschaft führte, war man über das cholerische Temperament und die linguistischen Fertigkeiten des Trainers wenig erstaunt. Als Fußballkommentator im Fernsehen kam „il Trap“ nie sonderlich weit, weil man seine kryptischen und abgehackten Einlassungen in der lombardischen Muttersprache am liebsten italienisch untertiteln würde.

„Titel und Zahlen sagen mir nichts“

Wen es als gesamteuropäische, vielleicht inzwischen etwas angestaubte Kultfigur des Fußballs immer noch nicht ganzjährig zum Segeln an den Yachthafen des toskanischen Fischerörtchens Talamone zieht (dort hat er eine Zweitwohnung), sondern immer noch ins Flutlicht von Europas Fußballplätzen, der hat auch mit 70 noch lange nicht fertig.

Gentleman Trapattoni, der als Trainer wie als Spieler stets hart, aber fair und menschlich vorbildlich agierte, hat das Geheimnis seiner ewigen Sportlerjugend selbst gelüftet: „Titel und Zahlen sagen mir nichts.“ Einer, der seine Erfolge nicht registriert, fängt eben jeden Tag wieder bei null an.

Kreative Mischung aus Deutsch und Italienisch bei der berühmten Wutrede 1998
Kreative Mischung aus Deutsch und Italienisch bei der berühmten Wutrede 1998

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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