02. Oktober 2007 Die phantastischen Vier wurden sie schon genannt, bevor sie überhaupt zum ersten Mal zusammen aufs Feld gelaufen waren, die ausländischen Wunderstürmer des FC Barcelona: Ronaldinho, Samuel Eto'o, Lionel Messi und der im Sommer von Arsenal London gekommene Franzose Thierry Henry. Wer ihre Torstatistiken nebeneinanderhielt, geriet ins Schwärmen, und die Phantasie spiegelte den Genießern Zaubertore vor, die allesamt aus blitzschnellen Kombinationen hervorgegangen waren. Nur Skeptiker runzelten die Stirn und fragten, wie es gutgehen solle, vier Offensivkünstler mit so ausgeprägten Egos im selben Team spielen zu lassen.
Es sieht so aus, als behielten die Skeptiker recht. Ein paar Spieltage der noch jungen Primera División haben gereicht, um den großtönenden Spitznamen auf den Müll zu befördern und für die vier begnadeten Angriffskräfte ganz eigene Leistungskurven zu zeichnen: Leo Messi, der argentinische Wirbelwind, verspricht der unumstrittene Star bei Barça zu werden; Henry gab am Wochenende mit einem Hattrick das erste deutliche Signal, dass er sich auf dem Weg zur alten Gefährlichkeit befindet; Eto'o wiederum ist verletzt.
Vorwürfe gegen Ronaldinho lange gegenstandslos
Und von Ronaldinho wird in Barcelona so bedeutungsschwer geschwiegen, dass viele Möglichkeiten denkbar erscheinen, darunter auch jene, die das Sportfachblatt Kicker schon als Gewissheit verbreitet: Der FC Chelsea habe nach dem Rauswurf von Trainer Mourinho den 27 Jahre alten Brasilianer für 48 Millionen verpflichtet und erwarte seine Ankunft in der Winterpause. Ronaldinho selbst wies diese Spekulation in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung El Mundo Deportivo zurück.
Der Vorwurf, Ronaldinho achte nicht auf sich - vulgo: er esse gern, trinke gern und fröne nächtlichen Vergnügungen -, ist nicht ganz neu, war aber so lange gegenstandslos, wie der fröhliche Mann mit dem wippenden Haarschopf pünktlich zu den großen Partien Weltklasseleistungen brachte. Dann kam die WM in Deutschland, bei der Ronaldinho ebenso wenig gelang wie dem brasilianischen Team. Und dann ließ sich Barça noch den spanischen Meistertitel aus der Hand nehmen, ohne dass der wichtigste Mann der Katalanen nennenswerte Gegenwehr geleistet hätte. Das Modell Rijkaard, das auf gutes Zureden und eine weiche Hand setzt, muss bei Ronaldinho wohl als gescheitert gelten.
Einen Anti-Ronaldinho-Kodex für Real Madrid
Die genaue Ursache der Krise liegt im Dunkeln. Aus Ronaldinhos Umgebung heißt es, der Spieler leide unter den Angriffen der Medien und fühle sich in Frage gestellt. Zwar haben wichtige Barça-Verantwortliche wiederholt davon gesprochen, Ronaldinho sei noch zu retten, doch andere pochen auf den vereinsinternen Verhaltenskodex, der gerade für eskapadengeneigte Athleten wie Ronaldinho geschaffen wurde, und stellen das Wohl der Mannschaft über die Befindlichkeit von Einzelspielern. Als sich jetzt auch Real Madrid einen solchen Disziplinarkatalog zulegte, der von den hochbezahlten Angestellten des Vereins Professionalität, Mäßigung und gesittetes Auftreten fordert, sprach eine Madrider Tageszeitung unverhohlen von einem Anti-Ronaldinho-Kodex.
Warum sich der Brasilianer in der vergangenen Saison so oft in den Fitnessraum geflüchtet hat, statt mit seinen Kameraden zu trainieren, weiß eigentlich niemand. Klar ist nur, dass der Geduldsfaden der Vereinsführung nach einer Serie von Misserfolgen zum Zerreißen gespannt ist und Ronaldinho seit vier Wochen das Schicksal gewöhnlicher Hinterbänkler des Fußballbetriebs erleidet: Trainer Frank Rijkaard wechselt ihn aus, und das Publikum im Stadion Camp Nou begleitet seine ängstlichen Aktionen mit Pfiffen.
Wo ein Messias ist, ist ein zweiter überflüssig
In der Champions-League-Begegnung gegen den VfB Stuttgart an diesem Dienstag soll die Nummer zehn, von einer gerüchteumwobenen Muskelverletzung genesen, wieder von Anfang an dabei sein. Dafür fehlt verletzungsbedingt der defensive Mittelfeldmann Touré, der sich bei Barcelona durch seine körperliche Präsenz schon nach wenigen Wochen unentbehrlich gemacht hat. Auf wen die Schwaben sich besonders einstellen müssen, ist Messi, doch es hilft überhaupt nicht, das vorher zu wissen. Nach der Sommerpause hat der kaum vom Ball zu trennende Argentinier noch etwas hinzugewonnen, nämlich unstillbaren Torhunger.
Fünf Treffer in sechs Ligaspielen, mehrere Zuspiele, die zu Toren führten, dazu schwindelerregende Sturmläufe, die die gegnerische Abwehr ins Chaos stürzten: das ist der Messi der neuen Saison, ein Zwanzigjähriger, der mit Riesenschritten auf Trophäen wie den Goldenen Fußball zumarschiert und dessen fußballerisches Können schon jetzt Stoff für Legenden liefert. Jedenfalls hat der 1,69 Meter große und allürenfreie Messi seinen Kollegen Ronaldinho längst als Publikumsliebling abgelöst. Messias nennen sie ihn in Barcelona, und wo einer ist, könnte ein zweiter überflüssig sein.
Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite 37
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS