Mein Fitness-Kick

Es ist die reine Fleischbeschau

Von Michael Horeni

18. September 2007 Als ich Oliver Schmidtlein und Shad Forsythe im Hotel der deutschen Nationalmannschaft vor dem Länderspiel zum Fitnesstest treffe, fällt mir auf, dass ich die beiden auf einmal mit anderen Augen betrachte. Drei Jahre haben wir nun beruflich miteinander zu tun, und bisher war die Beschäftigung mit ihrer Arbeit vor allem eine intellektuelle und sportkulturelle Herausforderung, vor allem zu Beginn.

Shad Forsythe hatte zusammen mit seinem Chef Mark Verstegen im Herbst 2004 den deutschen Fußball mit den Ideen ihrer Fitnessfirma Athletes' Performance belästigt - und mit Oliver Schmidtlein hatten sie einen deutschen Verbündeten gefunden, der Jürgen Klinsmann schon in der gemeinsamen Zeit in Los Angeles und später beim FC Bayern aufgefallen war. Es war damals interessant, zu erleben, wie die Coaches kompetent über den Nutzen gezielter Fitness für Fußballprofis sprachen und welch polemische Abwehrreaktionen sie damit provozierten.

Eindrucksvolle Bizeps und wohldefinierte Oberkörper

Ein Höhepunkt war der Aufschrei aus der Bundesliga, als die Nationalspieler zu den ach so anstrengenden Fitnesstests antreten sollten - in weiten Teilen also genau jene Tests, denen ich mich nun im fortgeschrittenen Alter zu stellen gedenke. Was mir am 42jährigen Schmidtlein, exakt mein Jahrgang, und dem beruhigenderweise etwas jüngeren Forsythe aber nun sofort ins Auge springt, sind Muskeln. Darauf hatte ich früher nie geachtet. Nun aber starre ich in dem zum riesigen Fitnessstudio umgestalteten Ballsaal des Interconti wie gebannt und ziemlich ehrfurchtsvoll auf eindrucksvolle Bizeps und wohldefinierte Oberkörper, die sich unter den T-Shirts abzeichnen. Die Fitness dringt aus jeder Pore.

Dann wird mein Körper vermessen. Es ist die reine Fleischbeschau. Unbarmherziger, finde ich, geht es auch bei "Germany's Next Topmodel" nicht zu: Bauchumfang (82), Hüfte (91), Gewicht (74), Körperlänge (179). Wenigstens die Messung des Körperfettanteils wird auf kommenden Monat verschoben. Bis dahin, so hoffe ich, können die ersten Trainingseinheiten vielleicht für einen etwas gnädigeren Wert sorgen. Mein Gewicht hatte ich in den vergangenen zwei Monaten durch halbwegs regelmäßiges Jogging schon vorsorglich etwas reduziert und auch meine Ausdauer wieder ein wenig erhöht. Gänzlich untrainiert wagte ich mich nicht unter die Augen der gestählten Experten zu treten.

Fahndung nach Schwachstellen

Für den ersten Schritt ihrer Arbeit gegen meine körperliche Verrostung benutzt Schmidtlein ein schönes Bild. "Man muss das Zimmer erst streichen, bevor man Möbel reinstellt", sagt er. Das heißt, kalt übersetzt, nichts anderes, als dass sie bei mir erst einmal die körperlichen Mindestvoraussetzungen schaffen müssen, bevor sie ein anspruchsvolles Trainingsprogramm verschreiben können. Es geht um muskuläre Dysbalancen und Instabilitäten, aber so haben sie das am Anfang auch bei den Nationalspielern gemacht. Ein schöner Trost.

Sieben Übungen stehen erstmal auf dem Programm, der sogenannte "Functional Movement Screen". Die Übungen haben großartige Namen: Deep Squat. Hurdle Step. Inline Lunge. Shoulder Mobility. Active Straight Leg Raise. Trunk Stability Push Up. Rotational Stability. Damit wird nach Schwachstellen bei grundlegenden Bewegungsmustern gefahndet. Werden Schwächen entdeckt, folgen gezielte Übungen, um die Defizite zu beseitigen. "Das muss das erste Ziel sein, um Verletzungen vorzubeugen", sagt Schmidtlein.

Sie schwindeln, aber es motiviert ungemein

Bei mir sieht das nicht so schlecht aus, sagen sie freundlich. Die Werte für die Mobilität der Beine ("Active Straight Leg Raise") sind zwar trübe, aber dafür wenigstens gleichmäßig trübe. Sie halten das für eine gute Nachricht. Ich müsse mir das so vorstellen: Wenn man mit dem einen Bein einen Schritt von achtzig Zentimetern machen könnte, mit dem anderen aber von 1,20 Meter, würde das bedeuten, dass man eigentlich im Kreis läuft. Vorausgesetzt natürlich, man schaltet dabei das Gehirn aus. Aber da man das gewöhnlich nicht macht, sondern seinen Körper entsprechend dirigiert, führe das zu schädlichen Fehlhaltungen. Das wäre ein Problem, sagen sie. Ja, dann.

"Wirklich relevant sind für uns nur die Parameter, die sich auch verändern lassen", sagt Schmidtlein. Und da lässt sich bei mir einiges machen. Für jede Übung gibt es im besten Fall drei Punkte, nämlich dann, wenn man sie ohne Kompensationsbewegung hinkriegt. Bei Schmerzen oder Beschwerden gibt es überhaupt nichts. Zwölf von 21 Punkten habe ich schließlich geschafft. In der Schule, denke ich, wäre das 'ne schwache Vier. Durchschnitt für mein Alter, meint Forsythe. Am Ende sagen sie, dass ich eine der Übungen sogar besser gemacht habe als einer der Nationalspieler. Den Namen verraten sie nicht. Ich bin sicher, dass sie schwindeln. Aber es motiviert ungemein.

Ein Erfolgsrezept der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2006 war ihre Fitness, und als langjähriger Berichterstatter über die Nationalelf wage ich den Selbstversuch. Der amerikanische Fitnesstrainer Shad Forsythe und sein deutscher Kollege Oliver Schmidtlein arbeiten für mich einen persönlichen Fitnessplan aus, der nach denselben Tests erstellt wird, die auch die Nationalspieler für die EM im Sommer 2008 absolvieren müssen.

Das Ziel ist: Wie fit kann in der EM-Saison ein 42 Jahre alter, sportentwöhnter Sportreporter werden, der sich mit Problemzonen und anderen Tücken herumschlagen muss, die der moderne Großstadt-Familienalltag so bereithält. Der harte Weg zurück zum alten Körpergefühl - jeden Dienstag bei FAZ.NET.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Wonge Bergmann

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