Von Christian Eichler, Brüssel
16. August 2005 90 Minuten Haß, so nannte der Autor Simon Kuper seine Darstellung der deutsch-holländischen Fußballrivalität. Deren höchste Intensität entwickelte sich Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre - in einer Zeit, als die heutigen Nationaltrainer jene Tore schossen, die die Rivalität auf den Siedepunkt brachten. Doch von jeder Art Feindseligkeit waren gerade sie auch in den Schlachten von Hamburg 1988 oder Mailand 1990 weit entfernt.
Sie sind es bis heute. Jürgen Klinsmann wurde selbst in Zeiten übertriebener Aggression in den Niederlanden als Sportsmann geschätzt; ebenso Marco van Basten in Deutschland. Fast wirkt es, als hätte damals eine geheime Fußballregie, um den gereizten Nachbarn zu zeigen, was sie aneinander haben, die beiden Weltklassestürmer aufgestellt - und nun abermals als junge Reformtrainer.
Überraschende Parallelen
Zwei Biographien, zwei Karrieren, zwei Charaktere von oft überraschenden Parallelen: gleicher Jahrgang; ähnlich harte Arbeit an den Grundlagen des eigenen Spiels; Erfolge in der Heimat und in der Fremde, vor allem in Italien; Triumphe mit dem Nationalteam: van Basten als Europameister 1988, Klinsmann als Weltmeister 1990; intensive Lehrzeit als Meisterschüler des Trainerhandwerks; als Berufsanfänger gleich die Ernennung ins höchste Traineramt; beide am selben Tag, dem 29. Juli 2004. Und beiden ist es im Probejahr gelungen, aufzuräumen mit alten Strukturen und Gewohnheiten.
Beide haben sie mit offensivem Spiel neue Lust auf Fußball entfacht. Nun treffen sie sich am Mittwoch in Rotterdam mit ihren Teams, am Beginn einer Saison, in der der Aufbruch mit dem WM-Titel gekrönt werden soll. Ob das realistisch ist, weiß niemand. Doch erstmals seit vielen Jahren ist in beiden Ländern der Glaube daran, daß es geht, wieder da. Es gibt diese Spieler, mit denen man jeden Sieg für möglich hält, wenn man sie nur im eigenen Team hat. Es gibt sie auch als Trainer.
Anspruchsdenken, Seilschaften, Grüppchen
Während die Dinge, die Klinsmann renovierte, eher im Verband lagen, mußte van Basten vor allem im Team aufräumen. Als Spieler hatte er erlebt, wie Anspruchsdenken, Seilschaften, Grüppchen ein Team spalten können. Das war so bei der WM 1990, als die Elf um die Weltstars Gullit, Rijkaard, van Basten unter Trainer Beenhakker völlig zerstritten war und im Achtelfinale den Deutschen unterlag. Klinsmann machte damals, nach dem Platzverweis für Rijkaard und Völler, das vielleicht beste Spiel seiner Karriere.
Van Basten dagegen sah sich um die Chance gebracht, Weltmeister zu werden. Es blieb seine einzige: 1994 war die Karriere durch eine schwere Knöchelverletzung ruiniert, schon mit 29 Jahren. Auch 1994 und 1996 wurde das Oranje-Team durch den Streit zwischen der Holland- und der Surinam-Fraktion geschwächt. Und 2003, unter van Bastens Vorgänger Dick Advocaat, gingen sich Davids und van Nistelrooy im Training an die Wäsche - Holland verlor tags drauf in Tschechien und verpaßte nach der WM 2002 beinahe auch die EM 2004.
Es sollte allein der Sport im Vordergrund stehen
All das hat van Basten von Beginn an abgestellt - gestärkt durch den Ruhm als zweitbester aller Fußball-Holländer und die Rückendeckung des besten, Johan Cruyff. Seedorf und Kluivert, auch Davids und van Bommel - keiner der Stars hielt dem mutigen Modell des neuen Bondscoach stand. Es ärgert mich, wenn sich Nationalspieler wie Filmstars oder Diven verhalten, hatte van Basten schon vor Amtsantritt bekannt. Es sollte allein der Sport im Vordergrund stehen.
Der Star ist das System: Er bevorzugt eines, wie er es als Junge in der Ajax-Schule lernte, mit drei Stürmern, 4-3-3, oft sogar 3-4-3 mit nur drei Verteidigern. Dafür sucht er sich die passenden Leute, die den Einsatz übers Ego stellen; am liebsten in der heimischen Eredivisie - während zuvor der Weg ins Oranje-Trikot fast immer nur über einen Wechsel nach Spanien, Italien oder England führte. Wenn van Basten ein Trainingslager hält, können inzwischen fast alle Spieler mit dem Auto von zu Hause anreisen.
Verwandtschaft im Geiste
16 Neulinge, zwischen 18 und 34 Jahre alt, hat er bereits eingesetzt. Und das nicht etwa, wie Klinsmann, in einem Jahr voller Testspiele, sondern in der WM-Qualifikation gegen Teams wie Tschechien und Rumänien. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Keines der ersten elf Spiele unter van Basten ging verloren, ein neuer Rekord im Amt des Bondscoach. Holland hat die WM-Teilnahme fast sicher. Torwart Edwin van der Sar, der als einziger der alten Garde van Bastens Verjüngungskur überstand, ist seit 617 Spielminuten ohne Gegentor.
Während sich Klinsmann stets schützend und sanft vor seine Spieler stellt, zeigt van Basten die strenge, ja grimmige Ausstrahlung dessen, der noch lange nicht zufrieden ist. Er scheut sich nicht, früheren Musterschülern eine Sechs, setzen ins Zeugnis zu schreiben, wie Mark van Bommel im Juni: Er hat seine Aufgabe nicht erfüllt. Er muß sich erst neu beweisen. Ein paar feine Unterschiede gibt es also zwischen den beiden großen Torjägern von einst. Doch als größte Gemeinsamkeit überwiegt eine Verwandtschaft im Geiste. Wie als Spieler fingen sie auch als Team-Architekten nicht von klein auf an. Sondern vom höchsten Anspruch.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.08.2005, Nr. 32 / Seite 18
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