Fußballgeschichte

Männer, ihr wart großartig

Von Jochen Hieber

26. März 2008 Sieht man das Ganze von der besten Seite an, so ist es gar nicht schlecht. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts und noch in seiner Zeit als Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes ist Theo Zwanziger entschlossen dafür eingetreten, die keineswegs rühmliche Geschichte des Verbandes während des Nationalsozialismus endlich unbeschönigt erforschen zu lassen - 2005 erschien Nils Havemanns Studie „Fußball unterm Hakenkreuz“, die Zwanziger, inzwischen Ko-Präsident geworden, dann zusammen mit dem Autor der Öffentlichkeit vorstellte. Ebenfalls 2005 stiftete der DFB den Julius-Hirsch-Preis, der in Erinnerung an den 1943 beim Transport ins KZ Auschwitz-Birkenau ums Leben gekommenen deutsch-jüdischen Nationalspieler vom Karlsruher FV alljährlich ein Zeichen für „Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit“ setzt.

Im vergangenen Jahr schließlich wurde in Nürnberg die DFB-Kulturstiftung gegründet. Aufs Neue war Zwanziger, seit Herbst 2006 alleiniger Präsident, die treibende Kraft. Inspiriert vom Kunst- und Kulturprogramm, das die Bundesregierung zur WM 2006 aufgelegt hatte, wollte und will der DFB mit der neuen Stiftung auch in Zukunft all jenen Aspekten gerecht werden, die sich mit dem geschichtlichen, gesellschaftlichen und ästhetischen Mehrwert des Fußballs befassen.

Nicht umsonst gilt deshalb die Planung und absehbar auch die Verwirklichung eines nationalen Fußballmuseums als vordringliche Aufgabe der Stiftung. Es soll seinen Sitz im an Mitgliedern stärksten Landesverband des DFB, also in Nordrhein-Westfalen, finden - im Gespräch sind Gelsenkirchen, Dortmund, Köln und Oberhausen. Bis es soweit ist, wird zwar noch geraume Zeit ins Land gehen. In der noch jungen Ära Zwanziger aber hat der DFB nun schon mehrfach gezeigt, dass er sich des ideellen Überbaus seines sportlichen und sportpolitischen Handels so bewusst ist wie wohl noch nie in seiner mittlerweile hundertacht Jahre währenden Geschichte. Und dies ist in der Tat die beste Seite des Ganzen.

Unter widrigen Bedingungen

Vor fast genau hundert Jahren, am 5. April 1908, trat im Stadion Landhof zu Basel erstmals eine Auswahl des DFB zu einem offziellen Länderspiel an - diese „erste Elf“ verlor zwar nach spannendem Verlauf und unter den widrigen Bedingungen eines, so die zeitgenössischen Berichte, heftigen „Hagelregens“ mit fünf zu drei gegen die Schweiz, wusste sich aber beim anschließenden Bankett sehr gut zu präsentieren und bescherte dem deutschen Fußball somit alles in allem eine höchst respektable Premiere auf der internationalen Bühne. 799 Länderspiele sind dem Debüt inzwischen gefolgt, allein fünfzig Mal war die Schweiz der Gegner. Vor allem dem südlichen Nachbarn verdankt es der DFB, dass er nach den dunkelsten Epochen nicht nur seiner Geschichte wieder hoffähig wurde: Sowohl nach dem Ersten als auch dem Zweiten Weltkrieg stand die Schweiz als jeweils erster Spielpartner bereit.

Hundert Jahre Länderspielgeschichte: Was lag näher, als dieses Jubliäum auch mit dem ersten öffentlichen Auftritt der DFB-Kulturstiftung zu verbinden? Also wurde am Dienstagabend in Konzerthaus von Freiburg die Wanderausstellung „Die ersten Elf“ eröffnet, als Ehrengäste zur Eröffnung hatte man zudem die Stamm- wie die Ersatzspieler jener Mannschaft geladen, die 1966 im berühmt-berüchtigten Endspiel von Wembley die Weltmeisterschaft gegen England verlor. 1908 trifft 1966: Die Verbindung hatte Charme. Denn auch die Weltmeisterschaft vor zweiundvierzig Jahren war eine Premiere, und zwar eine mediale: Zum ersten Mal - und dank des unvergessenen Synchronsatelliten „Early Bird“ - gab es damals weltweit Livebilder im Fernsehen.

Unter fitten alten Herren

Einen rundum gelungenen Abend jedoch ergab die günstige Konstellation nicht. Dies lag allerdings weder an Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider, den Berliner Kuratoren der Wanderaustellung, noch an den erstaunlich zahlreich angereisten und bemerkenswert fitten alten Herren des Wembley-Kaders. Franz Beckenbauer hatte abgesagen müssen. Uwe Seeler, der Kapitän, aber war ebenso in Freiburg wie Helmut Haller, der Rekordschütze, Hans Tilkowski, das Torwartopfer beim ominösesten Treffer der Fußballgeschichte, und Wolfgang Weber, der im Finale die Verlängerung erzwang - Willi Schulz und Siggi Held sowenig zu vergessen wie Helden der Ersatzbank von Bernd Patzke bis Klaus-Dieter Sieloff. Wenn aber die Hauptfiguren derart überzeugend waren, woran litt die Veranstaltung gleichwohl?

In beiden Fällen, bei der Ausstellung wie beim Traditionstreffen der Altstars, war es die keineswegs überzeugende Präsentation, die die Freude trübte. So hatten Küchenmeister und Schneider bei ihren monatelangen Archivrecherchen zum ersten Länderspiel wahre Kleinodien entdeckt - ein privates Album im Schweizer Sportmuseum etwa, das bisher nie öffentlich gezeigte Fotos vom ersten Länderspiel bescherte, ferner die orginalen Brustadler der Premierenelf oder den ältesten Pokal des deutschen Fußballs aus dem Jahr 1892, den die Kuratoren in einem Berliner Vereinsheim aufspürten. All die Prachtstücke aber fehlen in der Ausstellung: Statt die Originiale bewundern zu können, muss man sich mit einer etwa sterilen Schauwand begnügen, auf der die didaktische Belehrung an die Stelle auratischer Unmittelbarkeit tritt. Die Ausnahme bildet eine kleine Videoinstallation, an der man mit Hilfe der reproduzierten Fotos und durch nachgesprochene Auszüge aus den einstigen Spielberichten so etwas wie Authentizität erlebt.

Ein langweiliges Kameradschaftstreffen

Nicht anderes bei den vom ZDF-Journalisten Rudi Cerne moderierten Podiumsplaudereien mit den Matadoren von 1966. Natürlich gab es da die eine oder andere hübsche, bisweilen makabere Anekdote zu hören - Dettmar Cramer etwa, weiland Assistenztrainer von Helmut Schön und einer der klügsten Köpfe des deutschen Fußballs, gab noch einmal zu Besten, welch markerschütterndes Geräusch eine reißende Achillessehne verursacht. Natürlich wurde das Wembley-Tor aus der 101. Minute zum abertausendsten Mal hin und her diskutiert - und am Ende durfte Uwe Seele schwärmen: „Männer, ihr wart großartig.“ Am Ende war es also ein Kameradschaftstreffen, dem man mal schmunzelnd und mal etwas gelangweilt beiwohnen konnte.

Vieles beim ersten Länderspiel im Jahr 1908 war von heute aus gesehen noch rührend naiv. Über die Aufstellung wurde nicht nach Leistung entschieden, die Anreise der Spieler verlief chaotisch, einen Trainer gab es nicht. Im Vergleich dazu war die Premiere der neuen DFB-Kulturstiftung schon recht professionell. Das Ganze aber ist durchaus noch entwicklungsfähig.

Die erste Elf ist vom 5. April an im Museum von Eintracht Frankfurt in der Commerzbank Arena zu sehen, von Ende April an auch im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln.



Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 40
Bildmaterial: Schweizer Sportmuseum, Basel

 
Aktuell keine Veranstaltungen

Was kann Deutschland bei der EM erreichen?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche