26. Oktober 2008 Es gibt Fragen, die werden Joachim Löw oft gestellt. Eine dieser Frage ist, ob er sich als Bundestrainer verändert hat. Wenn man Joachim Löw in diesen Tagen wieder diese Frage stellte, dann würde er das wohl weder bestätigen noch verneinen. Er würde behaupten, dass er dies von sich nicht sagen könne. Dann könnte er noch anfügen, dass er immer schon gewusst habe, wie er seinen Weg erfolgreich gehen könne, auf seine Art eben, ohne große und laute Worte.
So oder so ähnlich spricht Joachim Löw seit vier Jahren über Joachim Löw. Denn seit er im Sommer 2004 wie aus dem Nichts an die Seite von Jürgen Klinsmann in den Mittelpunkt des deutschen Fußballs rückte, wurde er immer wieder gefragt, wie ihn die neue Aufgabe denn nun verändert habe. Und nachdem zwei Jahre später aus dem Assistenten Löw auch noch der Chef Löw geworden war, sagte er ebenfalls immer wieder, dass er an Joachim Löw keine Veränderung ausmachen könne.
Bundestrainer Löw zeigt in der Ballack-Krise Profil
In den vergangenen Monaten allerdings, seit der Europameisterschaft, hat zumindest seine engere Umgebung in der Nationalmannschaft sehr wohl Veränderungen am Bundestrainer festgestellt. Wenn die Lage derzeit nicht so angespannt wäre, dann würde Joachim Löw auch über Joachim Löw reden, und seine Helfer würden das auch tun. So aber heißt es in der Ballack-Krise nur, dass Joachim Löw seit der Europameisterschaft Profil zeigt.
Der Bundestrainer, der Profil zeigt, hat sich jetzt aber wieder zurückgezogen. Bis zur Unterredung mit Michael Ballack, von der Löw seine Konsequenzen abhängig macht, wollte er in der Öffentlichkeit nicht mehr auftreten. Jedes Wort, so das Kalkül, könnte in der angespannten Lage ein Wort zu viel sein. An der Entschlossenheit des Bundestrainers, bei der Konfrontation mit Ballack nicht klein beizugeben, herrscht beim DFB jedenfalls kein Zweifel mehr.
Schön, dass der Trainer wieder das Gespräch sucht
Zumal sich die Situation nach dem Interview Ballacks, in dem er die Amtsführung des Bundestrainers attackierte und die Mitspieler Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes indirekt kritisierte (siehe: Michael Ballack im F.A.Z.-Interview: Frings' Rücktritt wäre schlimm), aus Sicht der Nationalmannschaftsführung in den vergangenen Tagen noch weiter zuspitzte. Schon Ballacks erste Einlassung (Schön, dass der Bundestrainer mit mir wieder das Gespräch sucht) nach Löws Aufforderung zu einem klärenden Gespräch mitsamt dem Hinweis, der DFB solle bei Chelsea um einen Termin nachfragen, wurde als pure Provokation empfunden.
Dass dann am Freitag das Treffen platzte und der Verband nach Lage der Dinge davon per Fax vom FC Chelsea erfuhr und nicht der Bundestrainer direkt von seinem Kapitän, verschärfte den Konflikt zusätzlich. Chelsea verbot die Reise mit dem Hinweis auf den Gesundheitszustand nach einem operativen Eingriff an Ballacks Füßen (siehe: Veto von Chelsea: Ballack darf nicht zum Gespräch mit Löw reisen).
Entmachtung wahrscheinlich, Rausschmiss möglich
Joachim Löw, Assistent Hansi Flick, Torwarttrainer Andreas Köpke und Manager Oliver Bierhoff haben sich daraufhin umgehend zu Beratungen verabredet – eine Entmachtung von Kapitän Michael Ballack ist wahrscheinlich, ein Rauswurf aus der Nationalmannschaft nicht mehr ausgeschlossen. Der Bundestrainer, das ist bekannt, reagiert auf Verstöße gegen die Teamregeln sehr empfindlich. Er verzieh schon Bernhard Peters nicht dessen öffentliche Kritik während der EM. Er ließ ihn trotz hoher Qualifikation und persönlicher Sympathie aus dem Sportkompetenzteam des Deutschen Fußball-Bundes werfen.
Um besser zu verstehen, was Joachim Löw sachlich an der Kritik von Ballack über den angeblich respektlosen Umgang des Bundestrainers mit verdienten Spielern wie Torsten Frings gegen den Strich geht, ist ein Blick auf den vergangenen Dienstag hilfreich. Der Bundestrainer schaute sich das Spiel in der Champions League zwischen Basel und dem FC Barcelona an. Barcelona siegte 5:0, und auf der Ersatzbank der Katalanen saßen Europameister Andrés Iniesta sowie die beiden Weltstars Thierry Henry und Samuel Eto’o.
Löw ließ einfach das Leistungsprinzip sprechen
Wir müssen in Deutschland grundsätzlich von dem Gedanken wegkommen, dass man nur mit elf Spielern über mehrere Monate oder über eine gesamte Saison erfolgreich spielen kann. Bei großen Vereinen ist auch festzustellen, dass bei zwanzig Topleuten jede Woche ein Star auf der Bank oder der Tribüne sitzen muss. Ich halte das für völlig normal, sagte Löw schon nach Kevin Kuranyis Verschwinden zur Halbzeit beim Länderspiel gegen Russland (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Alles zum 2:1 gegen Russland).
Auch über die angeblichen Kommunikationsdefizite von Löw herrscht in der Nationalelf in Sachen Frings Kopfschütteln. Der Bundestrainer führte während der Länderspiele zwei Gespräche mit dem Bremer. Er soll ihm dabei mitgeteilt haben, dass ihm derzeit die nötige Dynamik fehle, er aber alle Chancen habe, wieder in die Mannschaft zu kommen, wenn er weiter an sich arbeite. Auch Kuranyi hatte vom Bundestrainer persönlich erfahren, dass er derzeit die anderen Stürmer für stärker halte. Mit anderen Worten: Löw ließ das Leistungsprinzip sprechen.
Klinsmanns straffe Fürhung wurde nicht aufrechterhalten
Genau da, so Beobachter, könnte das eigentliche Problem für die Verwerfungen in der Nationalmannschaft der letzten Wochen liegen. Denn der nette Herr Löw, der sich angeblich nicht verändert hat, ist seit der Europameisterschaft nicht mehr zur Nationalmannschaft zurückgekehrt.
Nach der straffen Führung unter Klinsmann, die sich konsequent am Leistungsprinzip und dem Verhaltenskodex ausrichtete, ließ es Löw bald lockerer angehen. Die Fitnesstests wurden wieder abgeschafft. Jens Lehmann durfte die Nummer eins bleiben, obwohl er seinen Stammplatz im Klub verloren hatte. Christoph Metzelder erhielt das Vertrauen während des gesamten Turniers, obwohl er nicht richtig fit war. Die jungen Spieler Patrick Helmes, Markus Marin und Jermaine Jones wurden in den vorläufigen Kader berufen, aber keiner durfte mit zur EM.
Den netten Herrn Löw wird Ballack nicht mehr treffen
Nach der Europameisterschaft allerdings – und dies war wohl des Bundestrainers persönlich Konsequenz aus einem holprigen, am Ende aber vom Ergebnis erfolgreichen Turnierverlaufs – folgte er offenbar dem Rat von Vertrauten und handelte von nun an erkennbar konsequenter. Er verzichtete auf Christoph Metzelder wegen Formschwäche. Er forcierte den Konkurrenzkampf mit den neuen Kräften Piotr Trochowski und Patrick Helmes und verweigerte altgedienten Spielern die Einsatzgarantie. Frings hatte sportlich nachvollziehbar das Nachsehen gegen Thomas Hitzlsperger, und nachdem sich Kevin Kuranyi aus dem Staub gemacht hatte, erklärte Löw dessen Karriere in der Nationalelf für unwiderruflich beendet.
Dass der Bundestrainer wirklich Ernst machen könnte, hat die erfahrenen Spieler nach vier Jahren gemeinsamen Wegs mit Löw offenkundig überrascht. Michael Ballack und Torsten Frings redeten in ihren Interviews auch immer wieder davon, das sie enttäuscht vom Bundestrainer seien – tatsächlich aber hatten sie sich in ihrem neuen Bundestrainer wohl einfach nur getäuscht. Der Preis der Veränderung ist hoch. Der Kapitän wird gut beraten sein, wenn er sich darauf einstellt, bei dem Gespräch über seine sportliche Zukunft den netten Herrn Löw nicht zu treffen. Der hat sich nämlich schon von der Nationalmannschaft verabschiedet.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thilo Rothacker