Psychologie im Fußball

Jenseits von Gut und Böse

Von Michael Horeni

28. März 2008 Am Ostersonntag hat sich Hans-Dieter Hermann auf seine ganz eigene Weltreise begeben. Sie führte ihn vom Stadion des FSV Mainz 05 nach Basel ins Quartier der Fußball-Nationalmannschaft. Im Mainzer Stadion trat am Nachmittag Hermanns Arbeitgeber 1899 Hoffenheim zum Spitzenspiel der zweiten Liga an. In der Schweiz traf er unmittelbar nach dem 1:1 am Abend seinen anderen Arbeitgeber: die Nationalmannschaft.

Die rund dreihundert Kilometer, die an diesem Tag zwischen Hermanns Arbeitsplätzen lagen, trennen in der Wirklichkeit jedoch Welten. Es sind Glaubenswelten und Gefühlswelten, und man kann sagen, dass Hermanns Arbeitsplätze die Pole im deutschen Fußball markieren. Die deutsche Fußballwelt zwischen diesen Polen dreht sich um Identitäten und um Irrationalitäten, um Geld und um Geltung. Psychologe Hermann bekommt all dies seit dieser Saison am eigenen Leib auf ganz unterschiedliche Weise zu spüren. So kommt es, dass er Sonntagmittag zu den Bösen gehörte und am Abend zu den Guten. Hermann kann das noch immer nicht ganz verstehen. Aber er kann es erklären.

Woher kommt die Ablehnung, die Wut, der Hass?

Derzeit gibt es in Deutschland keinen umstritteneren Fußballverein als 1899 Hoffenheim. Es ist der Klub des Milliardärs Dietmar Hopp. Keine andere Mannschaft wird dagegen so verehrt wie die Nationalmannschaft. Es ist die Mannschaft für Millionen. Hoffenheim ist für seine Gegner eine Kampfansage. „Schade, dass so eine Mannschaft einen der 36 Plätze im Profifußball wegnimmt“, hatte der Mainzer Manager Christian Heidel vor ein paar Monaten über den Zweitliga-Aufsteiger gesagt. Er hat ausgesprochen, was viele über Hoffenheim denken - Präsidenten, Manager, Funktionäre, Trainer und Fans.

Danach wurde es mit den Anfeindungen immer schlimmer. Wenn sie auswärts antraten, war Hermann froh, dass die Zuschauer durch einen Zaun von ihnen getrennt waren. Er hat Hass in ihren Augen gesehen. Wenn er mit der Nationalmannschaft auf den Platz kommt, ist er manchmal auch froh, dass es einen Zaun gibt. Die Zuneigung wäre sonst erdrückend. „Was ich mit Hoffenheim erlebt habe, hat mich schon geschockt“, sagt der bekannteste deutsche Sportpsychologe. „Es ist vor allem für Dietmar Hopp eine schwere Zeit gewesen. Es war unfassbar, wie manche Fangruppen auf ihn reagiert haben.“ Hermann versucht seitdem zu verstehen, was die Leute so aufbringt gegen Hoffenheim und Hopp, den Gründer von SAP. Hopp will mit seinen Millionen, die er in den Dorfverein steckt, nach der Softwarebranche nun auch die Fußballbranche revolutionieren.

Aber woher kommt die Ablehnung, die Wut, der Hass? „In den Augen mancher Leute muss man sich im Fußball Tradition erarbeiten und sich erst mal hinten anstellen. Aus dieser Perspektive steht es Hoffenheim noch nicht zu, dass der Klub schon so weit ist“, sagt der Psychologe. Hopp hat das mal so ausgedrückt: „Mit Tradition kann man alles blockieren. Tradition behindert Innovation und Flexibilität. Google, Microsoft, Apple und SAP würde es nie geben, wenn sie in ihrer Entstehungsgeschichte Gegenwind bekommen hätten, weil sie keine Tradition haben.“ Da ahnt man, mit welchen Namen 1899 Hoffenheim einmal in einem Atemzug genannt werden will.

„Die Fans wissen, dass keiner wegen des Geldes in der Nationalelf spielt“

Als Psychologe versucht Hermann, die Motive hinter dem Zorn auf seinen Arbeitgeber freizulegen. So lässt sich die Wut rationalisieren. „Auch wenn die Sichtweise objektiv falsch ist, kann ich zum Teil nachvollziehen, dass mancher von anderen Zweitliga-Vereinen sagt: Jetzt kommen die mit ihrem Geld und schlagen uns mit Spielern, die wir uns nicht leisten können. Doch dieses Denken ist zu oberflächlich, denn es gibt viele gute Gründe für unseren Erfolg.“ Für Hermann, Hopp und die Hoffenheimer sind das unzulässig verkürzte Ansichten.

Der langfristige Aufbau mit der Jugendarbeit seit zehn Jahren, die konsequente Arbeit, die auf allen Positionen rund um die Mannschaft betrieben werde - all das werde dabei übersehen. Und Geld gehöre im Profifußball eben einfach dazu. Bei der Nationalmannschaft spielt das alles keine Rolle. Die vielen Millionen werden den Stars gegönnt, sie stehen der Identifikation auch von Arbeitslosen mit dieser Mannschaft nicht im Weg. „Die Fans wissen, dass keiner wegen des Geldes in der Nationalelf spielt“, sagt Hermann. Bei Hoffenheim ist das anders.

In den letzten Monaten ist es dort aber besser geworden. „Die Anfeindung wandelt sich in Respekt“, sagt er. Hoffenheim ist die Mannschaft der Stunde. Sie haben in Mainz den zweiten Platz verteidigt, das erste Unentschieden nach sieben Siegen nacheinander. Hopp fehlte. Er reist nicht mehr zu den Auswärtsspielen. „Die unerfreulichen Erlebnisse sind dafür der Grund“, sagt Hermann. Früher war Hopp auswärts immer dabei, auch zu Oberliga-Zeiten.

Klinsmann schätzt Hopp

Hermann ist von der Qualität der Arbeit in Hoffenheim überzeugt. Trainer Ralf Rangnick war mit Schalke schon in der Champions League. Bernhard Peters, der als „Klinsis Hockeytrainer“ im Fußball bekannt wurde, arbeitet als Direktor für Sport und Nachwuchsförderung. Hermann selbst gilt in der Nationalmannschaft als wichtiger Baustein des Erfolgs. Klinsmann schätzt Hopp, und manche glauben, dass er bei der Aufbauarbeit im Hintergrund mit die Weichen stellte. Und dazu kommen jetzt natürlich auch die großen Talente mit internationaler Perspektive.

Allen voran der Brasilianer Carlos Eduardo, der Senegalese Demba Ba und der Nigerianer Obasi Edu, die während der Saison für zwanzig Millionen Euro gekauft wurden. Die Anfeindungen und Vorbehalte, mit denen Hoffenheim begegnet wird, hat Hermann in seine psychologische Arbeit mit aufgenommen: „Ich möchte, dass wir einen fairen englischen Fußball spielen. Wir wollen uns spielerischen und auch persönlichen Respekt mit dem Auftreten unserer Mannschaft verdienen. Ich halte das unter diesen besonderen Umständen für ein wichtiges Ziel.“

„Fan-Identifikation im Fußball funktioniert sehr oft über Abgrenzung“

In Hoffenheim entsteht derzeit ein Fußballmodell wie vom sportwissenschaftlichen Reißbrett. Unter Voraussetzungen, die es sonst im deutschen Profifußball so nicht gibt. Schon die Jugend arbeitet mit einem Sportpsychologen. „Mein Kollege Philipp Laux und ich können hier sehr früh anfangen, psychologisch zu trainieren. Eine Videoanalyse zum Beispiel hat nur dann höchste Effektivität, wenn man sie danach durch mentales Training noch mal ablaufen lässt“, sagt Hermann. „Ich möchte helfen, dass sich hier junge Spieler überdurchschnittlich entwickeln.“

Manchmal spricht der Psychologe Hermann nicht wie ein Psychologe. Manchmal spricht er ein bisschen wie ein Marketingmann. Am Ende, glaubt Hermann, wird nicht die inhaltliche Qualität über das Ansehen von Hoffenheim entscheiden, sondern der Erfolg. „Wann es auch immer sein wird, wenn Hoffenheim aufsteigt, nimmt auch die Zahl der Fans weiter zu. Dann wird Hoffenheim zu einer Marke.“ Aber ob der Klub jemals an die Tränen rankommt, die so viele Fans vergossen, als die Nationalmannschaft bei der WM an Italien scheiterte? Kann Hoffenheim auch die Emotionen kaufen, die Hermann bei der Nationalelf frei Haus geliefert bekommt? An die großen Gefühle ranzukommen, das wird jedenfalls viel schwerer, als in die Bundesliga aufzusteigen. Das weiß auch Hermann. „Fan-Identifikation im Fußball funktioniert sehr oft über Abgrenzung“, sagt er. „Dann heißt es: die oder wir.“ Hoffenheim, das sind die anderen. Die Nationalelf, das sind wir. So einfach ist das.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, Rainer Wohlfahrt

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