Der reiche englische Fußball

Das Geld vom Golf überrascht Großklubs

Von Christian Eichler, Brüssel

Noch ziert die Kopfbedeckung nicht das Hellblau von Manchester City: Der neue Eigentümer Sulaiman Al-Fahim bringt aber schon mal das Transferrad in Schwung

Noch ziert die Kopfbedeckung nicht das Hellblau von Manchester City: Der neue Eigentümer Sulaiman Al-Fahim bringt aber schon mal das Transferrad in Schwung

02. September 2008 

Worte wie diese bewegen die Fußballwelt: „Wir haben wirklich tiefe Taschen.“ Vor allem dann, wenn auch was drin ist. Die Worte stammen von einem gewissen Sulaiman Al-Fahim. Bis Sonntag kannte man ihn im europäischen Fußball nicht. Aber das hat sich binnen 24 Stunden nachhaltig geändert. Als „arabischen Donald Trump“ stellten Englands Medien ihren Kunden den Milliardär vor; und als „Frontmann“ der Abu Dhabi United Group, hinter dem die königliche Familie des Emirats steht.

Am vergangenen Sonntag war die Investorengruppe, die zuvor bei Newcastle United und dem FC Arsenal vergeblich eine Übernahme sondiert hatte, in die Premier League eingestiegen. Im Abu Dhabi Emirates Palace, dem größten und protzigsten Hotel der Welt, wurden die Araber sich mit dem früheren thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra über den Erwerb der Mehrheit an Manchester City einig. Nur einen Tag später hauten sie auf dem Spielermarkt heftig auf die Pauke.

Star bei City statt Bank in Madrid: Robinho
Star bei City statt Bank in Madrid: Robinho

Rekordsumme im englischen Fußball

Für rund 40 Millionen Euro, Rekord im englischen Fußball, schnappte Manchester City am Montag abend, Minuten vor Ende der Sommer-Transferperiode um Mitternacht, dem FC Chelsea den Brasilianer Robinho weg. Damit nicht genug: Auch für Dimitar Berbatow, das zentrale Transfer-Ziel von Manchester Uniteds Trainer Alex Ferguson, bot man auf den letzten Drücker mit. Der Champions-League-Sieger hatte den bulgarischen Stürmer schon fest an der Angel, es ging nur noch darum, den Preis zu drücken – der übliche Schlussverkaufs-Poker.

Doch dann kam der kleine Lokalrivale mit dem frischen Geld vom Persischen Golf – und überbot die von Tottenham verlangte Summe für Berbatow. United musste nachlegen und zähneknirschend den vollen Preis von rund 38 Millionen Euro bezahlen (vor zwei Jahren hatte Bayer Leverkusen 16 Millionen für ihn bekommen). Auch wenn Manchester City nicht zum Zuge kam, so hat man doch den Rivalen Manchester United richtig geärgert.

Lange stagnierte der Markt - bis die Araber kamen

Anders als im Vorjahr, als Liverpool Torres holte, Manchester United für Tevez, Nani, Anderson, Hargreaves fast hundert Millionen Euro ausgab und sogar die Bayern ihr Festgeldkonto für Ribéry und Toni anzapften, stockte der Transfermarkt in diesem Sommer lange Zeit. Er folgt in der Regel einem von zwei Szenarien: Entweder es gibt frisches Geld, wie es jahrelang vor allem von Chelsea-Eigentümer Abramowitsch in den Markt gepumpt wurde – oder eben nicht, dann hat man einen Domino-Markt. Dann muss erst ein Verkauf her, damit wieder gekauft werden kann.

So wie beim Hamburger SV, der nach den einträglichen Abgängen van der Vaarts und Kompanys zuschlagen konnte. Ein Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid für eine Summe, die sogar den Ablöse-Weltrekord von Zidane übertroffen hätte, wäre Auslöser für ein gewaltiges Transfer-Domino geworden – doch Manchester United blockte, und der Markt stagnierte. Denn die amerikanischen Besitzer von United, auch die des FC Liverpool und selbst Roman Abramowitsch zeigten zuletzt neue Zurückhaltung bei den Ausgaben: Signal für eine Abkehr vom bisherigen Gießkannenprinzip im Transfergeschäft.

Auch Gomez an der Angel?

Das Geld vom Golf, der schnelle Einstieg von Manchester City in das Geschäft für hochpreisige 1a-Profis haben die Großklubs nun offenbar überrascht. Dass ein Lokalrivale ihm die Preise verdirbt, ist eine neue Erfahrung für Ferguson – und dass ein Ligakonkurrent ihn überbietet, eine neue für Abramowitsch, der bisher mindestens 800 Millionen Euro in Chelsea gesteckt hat.

Das ist mehr, als bisher jeder andere Mensch für Fußball ausgegeben hat – und könnte sich bald ändern, wenn Sulaiman Al-Fahim seine Ankündigungen bei Manchester City wahrmacht: „Den Klub zum besten in England und einem der besten der Welt zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es kein Limit.“ Am Montag haben sie nach eigenen Angaben nicht nur für Robinho und Berbatow geboten, auch für den Spanier David Villa und Mario Gomez vom VfB Stuttgart – noch ohne Erfolg.

Auch Russen haben Geld

Beim späten Transfer-Getöse kurz vor Toresschluss gingen andere spannende Wechsel fast unter: der junge Belgier Marouane Fellaini, ging für 18 Millionen Euro von Lüttich nach Everton; der in Liverpool ausgemusterte frühere Leverkusener Andrej Woronin wurde an Hertha BSC Berlin ausgeliehen; die Entdeckungen der Europameisterschaft, Luka Modric, Vedran Corluka und Roman Pawljutschenko, die sich Tottenham sicherte.

In anderen großen Ligen Europas wurde diesen Sommer eher sparsam gewirtschaftet. In der Bundesliga investierte nur der VfL Wolfsburg nennenswert frisches Geld (in die Reserve-Weltmeister Barzagli und Zaccardo). Bei den großen spanischen Klubs sind die früheren Bundesligastars van der Vaart (vom HSV zu Real) und Hleb (von Arsenal nach Barcelona) schon die aufsehenerregendsten Neuzugänge. In Italien setzte der AC Mailand sein altmeisterliches Modell mit dem Kauf von Ronaldinho und Schewtschenko fort.

Jungstars waren kaum zu kriegen. Die spanischen Europameister Villa und Silva blieben in Valencia. Nicht mal der EM-Sputnik Andrej Arschawin kam unter. Denn in Russland werden im Fußball inzwischen gewaltige Summen bewegt, die es schwer machen, Spieler von dort nach Westeuropa zu locken. Neben den Last-Minute-Einkäufen Robinho und Berbatow war der kaum bekannte Portugiese Danny der teuerste Spieler des Fußballsommers: Er wechselte für rund 30 Millionen Euro von Dynamo Moskau zu Zenit St. Petersburg. Nicht nur am Golf hat man tiefe Taschen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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