01. Oktober 2007 Im Finale der Weltmeisterschaft sind auch zwei Fußballwelten aufeinandergetroffen. Das muss man nach einem Endspiel voller Leidenschaft zwischen Deutschland und Brasilien nicht nur sportlich so sehen, wenn Organisation auf Intuition trifft und Deutschland am Ende verdient den Titel gewinnt. Die Unterschiede sind viel grundlegender als bei diesem 2:0 in einem faszinierenden Finale.
Sie haben mit struktureller Diskriminierung und gezielter Förderung zu tun. Es gibt kaum einen größeren Unterschied in der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie in der finanziellen Unterstützung wie zwischen den alten und neuen Weltmeisterinnen aus Deutschland und den unglücklich geschlagenen Frauen aus dem Land der männlichen Rekordweltmeister.
Marta: Ich selbst bin durch die Hölle gegangen
In Brasilien wird der Fußball für Frauen auch nach dieser fünften WM weiter ein Minderheitenprogramm der gesellschaftlich Unterprivilegierten bleiben. Der Erfolg nach den zauberhaften Auftritten von Marta & Co. wird dem Frauenfußball zwar helfen, aber die Mädchen der Selecão Feminina, die jetzt aus den Slums oder zumindest aus ärmlichen Verhältnissen stammen, werden es nicht so bald im Training ihrer Klubs oder in der Nationalmannschaft mit den Mädchen aus der weißen Oberschicht zu tun bekommen.
Die Vorurteile bauen sich erst langsam ab, und wenn Trainer Jorge Barcelos auch in diesen Tagen noch davon spricht, dass seine Mannschaft ein Niemand ist, dann sollte man das sehr umfassend verstehen. Vor rund zwei Monaten hatte die erst 21 Jahre alte Marta, die weltbeste Spielerin, die Erfahrungen ihrer Fußballgeneration unter Tränen öffentlich gemacht – und auch ihre Hoffnung. Ich selbst bin durch die Hölle gegangen. Ich hoffe, dass sich das alles mit unseren Erfolgen ändert.
Unumkehrbar die weibliche Sportart Nummer eins
Die Verhältnisse im deutschen Frauenfußball sind dagegen traumhaft. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, ist Promoter und Garantie dafür, dass die Entwicklung des deutschen Frauenfußballs gleich von zwei Seiten voranschreitet: von oben und unten. Die Förderung durch den Verband und der wachsende Zuspruch von der Basis verstärken sich wechselseitig.
Für Zwanziger ist es eines der großen Ziele seiner Präsidentschaft, diese Entwicklung so weit voranzutreiben, dass sich Frauenfußball in Deutschland unumkehrbar zur weiblichen Sportart Nummer eins entwickelt.
Kaum Zweifel an einer WM 2011 in Deutschland
Er hat dazu nicht nur den Willen, sondern weiß auch die nötige, vom Männerfußball erwirtschafteten finanziellen Mittel des Verbandes hinter sich – und zudem die politische Unterstützung in Berlin mit der Bundeskanzlerin an der Spitze.
Es gibt kaum mehr einen Zweifel, dass die nächste Frauen-Weltmeisterschaft im Jahr 2011 in Deutschland stattfinden wird. Die Entscheidung wird Ende des Monats fallen, und wenn der DFB den Zuschlag erhält, wird für den Frauenfußball nach dem Triumph von Schanghai viel mehr als nur ein Sommermärchen wahr. Die goldenen Jahre des deutschen Frauenfußballs, sie haben begonnen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS