Von Michael Horeni
05. Februar 2008 In vier Monaten beginnt die Fußball-Europameisterschaft, aber von EM-Begeisterung ist noch nicht viel zu spüren. Kein Vergleich jedenfalls zu der fiebrigen Erwartung vor der WM 2006. Das war zu erwarten, aber Oliver Bierhoff fehlt trotzdem etwas. Er hat daher das erste Länderspiel der Saison am Mittwoch gegen Österreich zu einem Weckruf genutzt. Konzentriert euch, arbeitet mehr an euch, die EM wird kein Selbstläufer. Das waren die Botschaften, die der Manager den Spielern zurief. Es war aber auch, unausgesprochen, ein Appell an die Führung der Nationalmannschaft, noch einmal ihren bisherigen Weg seit der Weltmeisterschaft zu überprüfen.
Bis zur vorzeitigen Qualifikation im Herbst herrschte im deutschen Fußball einhellige Begeisterung darüber, wie Löw das Kunststück geschafft hatte, aus weltmeisterlich stimulierten Spielern eine hochmotivierte und spielerisch noch weiter gereifte Auswahl zu formen. Doch das sind Verdienste von gestern. Bierhoff sorgt sich mittlerweile, ob es den Spielern, dem Trainerstab und auch ihm selbst gelingen wird, in Österreich und der Schweiz, unter veränderten Umständen, wieder so erfolgreich zu sein wie im Sommer 2006.
Löw auf Harmonie bedacht
Lange sah es so aus, als würde Löw das Erbe der WM bruchlos fortsetzen. Tatsächlich aber haben sich in den vergangenen Monaten immer weitere Differenzen aufgetan in der Arbeit zwischen den Trainern Löw und Klinsmann. Manche Veränderung war der natürlichen Entwicklung der Mannschaft, manche dem unterschiedlichen Temperament geschuldet.
Nicht nur in der Bewertung der Fitness, die Bierhoff vor dem Länderspiel gegen Österreich ansprach, gibt es unterschiedliche Akzente, wenn auch keine grundsätzlichen Differenzen. Löw richtet seinen Fokus stärker auf taktische Fragen. Das verschiebt angesichts der knappen Zeit auch die Gewichte in der Vorbereitung. In Fragen der Führung zeigen sich die unterschiedlichen Herangehensweisen ebenfalls immer deutlicher.
Keine eindeutige Zielvorgabe
Der verträglichere Trainertyp Löw hat bisher keine einzige unpopuläre personelle Entscheidung getroffen. In der Torwartfrage besitzt Jens Lehmann sein Vertrauen, obwohl er seinen Stammplatz verloren hat. Eine Forderung, sich in der Winterpause einen Verein zu suchen, bei dem er regelmäßig Spielpraxis bekäme, wurde nur kurz diskutiert, aber nie erhoben. Das trägt zum Bild eines auf Harmonie bedachten Trainers bei. Löw hat nun in der EM-Vorbereitung auch am WM-Bonus der Spieler zu tragen. Bei der EM-Nominierung dürfte er eine Rolle spielen, wenn es um verdiente Profis geht, die lange verletzt waren und Rückfälle erlebten (Frings, Ballack, Schneider) - oder in ihren Vereinen kaum zum Zug kamen (Podolski, Schweinsteiger). Ob eine solche Haltung, dem polarisierenden Klinsmann fremd, für das Team auch dauerhaft leistungsfördernd sein wird, muss sich unter schwieriger gewordenen Umständen erst zeigen.
Auch die Zielvorgabe wird derzeit nicht mehr so eindeutig formuliert wie noch vor der WM. Nach der Auslosung vermied es die Führung der Nationalelf, den Gruppensieg vor Polen, Kroatien und Österreich als erstes Etappenziel vorzugeben. Jetzt ist von sechs bis sieben Titelkandidaten die Rede. Das Selbstbewusstsein war schon einmal größer. Am Mittwoch in Wien kann die Mannschaft daran arbeiten.
Text: F.A.Z., 05.02.2008, Nr. 30 / Seite 30
Bildmaterial: REUTERS
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