Nationalmannschaft

Gestern in der geschlossenen Anstalt, heute im Fünf-Sterne-Hotel

Von Michael Horeni

Mertesacker: “Die ersten Eindrücke waren überwältigend“

Mertesacker: "Die ersten Eindrücke waren überwältigend"

07. Oktober 2004 Als Per Mertesacker am Dienstag mit der Maschine aus Hannover eintraf, merkte er rasch, daß er nicht einfach nur 800 Kilometer nach München zurückgelegt hatte. Er war in einer anderen Welt gelandet war. Wieder einmal.

"Die ersten Eindrücke waren überwältigend", sagt Mertesacker auch noch einen Tag später staunend, und dabei erzählt er nicht etwa über die ersten Eindrücke aus Teheran, wo ihn seine erste Berufung in die Nationalmannschaft an diesem Donnerstag erst hinführen wird. Es waren die Alltäglichkeiten im Leben eines Fußball-Nationalspielers, die Mertesacker noch aus der Fassung bringen konnten. "Direkt vom Flughafen abgeholt und ein Einzelzimmer im Hotel, das habe ich noch nicht erlebt", sagt er. In der Lobby des Fünf-Sterne-Hauses ging es gleich weiter mit den ersten Fernsehinterviews, und auch das kannte der zwanzig Jahre alte Fußballspieler, der sich Vollprofi zu nennen noch nicht recht wagt, natürlich ebenfalls nicht: "Da mußte ich mich erst neu ordnen."

"Ich war nur noch in einem Tunnel"

Die Aufregung des Hannoveraners sollte sich so schnell auch nicht legen in der Umgebung der besten Profis, die der deutsche Fußball zu bieten hat. Beim Mittagessen saß er dann erstmals mit jener fernen Spezies am Tisch, "die man vom Fernsehen kennt". Er habe das sehr genossen, sagt Mertesacker, bevor die Aufregung auf dem Entdeckungstrip Nationalmannschaft noch weiter wachsen sollte. Die erste Trainingseinheit stand auf dem Programm, und der Debütant fürchtete, sich zu blamieren. Nachdem er aber merkte, daß "ich ganz gut mithalten konnte", fühlte sich Mertesacker "sehr glücklich", wie er auf dem Podium während der Pressekonferenz sagte. Dort nahm er noch immer ein wenig ungläubig zur Kenntnis, als Trainerassistent Joachim Löw wie selbstverständlich davon sprach, daß Bundestrainer Jürgen Klinsmann und er viel Vertrauen in ihn setzten und er sicher seinen Weg machen werde.

In der vergangenen Woche, an seinem 20. Geburtstag, nahm es ihm noch den Atem, als sich Klinsmann bei ihm am Telefon meldete und ihn zur Nationalmannschaft einlud. "Ich war nur noch in einem Tunnel", sagte Mertesacker, und er vergaß sogar, was er Klinsmann antwortete. Immerhin hatte er sofort dessen Stimme erkannt. Von Routine im Profibetrieb ist Mertesacker, der nur 20 Bundesliga-Einsätze sowie zwei Junioren-Länderspiele aufweisen kann, jedenfalls noch weit entfernt. Aber das liegt nicht nur an seiner geringen sportlichen Erfahrung, sondern auch an einem bewußt anderen Leben, das er als Fußballspieler bisher führt. Seit einem Monat leistet Mertesacker Zivildienst in einer geschlossenen Anstalt für geistig Behinderte. Die Stelle hat er sich selbst ausgesucht, "damit ich den Leuten helfen kann", wie er sagt. Der Dienst bei der Bundeswehr, den Sportler ansonsten bevorzugen, kam für ihn nicht in Frage: "Zivildienst wollte ich unbedingt machen. Ich wollte helfen."

"Komme in eine andere Welt“

Und so trainiert er morgens bei Ewald Lienen in Hannover und fährt danach in die geschlossene Anstalt, um als Pfleger zu arbeiten. "Das ist ein guter Ausgleich zum Profigeschäft, zur schönen Welt", sagt Mertesacker, während sich viele Jungprofis in seinem Alter nur zu gerne von Glitzer und Glamour faszinieren lassen. Beim Zivildienst "komme ich in eine andere Welt. Die Menschen dort bekommen nichts von der Außenwelt mit", sagt er. Keiner wisse, daß er in der Bundesliga spiele, niemand kenne ihn. Das sei ihm ganz recht. So könne er die "Jungs gut pflegen".

Praktisch findet Mertesacker, daß er in der Anstalt frei bekommt, wenn Hannover nachmittags trainiert: oder wenn er, wie jetzt, zur Nationalmannschaft berufen wird. Acht Monate hat er noch im Zivildienst vor sich, und "mit der Doppelbelastung ist es nicht so einfach". Das mit der doppelten Belastung galt aber auch schon für die vergangene Saison. Da ging er noch zur Schule und machte sein Abitur - mit Note 2,8. Jetzt, da zu der Doppelbelastung auch noch die Nationalmannschaft dazu kommt, erwartet Mertesacker für sich "ein hartes Jahr". Was danach kommt, weiß der fast zwei Meter große Defensivspezialist nicht so recht. "Ich war nie das große Talent, eher ein Spätstarter", sagt er. Aber nun sei auf einmal alles "unglaublich schnell gegangen", und vielleicht sei er nach dieser Saison ja "Vollprofi" - was sich für einen deutschen Fußball-Nationalspieler noch ziemlich seltsam anhört.

Von der A- gleich weiter zur „U21“-Nationalmannschaft

Klinsmann schätzt Mertesacker, dessen Vater einst bei Hannover 96 nach dessen Trennung von Rolf Schafstall für eine Woche Interimstrainer war, als "bodenständigen und intelligenten Spieler". Er hält den Hannoveraner für ein "großes Abwehrtalent", für "sehr kopfball- und zweikampfstark", und außerdem strahle er für sein Alter eine "enorme Ruhe" aus.

Wenn die anderen Nationalspieler am Sonntag vom Länderspiel gegen den Iran zurück zu ihren Vereinen kommen, geht es für Mertesacker jedoch gleich mit dem nächsten Länderspiel weiter. Er wird am Sonntag umgehend zur "U21"-Nationalmannschaft nach Düsseldorf reisen, denn am Dienstag steht das EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich auf dem Programm. Dann wartet am Mittwoch das Training bei Hannover, dann sein Einsatz als Pfleger und am Samstag das Bundesligaspiel gegen Tabellenführer Wolfsburg.

Wo er es jetzt schon bis an den Tisch und auf den Trainingsplatz der A-Nationalmannschaft geschafft hat, ist die Weltmeisterschaft 2006 sein großes Ziel. Aber es könnte ja auch anders kommen. Mertesacker denkt daher auch darüber nach, an der Fernuniversität zu studieren. Wer weiß. Wenn es im Fußball in Hannover und auch bei der Nationalmannschaft tatsächlich weiter so steil aufwärts geht, "dann wird das mit dem Studium schwierig". Aber das könne er später ja noch nachholen, sagt Mertesacker. Wenn das Leben wieder ruhiger wird.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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