02. Mai 2007 Michael Ballack ist der vorerst Letzte, den es erwischt hat. Eine Operation am linken Sprunggelenk zwingt den Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ausgerechnet in den wichtigsten Wochen des Jahres beim FC Chelsea zu einer Spielpause von noch ungewisser Dauer. Zufall oder logische Folge?
Auffällig ist, dass bei fast allen deutschen WM-Akteuren im Jahr nach dem großen Turnier-Höhepunkt der Körper irgendwann streikt(e). Operationen und Aufenthalte in Reha-Zentren waren und sind an der Tagesordnung. Bundestrainer Joachim Löw mag nicht allein an Zufall glauben. Es gibt einige, die von Verletzungen heimgesucht worden sind. Und Verletzungen haben oft nicht mit Pech zu tun, sondern sie sind Folgen einer Fehlbelastung. Irgendwann reagiert der Körper, sagte Löw.
Kehl hat es am schlimmsten erwischt
Knochenbrüche, Knie-Blessuren, Bänderrisse - gleich 16 der 23 WM- Akteure hat es getroffen, am schlimmsten Sebastian Kehl: Der Dortmunder verletzte sich im Bundesliga-Eröffnungsspiel gegen Bayern München nach nur 19 Minuten am Knie und stand in der gesamten Saison bislang nur 251 Minuten für die Borussia auf dem Spielfeld.
Neben den drei Torhütern Jens Lehmann, Oliver Kahn und Timo Hildebrand kamen überhaupt nur die Dauerrenner Torsten Frings und Bernd Schneider sowie Thomas Hitzlsperger und Philipp Lahm weitgehend unversehrt über die Runden.
Löw: In der Summe war das sehr viel
Nicht nur Kehl fiel dagegen über Monate aus. Auch BVB-Kollege Christoph Metzelder, David Odonkor von Betis Sevilla und der Gladbacher Marcell Jansen pausierten lange nach Knie-Operationen. Nach dem x-ten Eingriff am Kniegelenk beendete Abwehrrecke Jens Nowotny sogar seine Karriere. Per Mertesacker fehlte Werder Bremen nicht nur zu Saisonbeginn (Fersen-Operation), auch jetzt wird der Innenverteidiger im heißen Kampf um Titel nach einem Eingriff am Meniskus wieder schmerzlich vermißt. Teamkollege Tim Borowski ist auch mehr verletzt als gesund. Beim FC Bayern hat es im enttäuschenden Saison-Finale die jungen WM-Helden Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski erwischt.
Das WM-Sommermärchen und seine Spätfolgen - für Löw kommt die Verletzungsserie nicht ganz unerwartet, wenn man mal sieht, was die Spieler alles gespielt haben in den letzten Jahren. In jedem Sommer gab es ein Turnier: 2004 EM, 2005 Confed-Cup, 2006 WM. Und im Winter 2004 mußten die Nationalspieler noch eine strapaziöse Asien-Reise mit den Stationen Japan, Südkorea und Thailand absolvieren. In der Summe war das sehr viel, räumte selbst Löw ein.
Zwei Ebenen der Übermüdung
Nationalmannschafts-Arzt Tim Meyer ist trotzdem vorsichtig, was eine Material-Ermüdungs-Theorie angeht. Ein Knochenbruch hat nichts mit Überlastung zu tun, das ist Pech, sagte der Internist etwa zum Schien- und Wadenbeinbruch des Schalkers Gerald Asamoah. Dennoch weist auch Meyer auf das Problem der Überbeanspruchung hin und spricht dabei von zwei Ebenen, der physischen und psychischen.
Das Problem ist die Fülle hochkarätiger Wettkämpfe, weil Vereine und Verbände dem Geld nachjagen. Bei allem Verständnis für die finanziellen Erfordernisse wäre es aus sportmedizinischer Sicht wünschenswert, wenn der Terminkalender weniger eng wäre, betonte Meyer. Es bleibt zu wenig Zeit, um im Training Grundlagen zu legen, die wiederum Verletzungen vorbeugen können. Dazu kommt der mentale Stress, wenn Nationalspieler in kurzer Abfolge viele sehr wichtige Spiele bestreiten, unter hohem Druck, in vollen Stadion und vor Millionen Fernsehzuschauern. Das ist nicht einfach, so Meyer.
Spielpausen sind wichtig
Die WM im eigenen Land war ein Ausnahmezustand, der allen extrem viel abverlangt hat. So ein Turnier über acht Wochen ist eine hohe psychische und auch physische Belastung, erklärte Löw. Die Sorge des Bundestrainers um die Fitness der WM-Spieler veranlasste ihn zuletzt dazu, dass er Leistungsträger wie Ballack, Frings oder Schneider beim 0:1 gegen Dänemark pausieren ließ, was ihm einige Kritik eintrug. Mir ist wichtig, dass wir dauerhaft eine gute Mannschaft haben und nächstes Jahr bei der EM alle gesund sind, verteidigte sich Löw.
Der Bundestrainer ist froh, dass die Nationalspieler nach dem Liga-Endspurt und den zwei EM-Qualifikationsspielen gegen San Marino (2. Juni) und die Slowakei (6. Juni) endlich durchschnaufen können. Im Hinblick auf die EM 2008 in Österreich und der Schweiz ist das nach Ansicht von Internist Meyer ein Segen: Diese Pause ist jetzt sehr wichtig und die Spieler werden sie genießen. Mit Blick auf die nächste Saison ist das langfristig wertvoll.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
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