Schalke in der Champions League

Am Ende der Überlebenskunst

Von Roland Zorn, Barcelona

09. April 2008 Er hat so reagiert, wie Mirko Slomka immer reagiert, wenn er unangenehme Fragen beantworten muss. Darin hat der Trainer des FC Schalke 04, seitdem er als Nachfolger von Ralf Rangnick im Januar 2006 Cheftrainer beim westfälischen Fußball-Bundesligaklub geworden ist, schon Übung. Also hat der 40 Jahre alte Niedersachse auch am Dienstag in Barcelona erst einmal kühl gelächelt, ehe er sich zu den Spekulationen äußerte, dass er zur neuen Saison einem neuen Trainer bei den "Königsblauen" Platz machen müsse.

Und dann hat er seinen Verstand sprechen lassen und genau das gesagt, was ein Profi wie er in einer solchen Situation der persönlichen Ungewissheit zu sagen hat: "Ich kann nur auf die Dinge Einfluss nehmen, auf die ich Zugriff habe, und das ist die Mannschaft. Wir stehen unter den besten acht in Europa und sind nicht chancenlos. Alles andere interessiert mich aktuell überhaupt nicht." Ende von Slomkas Durchsage zu diesem Thema, das gleichwohl eine große Rolle spielt beim Tabellenzweiten der Liga, der nur bei einer exzellenten Leistung und ein wenig Glück an diesem Mittwoch im Camp-Nou-Stadion den 0:1-Rückstand aus dem Hinspiel gegen den FC Barcelona wettmachen kann.

Manager Müller: „Vielleicht muss man sich auch trennen“

Slomka wollte in Kataloniens Metropole am liebsten nur über den Sport sprechen. Doch die Vorzeichen für ihn selbst und seine Zukunft "auf" Schalke stehen zumindest nicht günstig - trotz eines bis zum 30. Juni 2009 datierten Vertrages. Wie dieser Zeitung bekannt ist, gibt es aus höchsten Vereinskreisen konkrete Hinweise darauf, dass eine Trennung von dem erfolgreichen Coach angestrebt wird. Das letzte Wort aber wird wohl Manager und Vereinsvorstand Andreas Müller haben. Müller hat wie Präsident Josef Schnusenberg oder der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies zumindest kein deutliches Treuebekenntnis zu Slomka abgegeben, galt aber lange als Vertrauter und Fürsprecher des Trainers. Immer noch?

Für den sportlichen Leiter der Schalker zählt jetzt vor allem die "sportliche Perspektive". Er hatte am Samstag gesagt: "Vielleicht muss man sich auch trennen, wenn man auf Platz zwei steht. Es gibt keinen Automatismus. Wir wollen eine Entwicklung in der Mannschaft sehen." Momentan ist Schalke in der Bundesliga die Nummer zwei - nach den wohl uneinholbar führenden Bayern. Keine schlechte Argumentationsbasis für Slomka, dessen Mannschaft jedoch zu selten einen Fußball spielt, der bei den Massen ankommt oder von den Kluboberen goutiert wird.

Um ein Haar wäre der unerfahrene Slomka Meister geworden

Denen, die ihm am liebsten Lebewohl sagen wollen, macht es dieser Trainer nicht leicht. Mirko Slomka gilt nämlich, auch ohne darüber detailliert reden zu wollen, als ein sportlicher Überlebenskünstler. Im Vorjahr, als die "Königsblauen" Erste in der Liga waren, stand der Coach schon einmal im Zentrum heftigster Kritik seitens der Boulevard-Medien. Es folgten ein Interviewboykott der Spieler, der mutige Wechsel des Stammtorwarts (Neuer für Rost) und vor allem Siege, Siege, Siege. Schalke wäre um ein Haar Meister mit dem unerfahrenen Slomka geworden - und vertagte seine Schwierigkeiten mit diesem nach außen freundlichen, tatsächlich aber recht kühlen, distanzierten Fußballlehrer fürs Erste. Nun steht Slomka zwar aufs Neue unter Druck, hat aber als Trainer inzwischen eine Reputation vorzuweisen, die ihm auch für den Fall des Abschieds von Schalke attraktive Angebote bescheren dürfte.

In Barcelona kann das Team wie auch sein Coach eine Menge für das eigene Ansehen und den Stolz auf sich selbst tun, sollten die Schalker alle Prognosen widerlegen und das Künstlerkollektiv von Trainer Frank Rijkaard negativ überraschen. Slomka hat Barca am Dienstag einerseits über den grünen Rasen gelobt ("eine unglaublich starke Kombinationsmannschaft"), andererseits aber die eigenen Chancen in den Vordergrund seiner optimistisch getönten Prognose gestellt. "Wir haben beim Hinspiel in der zweiten Halbzeit gemerkt, hier geht was."

Kuranyi kehrt zurück in die Startelf

Stürmer Halil Altintop verriet einem Radiosender ganz locker: "Ein 2:0 reicht auch." Eine mutige Aussage nach dem dünnen 1:0 am Samstag über Hansa Rostock durch einen Kopfballtreffer Altintops. Der Türke ist zurzeit die Nummer eins im Schalker Angriff. Eine Konstante aber war er lange nicht. Slomka hob den Angreifer, den die lange kritischen Fans inzwischen in ihr Herz geschlossen haben, am Dienstag besonders hervor: "Er hat sich reingekämpft ins Team, hat nie aufgegeben, und irgendwann konnte man nicht mehr an ihm vorbeigehen."

An diesem Mittwoch spielt Altintop wieder an der Seite seines Standardpartners Kevin Kuranyi, dem Slomka nach zuletzt schwachen Leistungen eine einstündige Auszeit gegen Rostock verordnete. Für Kuranyi ein harter Schlag. Nimmt sich der Angreifer seinen coolen Trainer zum Vorbild, kann er sich im Camp Nou vielleicht gegen alle Widrigkeiten durchsetzen. "Meine Stimmung ist sehr gut", sagte Slomka am Dienstagnachmittag und lächelte dazu hintergründig.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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