07. Februar 2007 Der Schweizer Fußball-Nationaltrainer Jakob Köbi Kuhn im F.A.Z.-Interview über das Elfmeter-Trauma, die Entwicklung seiner Mannschaft, die Talentförderung in der Schweiz und das Testspiel gegen Deutschland.
Wer ist als Elfmeterschütze vorgesehen?
Alex Frei.
Hat die Schweiz einen Elfmeterkomplex, seit sie bei der WM 2006 FRAGE: ohne Gegentor blieb und nur deshalb ausschied, weil im Achtelfinale gegen die Ukraine alle Elfmeter verschossen wurden?
Wir müssen uns von diesem Trauma lösen. Wir waren immer etwas zu bescheiden, um an die Achtel- und Viertelfinals und ans Elfmeterschießen zu denken. Das Üben hatten wir daher etwas vernachlässigt. Vor der EM werden wir uns mit diesem psychologischen Vorgang intensiv beschäftigen.
Sie haben die EM-Endrunde 2004 und WM-Endrunde 2006 erreicht. Ihr Erfolgsrezept?
Wenn es ein Kochbuch gäbe, wäre das einfacher zu erklären. Man nehme . . . Ich profitiere von der intensiven Nachwuchsförderung, die seit 1995 auf wirklich professioneller Basis vorangetrieben wird. Dadurch haben sich einige junge Spieler aufgedrängt. Unser Kader ist dadurch um einiges breiter geworden. Nicht ganz unbescheiden: Gute fünf Jahre habe ich da mitgearbeitet.
Seit einigen Jahren ist die Schweiz eine Art Talentschmiede für Europa. . .
. . . das ist etwas hoch gegriffen. Aber in den vergangenen Jahren sind tatsächlich viele Schweizer Spieler, junge vor allem, in Deutschland engagiert worden. Aber auch in England, Italien, Frankreich. Es ist der Wunsch eines jeden jungen Schweizer Spielers, einmal in einer großen Liga zu spielen. Mit unserer Nachwuchsarbeit haben wir dafür gesorgt, dass sie diesen Schritt wagen können.
In der Schweiz endet die Winterpause erst am Wochenende. Ein Handicap?
Natürlich gibt es im Kader Spieler, die noch in der Schweiz spielen und bisher nur Vorbereitungsspiele hatten. Doch die meisten spielen im Ausland. Fünf waren am letzten Wochenende in der Bundesliga im Einsatz. Wir haben aber auch Spieler, die lange verletzt waren und im Moment noch nicht wieder richtig fit sind. Es fehlen Johan Djourou, Raphael Wicky, Benjamin Huggel.
Wie muss man Ihre Mannschaft einschätzen?
Die Zentralverteidigung ist unser Prachtstück, auch wenn Djourou fehlt. Der junge Philippe Senderos von Arsenal London spielt neben einem routinierten Patrick Müller von Olympique Lyon. Es ist wichtig, einen Spieler wie unseren Kapitän Johann Vogel zu haben, der seine große Erfahrung, die er in Holland, Italien und jetzt in Sevilla erworben hat, an die Mannschaft weitergibt. Oder einen Alexander Frei, der jetzt auch in Dortmund seine Stärke beweist, auf diesem Niveau Tore zu machen. Das sind die Stützen.
Ihr Eindruck vom deutschen Team?
Es hat im Confed-Cup seine Auferstehung erlebt, auch wenn es bei den Testspielen dann nicht so rund gelaufen ist. Aber als es dann zählte bei der WM, war die deutsche Mannschaft da. Vor allem für unsere Leute in der Deutschschweiz, die den größten Anteil des Landes stellt, ist ein Spiel gegen Deutschland immer etwas Großartiges. Wir wachsen ja alle mit dem deutschen Fußball auf. Die Bundesliga ist bei uns präsent.
Die Schweiz hat seit fünfzig Jahren nicht mehr gegen Deutschland gewonnen. Geht diese Serie weiter?
Es gäbe für alle Schweizer nichts Schöneres, als gegen Deutschland zu gewinnen. Ich habe selbst mehrmals gegen Deutschland gespielt und dabei auch die Klatsche 1972 erlebt, das 1:5 hier in Düsseldorf gegen eine phantastische deutsche Elf mit Beckenbauer, Netzer und Müller. Wir gehen natürlich immer mit dem Willen auf den Platz, der meiner Philosophie entspricht: Wir treten nicht an, um eine hohe Niederlage zu vermeiden, sondern wir wollen gewinnen.
Wie sind die 1:2-Niederlagen gegen Österreich und gegen Brasilien zu bewerten?
Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich nach einem WM-Turnier eine gewisse Depression breitmacht. Wir haben das bis September überbrückt gegen nicht allzu starke Gegner wie Liechtenstein, Venezuela, Costa Rica. Gerade gegen Österreich mussten wir dann feststellen, dass eben in jedem Spiel eine hundertprozentige Leistung erforderlich ist, um erfolgreich zu sein.
Ergeht es Ihnen wie Jürgen Klinsmann vor der WM, dass als bereits qualifiziertes Land der Mannschaft in den Testspielen der letzte Biss fehlt?
Das ist so. Wir versuchen daher ein möglichst interessantes Programm zusammenzustellen. Wenn schon der wirkliche Druck fehlt, sich qualifizieren zu müssen, wollen wir das mit starken Gegnern kompensieren wie Deutschland, Holland und eventuell Argentinien.
Wie Klinsmann haben auch Sie den Titelgewinn ausgerufen. Sind Sie mutig?
Ich habe vor vier Jahren eine Strategie entwickelt, in dem ich mit meinen Mitarbeitern den Weg vorgezeichnet habe: "Wir wollen Europameister werden." Dieses Ziel haben wir unter Verschluss gehalten. Doch irgendwann ist es an die Öffentlichkeit gelangt. Aber ich schlafe nach wie vor gut mit dieser Aussage.
Gegen den aufwendigen deutschen Betreuerstab mit Fitness-Trainern und Psychologen wirkt Ihrer sehr bescheiden. Ist er zu klein?
Wir können uns so viele Leute gar nicht leisten. Ich habe volles Vertrauen zu meinen Mitarbeitern. Man kann auch mit einem kleinen Stab Spiele gewinnen.
Treten Sie nach der EM 2008 wirklich zurück?
Das stimmt. Ich denke, das ist dann nach sieben Jahren der richtige Augenblick. Ich habe meinen Rücktritt früh genug angekündigt, um die Nachfolge in Ruhe vorbereiten zu können. Mein Wunsch ist, eine intakte Mannschaft mit Perspektiven in gute Hände zu übergeben.
Wer hätte diese guten Hände?
Es wird von Ottmar Hitzfeld geschrieben. Es gibt aber auch sehr gute Trainer in der Schweiz wie Christian Groß, Lucien Favre oder meinen Assistenten Michel Pont. Wir haben auch gute Leute im eigenen Stall, die wie ich den Weg von unten nach oben beschritten haben.
Die Fragen stellte Hartmut Scherzer.
Text: F.A.Z., 07.02.2007, Nr. 32 / Seite 31
Bildmaterial: REUTERS