Jan Simak

Schatten der Vergangenheit

Von Christian Kamp

18. März 2008 Der Fußball kann grausam sein in seinen (Vor-)Urteilen. Keine Viertelstunde war gespielt am vergangenen Freitag, da brach der Fan der Offenbacher Kickers auf der Haupttribüne den Stab über den Menschen Jan Simak: "Der Simak wird immer ein Patient bleiben." Eine knappe Stunde später grölte die ganze Gegentribüne: "Jan Simak und der Alkohol."

Simak, der Fußballprofi des FC Carl Zeiss Jena, schien diesen tristen Abend, der den Abstieg seines Klubs aus der zweiten Liga wohl besiegelte, mehr zu ertragen, als daran aktiv mitzuwirken oder sich gar gegen das sportliche Schicksal aufzulehnen. Mit hängenden Schultern, den Blick meist zum Boden, schlich er über den Platz. Ein Ball nach dem anderen sprang ihm vom Fuß. Das soll Jan Simak sein? Das große Talent des tschechischen Fußballs, das vor einigen Jahren auch eine Saison in Deutschland zauberte? Der Jan Simak, der vermutlich in der kommenden Saison das Trikot des VfB Stuttgart tragen wird? Der Jan Simak, der den FC Carl Zeiss an diesem Dienstag bei Borussia Dortmund (siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) ins Endspiel des DFB-Pokals führen soll?

Einblick in die Abgründe

Vor allem ist es so, dass es einen Jan Simak ohne die Schatten der Vergangenheit nicht gibt - zumindest nicht auf dem Fußballplatz. Der "alte" Simak, das sind weniger die Glanzlichter, die er im Trikot von Hannover 96 setzte (in der Aufstiegssaison 2001/02 erzielte er 18 Tore und bereitete 19 vor), oder der Sieben-Millionen-Euro-Transfer zu Bayer Leverkusen, wo er Michael Ballack ersetzen sollte. Die Vergangenheit, die Simaks Bild in der Öffentlichkeit auch heute noch prägt, ist vor allem die Geschichte vom tiefen Fall eines Fußball-Wunderkinds: Alkohol, Schlägereien, das Scheitern in Leverkusen, Depressionen - und schließlich, 2003, die Flucht in seine tschechische Heimat.

Mit Hannover stieg Simak in die Bundesliga auf - dort spielte er von 2000 bis... Von 2004 bis 2007 ist er bei Sparta Prag unter Vertrag “Mit schlechten Aktionen hat er zu kämpfen und steckt die dann nicht so leich... “Entweder ich ende in dem Loch, in das ich geraten war, trinke weiter und ste... In der Saison 2002/03 spielte er für Bayer Leverkusen

Den Fußballspieler Simak gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. In einem Interview mit dem "Spiegel" gab er einen beunruhigenden Einblick in die Abgründe seines früheren Lebens: "Für mich war klar: Entweder ich ende in dem Loch, in das ich geraten war, trinke weiter und sterbe irgendwann. Oder ich kämpfe mich heraus und beweise, dass ich gut bin."

Die Ruhe, die er braucht

Dass er heute, mit 29 Jahren, wieder an der Schwelle zur großen Fußballwelt steht, hat er vor allem dem Vertrauen anderer in den Menschen Simak, aber auch zwei eigenen Entscheidungen zu verdanken. Die erste war die dreimonatige Entziehungskur, die er auf Drängen des Präsidenten von Sparta Prag, Daniel Kretinsky, antrat. "Das war eine wichtige Hilfe für mich", sagt Simak heute. Die zweite war sein Wechsel nach Jena zu Beginn dieser Spielzeit. Dort ist man noch heute stolz auf den Transfer. Präsident Rainer Zipfel erzählt gern die Geschichte, wie er im "Kicker" vom Interesse des FC St. Pauli an Simak gelesen habe und daraufhin seinen Sportchef Lutz Lindemann beauftragte, der Sache mal nachzugehen. Weil Lindemann Simak noch von einer früheren Verbindung kannte, klappte der Deal.

Für Simak war es vielleicht das Beste, was passieren konnte: St. Pauli und er, das hätte auf die falsche Art gepasst - die Assoziationen von Kiez und Party (und vielleicht auch die Versuchungen) wären allgegenwärtig gewesen. In Jena aber, der unaufgeregten Universitätsstadt inmitten der Kernberge, fand der neue Jan Simak die Ruhe, die er braucht. Mit seiner Frau und dem kleinen Sohn lebt er zurückgezogen in Laasdorf; im Ernst-Abbe-Sportfeld hat er ein sachkundiges Publikum, das ihn nicht nur in Extremen beurteilt. Unterhält man sich mit ihm, hat man den Eindruck eines zurückhaltenden und höflichen Menschen, der zuhört, nachfragt, wenn er etwas nicht versteht. Seine Antworten gibt er mit leiser, fast schüchterner Stimme.

„Er möchte keine Führungsaufgaben übernehmen“

"Am Anfang war es schwer", erinnert sich Simak an die ersten Wochen, in denen er noch einen großen konditionellen Rückstand aufholen musste. Heute gibt es in Jena niemanden, der nicht Respekt hätte vor Simaks Leistung. Alle drei Trainer dieser Saison bauten auf ihn im Mittelfeld - dabei wäre angesichts der sportlichen Malaise nichts leichter gewesen, als einen wie Simak, den Schönspieler, zum Sündenbock zu machen. Doch Simak hat längst gelernt, sich wie ein Profi zu verhalten, und sich damit unangreifbar gemacht. "Er ist der Erste, der auf dem Trainingsplatz steht und einen Ball am Fuß hat, der auch im läuferischen Bereich immer vorneweg marschiert", sagt der aktuelle Cheftrainer Henning Bürger.

Natürlich ist der Jenaer Vormarsch ins Pokal-Halbfinale auch Simaks Klasse geschuldet - doch er dominiert das Spiel der Thüringer nicht so sehr, wie man das annehmen könnte. "Er möchte definitiv nicht diese Führungsaufgaben übernehmen", sagt Bürger, "das ist nicht sein Naturell." Gegen Offenbach wirkte er manchmal, als bewege er sich in seiner eigenen Welt. Einen "Lustspieler" nennt ihn Bürger deshalb. "Wenn er gut beginnt, ist das meistens ein guter Tag bei ihm", sagt er. Was umgekehrt heißt: "Mit schlechten Aktionen hat er zu kämpfen und steckt die dann nicht so leicht weg."

Der Spott von den Tribünen dagegen, das weiß Simak, darf ihn nicht aus dem Konzept bringen - zumal er auf dem Platz schon Schlimmeres erlebt hat. Ein St.-Pauli-Spieler habe ihn als "Alkoholiker" beschimpft und sogar bespuckt. Wehren kann er sich nicht, sich keinen Ausrutscher leisten, weil es sonst sofort hieße: "Ja, der Simak . . ." Als er gegen Offenbach dann doch noch ein paar feine Pässe zeigt, hat plötzlich auch der Fan auf der Haupttribüne Respekt vor dem Fußballspieler Simak. "Der ist wirklich richtig gut", sagt er und zögert kurz. "Aber ein Patient."



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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