Uefa-Cup-Aus in St. Petersburg

„Saufen und Feiern“ nach der Demütigung des FC Bayern

02. Mai 2008 Als der erste Schock nach der Demütigung im Uefa-Cup-Halbfinale überwunden war, versuchten sich die Bayern am nationalen Titel-Glück aufzurichten. Der Pokalsieg und die deutsche Meisterschaft sollen in der Gesamtbilanz die internationalen Prügel des 0:4 bei Zenit St. Petersburg und den jäh geplatzten Traum von erstmals drei Trophäen in einer Fußballsaison überstrahlen.

„Es ist nicht die erste Mannschaft, der das Triple nicht gelingt. Da waren schon andere große Mannschaften von Bayern München auf der Spur, die das auch nicht geschafft haben. Wir gehen erhobenen Hauptes aus dieser Saison“, betonte Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge.

„Das schlechteste Spiel, an das ich mich erinnern kann“

Die „katastrophale Leistung“, die Ottmar Hitzfeld geschockt hatte und den Trainer ebenso wie Oliver Kahn die finale Krönung einer von großen Erfolgen geprägten Bayern-Ära kostete, wurde zum ärgerlichen Betriebsunfall erklärt. „Wir sollten uns alle nicht verrückt machen jetzt. Wir haben aus meiner Sicht alle Ziele erreicht“, meinte Uli Hoeneß (Siehe auch: Uli Hoeneß nach dem Debakel: „Ich bin hochzufrieden mit dieser Saison“).

„Saufen und Feiern“ riet der Manager den Spielern, die wie Luca Toni entsetzt waren: „Das war das schlechteste Spiel, an das ich mich erinnern kann“, kommentierte der italienische Weltmeister. Bei Rummenigges Bankettrede im prachtvollen Wintersaal des Hotels Astoria gab es um Mitternacht nicht einen Vorwurf an das demontierte Team, sondern vielmehr Dankesworte für eine stolze Jahresleistung.

Stürmer Miroslav Klose muss sich operieren lassen

„Wir brauchen nicht groß um den heißen Brei herumzureden. Wir haben ziemlich einen auf die Mütze gekriegt und sind enttäuscht. Aber wir sollten nicht den Fehler machen, Grundsätzliches infrage zu stellen, nicht eine Klasse-Saison der Mannschaft kritisieren“, verkündete Rummenigge und schloss mit einem lösbaren Auftrag: „Ich wünsche der Mannschaft, dass sie diesen Abend schnell vergisst und Sonntag den Punkt holt, den wir mathematisch noch zur Meisterschaft brauchen.“

Fehlen wird in Wolfsburg Stürmer Miroslov Klose. Der Nationalspieler will seinen Trümmerbruch am Nasenbein am Samstag operativ behandeln lassen. Die Schieflage zwischen nationaler Dominanz und dem heftigen K.o. im Uefa-Cup, der lediglich zweiten europäischen Liga unterhalb der Champions League, wollten die Bosse nicht diskutieren. „Ach, hören Sie mir doch auf mit dem national und international. Das lasse ich mir nicht einreden, dass wir international keine Rolle spielen. Unsere Mannschaft ist müde - basta!“, polterte Hoeneß.

Die Champions League ist und bleibt der Maßstab

Auch Kahn schwärmte lieber von dem famos aufspielenden Zenit-Kollektiv, das mit den Treffern von Pawel Pogrebnjak (4./73.), Konstantin Syrjanow (39.) und Victor Faysulin (53.) für die insgesamt erst fünfte Europapokal-Niederlage des FC Bayern mit vier Toren Differenz sorgte und im Finale am 14. Mai auf die Glasgow Rangers trifft: „Das war einfach eine Klasse-Leistung der Russen, die absolutes Champions- League-Format haben. Die Russen waren einfach nicht Getafe.“

Das eigene, bittere Ende seiner internationalen Laufbahn nahm der 38-Jährige verblüffend gelassen hin: „Irgendwann ist man einfach froh, dass es dann auch mal vorbei ist.“ Eine echte Zuneigung zum Uefa-Cup hatte der FC Bayern nie aufgebaut, wie Kahn zugab: „Wir haben den Uefa-Cup immer groß gemacht, einen Wettbewerb, der für den FC Bayern nicht einfach ist.“ Die Champions League ist und bleibt der Maßstab, wie der scheidende Kapitän betonte: „Die Mannschaft wird nächstes Jahr zeigen können, wo sie letztendlich in Europa steht.“

Trainer Hitzfeld: „International waren wir nicht so stark“

Die klarste und schonungsloseste Einschätzung dazu gab Philipp Lahm ab, der weiterhin mit einem Wechsel zu einem europäischen Top-Klub liebäugelt: „Meine Aussage steht, dass wir nächstes Jahr nicht die Champions League gewinnen oder ins Finale kommen“, kommentierte der Nationalspieler: „Aber ich lasse mich gerne überraschen.“

Die Super-Einkäufe Franck Ribéry und Luca Toni haben genügt, um der Bundesliga Glanz zu verleihen und die Gegner nach Belieben zu dominieren. „International waren wir nicht so stark“, gestand Hitzfeld. Man darf gespannt sein, welche Schlüsse Jürgen Klinsmann aus der Augen öffnenden Niederlage zieht.

„Die Chance aufs Triple kommt alle zehn Jahre einmal“

Der neue Cheftrainer könnte weiteren Handlungsbedarf auf dem Transfermarkt anmelden, ein Ribéry und ein Toni genügen nicht für höchste Champions-League-Ambitionen. Leisten könnten sich die Bayern weitere hochkarätige Stars: Rummenigge kündigte nach den 225,8 Millionen Euro der Vorsaison eine weitere Umsatzsteigerung an.

„Wir machen weiter Gewinne.“ Finanziell war auch der Uefa-Cup mit Einnahmen von fast 30 Millionen Euro ein erfolgreiches Jahr. Nur die Chance aufs historische Titel-Triple dürfte so schnell nicht wiederkehren, wie Hitzfeld traurig bemerkte: „Die kommt alle zehn Jahre einmal.“ Kahn und ihm ist sie an einem „schwarzen Abend“ zum zweiten Mal nach 1999 entglitten.

Zenit St. Petersburg - Bayern München 4:0 (2:0)
St. Petersburg:
Malafejew - Gorschkow, Schirokow, Krizanac, Anjukow - Denisow (90.+2 Jonow), Timostschuk, Zyrianow - Fajsulin, Dominguez (89. Lee) - Pogrebnjak. - Trainer: Advocaat
München: Kahn - Lahm, Lucio, Demichelis, Jansen (46. Lell) - Schweinsteiger, van Bommel, Ze Roberto (46. Podolski), Ribery - Toni, Klose (62. Sosa). - Trainer: Hitzfeld
Schiedsrichter: Tom Henning Övrebö (Norwegen)
Tore: 1:0 Pogrebnjak (4.), 2:0 Zyrianow (39.), 3:0 Fajsulin (53.), 4:0 Pogrebnjak (73.)
Zuschauer: 21.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Pogrebnjak (3) - Toni (4), Lell



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

Die helle Freude bei Zenit St. Petersburg Das Aus auf internationaler Ebene hätte schlimmer nicht sein können für Olive... In einem kleinen, zugigen Stadion geht eine große Europapokal-Karriere zu Ende So leicht hatte sich Zenit den Finaleinzug sicher nicht vorgestellt Ärger, Trauer, Wut, Entsetzen? Van Bommel (l.) und Hitzfeld Die Vorderleute hörten nicht auf Kahn - und ließen zu viele Lücken Der Russe versenkt den Freistoß durch die löchrige Mauer zum 1:0 Torwart Kahn kann den frühen Rückstand nicht fassen - St. Petersburg jubelt In welchem Film bin ich hier eigentlich? Oh, wie ist das schön: Pogrebnjak lässt sich für das 4:0 feiern Der angeschlagene Bayern-Stürmer Klose fand kaum ins Spiel In der Offensive funktionierte fast gar nichts Bilder, die eigentlich in kein Fußballstadion gehören Ein einstiger Titan auf dem Boden der Tatsachen Eine Anzeigetafel kann so bedrückend wirken Was haben wir hier nur für einen Mist gespielt? Christian Lell ist ratlos “Das war natürlich eine katastrophale Leistung von uns“: Trainer Ottmar Hitzfeld So gerne hätte Luca Toni das Finale gespielt, nun bleibt nur Leere Jetzt will Zenit in Manchester auch den Uefa-Pokal holen Die Bayern-Spieler schauen dem Ball hinterher, der im Tor einschlägt Was war da denn los? Der Torwart und die Machtlosigkeit beim Gegentor Pogrebnjak und Zyrianow freuen sich über ihre frühen Treffer Und schon wieder taucht ein Russe allein vor Kahn auf Nur ein Schatten seiner selbst: Torjäger Luca Toni Versteinerte Mienen auf der Bank: Hitzfeld, Henke, Hoeneß So sieht Unterstützung doch viel angenehmer aus Einfach nur zum Schämen: Der FC Bayern ging in St. Petersburg unter Bye, bye, Uefa-Cup: Oliver Kahn hat einiges aufzuarbeiten Fragt sich, was Luca Toni mehr wehtut - das Aus oder der Tritt des Gegners “Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir so gut spielen“: Zenit-Coach Dick A... Der Abschied vom Europapokal hätte kaum schlechter sein können Lucio springt Pogrebnyak ungeschickt in den Rücken Der frühe Anfang vom ganz bitteren Ende 2:0 - Konstantin Zyrianow lief allein auf Kahn zu und ließ dem Routinier kein... Das 3:0 war die Vorentscheidung und Zenit ist obenauf Eigentlich zeigen Brasilianer die hohe Fußballkunst, hier bekommt Ze Roberte ... Ribery war bemüht, wurde aber allzu oft ausgebremst Eine Extraportion an Bewachung für die mitgereisten Bayern-Fans vor dem Spiel Ein Plakat, das nicht vieler Worte bedarf - es wurde noch vor dem Spiel entfernt