Frankreich

Paris fürchtet Jahrestagsunruhen

Am Sonntag setzten Jugendliche einen Linienbus in Brand

Am Sonntag setzten Jugendliche einen Linienbus in Brand

23. Oktober 2006 Der französische Inlandsgeheimdienst „renseignements generaux“ (RG) warnt in einem vertraulichen Bericht vor neuen Ausschreitungen in den französischen Vorstädten anläßlich des Jahrestages der Unruhen am 27. Oktober 2005. Das berichtete die Tageszeitung „Le Figaro“ am Montag unter Berufung auf den 17 Seiten langen Geheimbericht, der ihr zugespielt wurde. Das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan, der Beginn der Herbstferien sowie die verstärkte Präsenz von Journalisten in den Vororten werden von den Geheimdienstbeamten als Risikofaktoren bezeichnet. Ein neuer Ausbruch der Gewalt sei deshalb nicht auszuschließen.

Innenminister Sarkozy hat die Polizisten angewiesen, sich in den nächsten Tagen so „diskret“ wie möglich zu verhalten und alles zu vermeiden, was als Provokation aufgefaßt werden könnte. Auch die Präfekten in den gefährdeten Departements sind zu Sondermaßnahmen aufgefordert worden. So soll die Müllabfuhr jeden Tag in den Vorstadtsiedlungen die Mülleimer leeren, damit es keine vollen Mülleimer gibt, die zu Brandstiftungen verleiten könnten.

Brandanschlag auf Linienbus

In der Dienstempfehlung an die Präfekten heißt es weiter, sie sollten darüber wachen, daß Autowracks oder stillgelegte Fahrzeuge in der Nähe der Wohnsiedlungen abgeschleppt werden, ebenfalls um der Gefahr von Brandstiftungen vorzubeugen. Der Innenminister hat überdies die in der Banlieue tätigen Vereine gebeten, während der Herbstferien möglichst viele Veranstaltungen und Feste zu organisieren, „um die Jugendlichen zu beschäftigen“. Zugleich forderte Sarkozy die Vereine auf, die Vereinslokale auch abends und nachts geöffnet zu lassen, damit die Jugendlichen nicht draußen auf der Straße bleiben.

„Die Bedingungen, die vor einem Jahr zu einem kollektiven Gewaltausbruch in allen Landesteilen führten, liegen größtenteils weiter vor“, heißt es in dem Geheimdienstbericht. Größten Anlaß zur Besorgnis gebe dabei der Großraum Paris. Die Lage in Clichy-sous-Bois, wo die Unruhen im vergangenen Jahr begannen, habe weiter Signalwirkung, schreibt der Geheimdienst; wenn es dort zu Zwischenfällen komme, sei eine Ausbreitung auf andere Vororte nicht auszuschließen. Die Spannungen zwischen jungen Banlieue-Bewohnern und den Sicherheitskräften würden zur Zeit durch Fernsehkamerateams und Fotografen verstärkt, die auf der Suche nach einer „spannenden Reportage“ zum Jahrestag in den Vororten auf „Ereignisse“ warteten. Für die Banlieue-Jugend entstehe damit die Versuchung, mit Gewaltakten das Medieninteresse auf sich zu ziehen, heißt es in dem Bericht.

Die Übergriffe auf Polizisten durch Minderjährige haben in den vergangenen Tagen stark zugenommen. In dem Sozialwohnungsviertel Grande-Borne in Grigny im Süden von Paris setzten 40 Jugendliche am Sonntag nachmittag einen Linienbus und drei weitere Fahrzeuge in Brand. Ein Polizeiauto und mehrere Polizisten wurden mit Steinen beworfen. Verletzt wurde niemand. Der Busfahrer mußte wegen eines Schocks ins Krankenhaus gebracht werden. Seine Kollegen sind seither in einen Streik getreten und weigern sich, das Sozialbauviertel weiter anzufahren. Die Busfahrergewerkschaft fordert einen Sicherheitsbeamten für jeden Bus.

Text: mic., F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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