Von Michael Horeni, Luzern
03. Dezember 2007 Am Sonntagmittag hat Didier Deschamps der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einen schönen Dienst erwiesen. Der französische Weltmeister stand neben Jürgen Klinsmann auf der Bühne des Luzerner Kongresszentrums vor Lostopf drei. Die EM-Gruppen nahmen allmählich Gestalt an, die Spannung stieg.
Als nur noch drei Loskugeln lagen, waren die Aussichten für die Deutschen nicht gerade rosig. Aber Deschamps zog dann gerade noch rechtzeitig den Zettel Germany aus dem kleinen Los-Fußball - und damit war die deutsche Fußballwelt bei der Europameisterschaft ganz schnell wieder in allerbester Ordnung. Denn die WM-Dritten finden sich bei der EM nun mit besten Aussichten in der Gruppe B bei Gastgeber Österreich, Polen und Kroatien wieder.
Schon jetzt ein bisschen Gewinner
Wären die Deutschen jedoch nur einen Moment später gezogen worden, wären sie statt der Rumänen zu den Topmannschaften Niederlande, Italien und Frankreich in die spektakulärste und schwierigste Gruppe gekommen, die die Auslosung zur Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich zu bieten hatte. Da habe ich schon durchgeatmet, als wir in unsere Gruppe reingelost wurden. Man muss ehrlich sagen, dass wir erleichtert sind, sagte Löw nachdem Deutschland der Todesgruppe ganz knapp entkommen war.
Auch Manager Oliver Bierhoff war hochzufrieden, dass die Fußball-Kapitäne der früheren EM-Teams ein glückliches Händchen für Deutschland bewiesen hatten: Wir haben da natürlich die Daumen gedrückt. Frankreich und Holland wären Hammergegner gewesen. So aber kamen die Deutschen mit einem kurzen Schrecken davon und können sich nun bei dem Turnier vom 7. bis 29. Juni schon jetzt ein bisschen wie Gewinner fühlen.
Löw: Erst einmal die Gruppenphase überstehen
Vom legendären Losglück, das Deutschland seit Generationen bei Europa- und Weltmeisterschaften begleitet, wollte der Bundestrainer aber, im Gegensatz zu vielen anderen in Luzern, nicht sprechen. Ich würde nicht unbedingt von einem Glückslos reden. Wir sind sehr zufrieden, denn wir haben gute Chancen, die nächste Runde zu erreichen. Die Gruppe ist schwer, aber nicht unlösbar, sagte er zu den Aufgaben, die für Deutschland mit dem Auftaktspiel am zweiten Turniertag gegen Polen, dann gegen Kroatien jeweils in Klagenfurt und zum Abschluss gegen Gastgeber Österreich in Wien zu lösen sind.
Tatsächlich aber hat die Auslosung auch noch einen weiteren, auf den ersten Blick gar nicht so leicht erkennbaren Vorteil mit sich gebracht, der sich im Sommer noch als das ganz große Los für den dreimaligen Europameister erweisen könnte. Denn bis zum Finale bleiben die Gruppe A und B sowie C und D jeweils unter sich - das heißt, dass die Deutschen bei optimalem Turnierverlauf bis zum Halbfinale nur auf ihre Gruppengegner sowie auf die Vertreter der Gruppe A mit der Schweiz, Tschechien, Portugal und Türkei treffen können. Darüber machen wir uns aber noch keine Gedanken. Wir wollen erst einmal die Gruppenphase überstehen, sagte Löw. Aber dass sich für seine Mannschaft nun eine gute Perspektive bis hin zum Finale in Wien auftut, war der deutsche Delegation anzumerken.
Lange schwarze Serie
Doch der Reihe nach: Zum Auftakt geht es wieder wie bei der WM gegen Polen, dann wartet mit den Kroaten eines der stärksten Teams der EM-Qualifikation. Der 3:2-Sieg in Wembley vor knapp zwei Wochen hat die Mannschaft des früheren Karlsruher Profis Slaven Bilic mit einem Schlag zum europäischen Fußball-Gesprächsthema gemacht. Beide Mannschaften sind qualitativ sehr gut. Die Kroaten sind immer gefährlich. Sie spielen raffiniert. Sie haben England eliminiert. Und die Polen haben uns schon bei der WM vor 80.000 Zuschauern in Dortmund bei unserem 1:0-Sieg alles abverlangt. Es wird harte Arbeit für uns werden, sagte Löw. Wenn angepfiffen wird, zählt es nicht mehr, Favorit zu sein.
Der Bundestrainer erinnerte angesichts der großen Zufriedenheit in der deutschen Delegation vorsorglich aber auch an die lange schwarze Serie der Auswahlen des Deutschen Fußball-Bundes bei Europameisterschaften. Seit zwölf Jahren haben wir kein Spiel mehr bei einer EM gewonnen. Wir wissen, welch schlechte Erfahrungen wir 2000 und 2004 gemacht haben. Nur wenn wir eine Top-Performance bringen und am Limit spielen, haben wir eine Chance, bis zum Ende durchzukommen.
Da können Spieler zu Legenden werden
Zum emotionalen Höhepunkt könnte in der Vorrunde das letzte Gruppenspiel gegen Österreich werden. Es ist etwas ganz Besonderes, gegen den Gastgeber zu spielen. Es wird eine Atmosphäre sein, wie es sie bei einem Turnier nicht oft gibt, sagt der Bundestrainer voraus. Wenn Österreich gegen Deutschland spielt, ist im ganzen Land eine unglaubliche Spannung. Die Österreicher werden alles mobilisieren, um den großen Bruder Deutschland zu schlagen. Da können Spieler zu Legenden werden, sagt Löw, der ebenso wie Bierhoff und Assistenztrainer Flick schon in Österreich gearbeitet hat.
Noch heute, so der Bundestrainer, redeten die Österreicher von ihrem 3:2-Sieg bei der WM 1978 in Argentinien - und damit hat Joachim Löw die Gemütslage der Gastgeber bis in höchste Kreise ziemlich gut getroffen. Das fängt schon beim österreichischen Bundeskanzler an. Das Spiel gegen Deutschland findet fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Wunder von Córdoba statt, sagte Alfred Gusenbauer am Sonntag. Ich hoffe, die Leidenschaft und die Erinnerung werden uns helfen. Die Chance lebt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
