Olympischer Fußball

Blatters Doppelspiel

Von Jörg Hahn

21. Juli 2008 Die Reglementierungswut des Fußball-Weltverbandes ist legendär. Schließlich achtet die Fifa sogar darauf, welche Getränke ausgeschenkt und welche Sonnenschirme aufgestellt werden, will eine Stadt Fifa-Spiele veranstalten. Was sich nun dieser Verband, der ansonsten alles tut, um seine Interessen und Ziele zu schützen, beim Thema Olympia leistet, ist, vorsichtig formuliert, interessant.

Die Vereine werden in einem Brief kurzfristig und eher unverbindlich aufgefordert, junge Spieler für das olympische Turnier abzustellen; 45 Artikel auf 56 Seiten umfasst das im Januar 2007 verabschiedete Fifa-Reglement für Peking, doch eine Freigabeverpflichtung für Olympia – wie es sie sonst für Länderspiele gibt – ist nirgends verankert. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Fifa legt sich für die olympische Familie allenfalls halbherzig ins Zeug. Warum wohl?

Das IOC ist groß, die Fifa ist größer

Fifa-Präsident Blatter spielt ein Doppelspiel: Fußball soll olympisch sein (sind damit doch hübsche Einnahmen verbunden), die Stars sollen dort aber nicht präsentiert werden. Die Fifa will sich auf ihrem Geschäftsfeld, packende Fußballveranstaltungen auszurichten, nicht ernsthaft Konkurrenz machen lassen. Das Internationale Olympische Komitee ist groß, die Fifa ist größer.

Das Ergebnis dieser Politik ist bekannt: Vereine streiten mit Spielern über eine Reise nach Peking, die im Fall der Bundesliga mit der Saisonvorbereitung und den ersten Spieltagen kollidiert. Junge Nationalspieler aus qualifizierten Ländern stecken in einem Dilemma: Die Vereine zahlen ihr Gehalt und pochen, gerade bei Leistungsträgern, auf Verträge.

Die nationalen Verbände appellieren an Ehre und Heimatgefühl (und drohen womöglich mit Konsequenzen für die weitere Nationalmannschaftskarriere bei einer Nichtteilnahme in Peking).

Exzessive Empörung und maximale Zuspitzung

Im Hintergrund finden sich zudem mächtige Sponsoren – wie bei den Brasilianern der amerikanische Sportartikelhersteller Nike –, für die ein erfolgreicher Olympiaauftritt auf dem größten Markt der Welt in diesem Jahr ganz oben auf der Agenda steht. In diesem Interessen- und Beziehungsgeflecht müsste die Fifa die bestimmende Rolle übernehmen. Weil sie es nicht tut, könnten am Ende Arbeits- oder Sportrichter gefragt sein.

Dass die Bundesliga auf Äußerungen von IOC-Präsident Rogge in herablassender Weise reagiert, verhärtet den Konflikt unnötig. Aber die Manager sind wohl so in ihrer Alltagsrhetorik gefangen, die bei jedem Vorkommnis auf exzessive Empörung und maximale Zuspitzung ausgerichtet zu sein scheint, dass sachliche Töne einfach nicht zu erwarten sind.

Aus dem olympischen Traum kann ein Albtraum werden

Klar ist: Rogge hat nicht den erwarteten Rückhalt bei Blatter. Und Spieler und Vereine kommen um vernunftgesteuerte Einzelfallentscheidungen nicht herum. Ansonsten kann aus dem olympischen Traum der Albtraum im Alltag werden: Begegnen sich Arbeitgeber und Profi erst einmal vor Gericht, dürfte es um eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit schlecht bestellt sein.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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