16. Januar 2006 Otto Schily hatte zu seiner Zeit als Bundesinnenminister in seinem Amtszimmer am Spreebogen ein Foto im Regal stehen, das er gerne präsentierte: Es zeigte ihn zusammen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, Fußball-Weltpräsident Joseph Blatter und dem Künstler Andre Heller in gehobener Stimmung in südländischer Umgebung - es war im Park von Hellers Wohnsitz am Gardasee.
Als das Foto aufgenommen wurde, war die Männerrunde übereingekommen, daß der Internationale Fußball-Verband (Fifa) die Hoheit über die von der damaligen deutschen Regierung ersonnene "WM-Gala" im Berliner Olympiastadion übernehmen wird: als 65. offizielle Fifa-Veranstaltung im Rahmen des Turniers im Sommer 2006 in Deutschland (neben den 64 Spielen). Das womöglich weinselige Treffen in Norditalien gehört zur seltsamen Entstehungsgeschichte einer überflüssigen Veranstaltung - schließlich findet nach Spielplan das Eröffnungsspiel der WM am anderen Ende der Republik statt, in München nämlich. Eitelkeit, Ehrgeiz und politisches Kalkül führten zu der Situation, daß zwei Tage vor dem sportlichen Auftakt im Süden in der Hauptstadt mit Millionenaufwand ein prunkvoller und pompöser Abend der Welt deutsche Größe und Genialität - inszeniert von dem Österreicher Heller - vorführen sollte.
Einfach nur peinlich
Und heute? Schily ist nicht mehr Minister, und die für diesen Herbst erwartete Bundestagswahl hat längst stattgefunden. Hellers ambitiöses Konzept scheint zudem am Markt vorbeigeplant gewesen zu sein. Der Vorverkauf zu happigen Preisen lief offenbar schleppend. Am Freitag ist die einst mit großem Getöse angekündigte Gala nach dem Motto: "Das hat die Welt noch nicht gesehen" kleinlaut von der Fifa abgesagt worden.
Den Ansehensverlust hat jedoch nicht der Schweizer Blatter zu tragen, sondern wieder einmal das deutsche WM-Organisationskomitee. Dort hat man schon viel Prügel einstecken müssen, für hausgemachte Fehler etwa in Fragen des Kartenverkaufs ebenso wie für von anderen hochgekochte Reizthemen wie Stadionsicherheit. Nun muß man aufs neue mit zusammengebissenen Zähnen die Scherben zusammenkehren und kann nur brav beteuern, die Entscheidung sei nicht hinter dem Rücken der Deutschen oder über ihren Kopf hinweg getroffen worden. Ob Einvernehmen oder Fifa-Diktat: Daß angeblich erst jetzt die Sorge um den Berliner Stadionrasen zu groß geworden ist, um eine Absage noch verhindern zu können, das klingt so oder so einfach nur peinlich.
Wichtig ist auf dem Platz!
Ist dies nun die Quittung für Großmannssucht? Ein Beleg dafür, daß man Fußball auch und gerade bei einer WM Fußball sein lassen und nicht mit Erwartungen überfrachten sollte? Was soll (oder sollte) die WM nicht alles bewirken für dieses Land: mehr Arbeit, mehr Touristen, mehr Geld, mehr Lebensfreude - mehr, mehr, mehr. Doch als wäre der Rückzug vom Freitag nicht ärgerlich genug, geht die (politische) Diskussion über die Art und Weise einer angemessenen Eröffnung der WM in Deutschland unvermindert weiter. Schon streiten wieder München und Berlin um das Privileg der ersten Aufmerksamkeit, reklamiert die Hauptstadt für sich den Anspruch auf einen wie auch immer feierlichen Auftritt, bevor erstmals ein Ball getreten wird.
Worauf aber warten die Zuschauer? Hellers mit Menschen und Elektronik überladenes Spektakel war es offensichtlich nicht. Sie wollen Fußball sehen, nicht selbstverliebte Politiker und Impresarios. Fußball und (Hoch-)Kultur sind nach wie vor zwei Dinge, die man nicht zwanghaft vermischen kann. Ein Volkssport sollte am besten auch Volksfest bleiben.
Die Fifa hat, ohne Rücksicht auf Kommunikationskultur, dem deutschen WM-Projekt weiteren Schaden zugefügt. Das ist beklagenswert. Aber deshalb sollte nun Schluß sein mit allen Planspielen, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Schon vergessen? Wichtig ist auf dem Platz!
Text: F.A.Z. vom 16. Januar 2006
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