Von Ferry Batzoglou, Athen/Larnaka
26. November 2008 Ungeahntes Potential birgt der Y-Faktor im Profifußball – zumindest scheint das beim zuyprischen Champions-League-Teilnehmer Anorthosis Famagusta der Fall zu sein. Ypodomi, Ylopiisi, Ypomoni (Infrastruktur, Realisierung, Geduld), die drei Y stehen als Motto einem vor rund fünf Jahren in Angriff genommenen Plan voraus. Der, erläuterte Anorthosis-Vizepräsident Savvas Kakkos kürzlich in Nikosia auf einem Treffen, habe vornehmlich ein Ziel gehabt: den internationalen Aufstieg des Klubs, am besten per Einzug in die Gruppenphase der lukrativen Champions League.
Der 1911 in Famagusta gegründete Verein, der nach der Invasion der türkischen Armee im Jahre 1974 ins Exil nach Larnaka in den griechischen Teil der Mittelmeerinsel ziehen musste und das für die Champions League viel zu kleine Stadion Antonis Papadopoulos in Larnaka bezeichnenderweise nur als vorläufige Heimstätte bezeichnet, erreichte nicht nur als erstes Team aus dem geteilten Zypern überhaupt in dieser Saison das ehrgeizige Ziel.
Der Georgier Timur Ketsbaia ist der Vater des Erfolges
Mit fünf Punkten nach vier Runden liebäugelt der Klub von der nur 700.000 Einwohner zählenden Urlaubsinsel sogar mit dem Sprung ins Achtelfinale. Und das mit einem Saisonetat von nur acht Millionen Euro. Mit einem Erfolg über Werder Bremen an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live bei Sat.1, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) könnte Anorthosis sein Ziel schon erreicht haben, falls gleichzeitig Inter Mailand gegen Panathinaikos Athen gewinnt.
Einigkeit besteht auf der Aphroditeninsel darüber, wer der Vater dieses Erfolgs ist: der Georgier Timur Ketsbaia. Der 40 Jahre alte Fußballlehrer, der in seiner aktiven Laufbahn von Dinamo Tiflis zu Anorthosis (1992–94) wechselte und anschließend über AEK Athen (1994–97) den Sprung in die englische Premier League zu Newcastle United (1997– 2000) schaffte, heuerte 2002 zunächst als Spielertrainer bei seinem früheren Klub an.
Dellas und Savio sind die besten Spieler
Professionell trainiert wird schon seit langem auf Zypern. Das brauchte Ketsbaia nicht zu optimieren. Seine Leistung besteht darin, dass er den Spielern Selbstvertrauen eingeimpft und den Blick streng auf einen Ergebnisfußball gerichtet hat, sagt Rainer Rauffmann. Der frühere Bundesliga-Profi bei Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld und langjährige Torjäger von Zyperns Rekordmeister Omonia Nikosia fügt hinzu: Ketsbaia hat die Mannschaft behutsam geformt. Sie ist seine Schöpfung. Im Sommer hat er sie mit dem griechischen Ex-Europameister Traianos Dellas und dem brasilianischen Mittelfeldmann Savio gezielt verstärkt.
Dellas und Savio, mit einem Netto-Jahresgehalt in Höhe von jeweils rund 500.000 Euro die Topverdiener bei Anorthosis, sind neben dem albanischen Torhüter Arian Beqaj, dem einheimischen Nationalverteidiger Nikolaou und dem polnischen Stürmer Lukas Sosin Anorthosis’ beste Spieler. Ketsbaia ist bei Anorthosis der Zar, die Spieler respektieren ihn, sagt Rauffmann.
Wenn die Gegner auslaufen, legen sie noch einen Sprint hin
Das Überraschungsteam aus dem vermeintlichen Fußball-Niemandsland imponiert bislang mit einer grandiosen Kampf- und Laufleistung. Zypern-Kenner Rauffmann sagt: Die Anorthosis-Akteure geben in der Champions League richtig Gas. Wenn die Gegner schon auslaufen, legen sie noch einen Sprint hin.
Und nicht nur einen: Im Heimspiel gegen Inter Mailand (3:3) liefen die Anorthosis-Profis mit insgesamt 113 Kilometern zehn Kilometer mehr als die Startruppe des portugiesischen Startrainers José Mourinho. Rauffmann wundert das indes nicht. Wenn man wie auf Zypern nur 26 Ligaspiele in der Saison zu bestreiten hat und Stammspieler wegen der fehlenden Leistungsdichte bei vielen Partien zusätzlich schonen kann, dann geht man eben ausgeruhter als die Inter-Spieler in die Begegnung.
Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht
Eine weitere Stärke von Ketsbaia und seiner Mannschaft ist die Fähigkeit, flexibel auf Veränderungen im Spielstand reagieren zu können. Ketsbaia gilt als Systemspieler. Einem 4-3-2-1 folgt ein 4-4-2, dann ein 4-3-3-System. Famagusta gilt als eine Mannschaft, die schnell von der Defensive auf Offensive umschalten kann und umgekehrt. Außerdem verfügt Ketsbaia über eine Reihe von Priofis, die auf verschiedenen Positionen einsetzbar sind.
Zyperns Meister, der nach der geglückten Generalprobe für das Schlüsselspiel gegen Werder – ein 2:1-Sieg bei Apollon Limassol, trainiert vom ehemaligen Bundesligacoach Thomas von Heesen – die Tabelle anführt, muss auf den verletzten Stammtorwart Beqai, den Franzosen Bardon sowie den grippekranken Portugiesen Paolo Costa verzichten. Kein Wunder, dass die Blau-Weißen vor Zuversicht sprühen, im mit 23.000 Zuschauern ausverkauften GSP-Stadion in Nikosia gegen Bremen für eine weitere Überraschung sorgen zu können. Ich glaube nicht, dass bei Anorthosis das Ende der Fahnenstange erreicht ist, sagt auch Rauffmann. Dem dreifachen Y-Faktor sei Dank.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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