Von Michael Ashelm, Basel
27. März 2008 Die Bilanz erscheint doch vielversprechend: Kein Gegentor, kein Fehler, gesund herausgekommen aus neunzig Spielminuten und beste Aussichten, in den kommenden zwei Monaten befreit zu sein von der lästigen Torwartdiskussion. Entspannt wirkte Jens Lehmann trotzdem nicht, und er wollte auch gar niemandem Einblicke geben in das zuletzt wohl arg strapazierte Seelenleben der deutschen Nummer eins.
Deshalb enthielt er sich wie vorher angekündigt jeglichen Kommentars, während seine Nationalmannschaftskollegen die Trendwende zum Positiven beim 4:0 über die Schweiz wie eine Erlösung zelebrierten. Den einzigen emotionalen Ausbruch, der doch auf Erleichterung schließen ließ, leistete sich Lehmann eben nach dem Abpfiff in Basel, als er auf dem Platz die beiden an diesem Abend ebenso standhaften Innenverteidiger Per Mertesacker und Heiko Westermann kräftig umarmte.
Bis zur EM gibt es hier keine Diskussionen mehr
Für den Torwart, der in seinem Verein nicht mehr zum Zuge kommt, war der Kampf um die Hauptrolle zwischen den Pfosten der Nationalelf seit seiner Degradierung bei Arsenal London und noch mehr nach der fehlerhaften Vorstellung im Februar gegen Österreich zu einer unangenehmen Auseinandersetzung mit den Wahrheiten des Geschäfts geworden.
Der Elfmeterkiller aus dem WM-Viertelfinale gegen Argentinien konnte sich nicht mal sicher sein, ob die deutsche Mannschaftsführung noch fest zu ihm stehen würde. In der Öffentlichkeit wurden schon neue Varianten auf Lehmanns Position eifrig besprochen, die im extremen Fall bis hin zu einer Jobübernahme durch einen der jungen Bundesligaüberflieger wie Adler oder Neuer reichten.
Er gibt der Abwehr große Sicherheit
Entscheidende Spieler in der Nationalmannschaft wie Kapitän Michael Ballack stützten jedoch Lehmann mit regelmäßigen Positivbeurteilungen, vor allem deshalb, weil sie derzeit keine Alternative zu dem reichhaltigen Erfahrungsschatz des 38 Jahre alten Keepers sehen. Nach dem Spiel gegen die Schweiz können diese wichtigen Fürsprecher beruhigt nach vorne blicken. Jens hat die brenzligen Situationen heute gut und souverän gelöst. Ich glaube, bis zur EM gibt es hier keine Diskussionen mehr“, so Ballack.
Innenverteidiger Mertesacker, im Verbund mit Lehmann und den anderen Defensivkräften abhängig von klaren Ansagen und eingespielten Strukturen auf dem Platz, stellte sich ebenso deutlich hinter den Torwart. Er gibt der Abwehr mit seiner Erfahrung große Sicherheit. Das ist schon längere Zeit so, und ich habe dies auch schon oft betont“, sagte der Bremer.
Wir können nicht nach Ted-Umfragen aufstellen
Richtig strecken musste sich Lehmann nur einmal am Mittwoch, als der Schweizer Gygax aus der Ferne gefährlich aufs Tor zielte (59. Minute). Eine Partie ohne größere Aufregungen in der Abwehrarbeit hat gereicht, um die wankende Nummer eins im deutschen Tor wieder zu stabilisieren, wobei das Faktum der fehlenden Spielpraxis unverändert auf dem Bewertungszettel stehen bleiben wird. Aber vielleicht könnte Lehmann genau diese Tatsache in den nächsten zwei Monaten zu etwas Luft zum Durchatmen verhelfen – und ihm sogar zum Vorteil gereichen.
Denn der positive Eindruck von Basel bleibt vor dem Trainingslager Ende Mai in jedem Fall erhalten und kann nicht mehr durch Fehler oder Defizite auf dem Platz gefährdet werden. Die Nationalmannschaft bestreitet bis dahin keine Spiele, und bei Arsenal sieht es so aus, als bekäme Lehmann bis zum Saisonende keine Einsatzchance mehr. Sicher hätte der Torwart gerne einen anderen Verlauf, aber warum die Situation nicht so annehmen, wie sie ist.
Was läuft schief mit der Jugend?
Auch vom Bundestrainer dürfte sich Lehmann voll bestätigt fühlen. Mir hat seine ruhige und souveräne Ausstrahlung gefallen. Er hat sehr konzentriert gewirkt und die Abwehr gut organisiert“, sagte Joachim Löw. Und wenn man dem Torwarttrainer der Nationalelf zuhörte, hatte man ebenfalls nicht den Eindruck, dass zur EM noch überraschend Bewegung aufkommen könnte in Sachen Stammtorhüter. Wir müssen bei der ganzen Diskussion um Jens Lehmann die Kirche im Dorf lassen. Er hat ein schlechtes Länderspiel gegen Österreich gemacht, nicht mehr und nicht weniger. Er ist über 620 Minuten ohne Gegentor. Das spricht für ihn. Wir können nicht nach Ted-Umfragen aufstellen, dann haben wir bei jedem Länderspiel einen anderen Torwart im Tor. Wir müssen hier eine gewisse Konstanz zeigen“, sagte Köpke. Er prophezeite, dass in dieser Diskussion nun sicherlich Ruhe einkehren“ wird.
Der Betroffene selbst will sich nicht mehr in Frage stellen lassen und hat auch keine Lust, in dieser Debatte noch mitzureden. Zu anderen Themengebieten kann und will Lehmann aber gerne Auskunft geben. In Basel nach dem Spiel schnell entschwunden, saß er dann am gestrigen Abend in einer Fernseh-Talkshow aus Berlin und diskutierte mit Politikern und Psychologen über gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Was läuft schief mit der Jugend?“, hieß es dort im Titel. Weit genug weg für Lehmann von seinen eigenen Problemen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
Wada: Landis-Prozess kostet ![]()
Tennis: Kiefer in Hamburg im Viertelfinale
Redefreiheit bei Olympia: Wir wissen jetzt, woran wir sind
Nationaler Doping-Testpool: Eishockey-Bund nennt Namen nicht gemeldeter Spieler
Wer muss mit zur Europameisterschaft?
