Von Frank Hollmann, Schanghai
26. März 2008 Dieses Szenario hatten Nordkoreas Funktionäre auf keinen Fall im Stadion von Pjöngjang sehen wollen: gewaltige südkoreanische Fahnen im Fanblock hinter dem Tor von Ri Myong-guk, der nordkoreanische Torhüter eingeschüchtert von den ohrenbetäubenden Schlachtrufen Tausender aus Seoul eingeflogener Fußballfans. Heimspielatmosphäre für den Süden bei einem nur noch auf dem Papier erkennbaren Auswärtsspiel 600 Kilometer von der ostasiatischen Halbinsel entfernt. Statt in Pjöngjang trugen Koreas Nationalteams ihr erstes WM-Qualifikationsspiel seit 15 Jahren im chinesischen Schanghai aus - es endete unentschieden: 0:0.
In seiner Hauptstadt hätte Staatschef Kim Jong-il die Statuten des Weltverbandes akzeptieren müssen. Doch um keinen Preis wollte der nordkoreanische Staatschef auf seinem Territorium das Aufziehen der Flagge und das Abspielen der Hymne Südkoreas gestatten. Schließlich befinden sich beide Staaten seit dem blutigen Bruderkrieg der fünfziger Jahre noch immer faktisch im Krieg. Ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Da verzichtete Kim Jong-il lieber auf den Heimvorteil seiner Kicker auf dem Weg zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010.
Nur wenig Weltmeisterliches
Auch das bis dahin letzte Pflichtspiel hatten beide Nationen auf neutralem Boden ausgetragen. 1993 siegte der Süden in Doha 3:0. Für die Qualifikationen zu den Weltmeisterschaften 1998 und 2002 meldete Pjöngjang darauf seine Mannschaft gar nicht mehr an.
Wenigstens hatte der Schanghaier Ausweichplatz schon zuvor seine WM-Tauglichkeit bewiesen. Im Hongkou-Stadion hatten vor einem halben Jahr Deutschlands Fußballfrauen über Brasilien triumphiert und bei der WM in China ihren Titel verteidigt. Die koreanischen Kicker dagegen brachten nur wenig Weltmeisterliches zustande, selbst ihre Stars blieben blass. Park Ji-sung, dem offensiven Mittelfeldspieler von Manchester United, gelang genausowenig ein Treffer für den Süden wie seinem Gegenpart Jong Tae-se für Nordkorea. Der verdient sein Geld in der japanischen J-League. Jongs Geschichte zeigt die ganze Zerrissenheit des geteilten Landes. Obwohl seine Eltern aus dem Süden stammen, trägt er das rote Trikot des Nordens. Als Kind hatte Jong in Japan nordkoreanische Auslandsschulen besucht.
Im heimischen Kim-Il-sung-Stadion von Pjöngjang, benannt nach dem gottgleich verehrten Vater und Vorgänger des jetzigen Staatschefs, wäre Jong bei seinen Sturmläufen wahrscheinlich von hunderttausend Fans nach vorne gepeitscht worden. Doch im neutralen Schanghai bemühten sich nur ein paar hundert eigens aus Peking angereiste Botschaftsangehörige nebst Familien, ihr Team anzufeuern - meist vergeblich. Gegen die sangeskräftige Fanübermacht aus dem Süden standen sie auf verlorenem Posten.
Ein historisches Ereignis
Wenigstens auf dem Platz waren Nord und Süd gleichwertig, nicht nur im Einsatz, auch im Auslassen der Torchancen. Dennoch feierten beide Seiten dieses 0:0, immerhin hatten sie ein historisches Ereignis miterlebt. Das sporthistorische Ergebnis ist doch egal, meinte Dong Ji-piau im südkoreanischen Fanblock. Und sein Nachbar Han Myung-soo ergänzte: Natürlich ist das ein besonderes Spiel. Wir sind ein geteiltes Land, und hier stehen wir gemeinsam auf dem Platz. Die Bedeutung dieses Moments hatten nach dem Schlusspfiff die Kicker aus dem Norden als Erste erfasst.
Arm in Arm rannten die ganz in Rot gekleideten Spieler in die südkoreanische Fankurve mit ihren unzähligen weißen Landesfahnen. Augenblicke später liefen Park Ji-sung und seine Mitspieler zur Gegengeraden, verneigten sich vor den rot-blauen Fahnen des Nordens und erhielten prompt den Beifall der Botschaftsmitarbeiter. Mehr als ein halbes Jahrhundert der Trennung schien wenigstens für einen kurzen Moment vergessen.
Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 35
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
Zweite Bundesliga: 1. FC Köln steigt auf - Kaiserslautern am ![]()
Handball: Kiel kann Champions-League-Triumph nicht wiederholen
Fußball in England: Manchester wird Meister - Chelsea und Ballack nur remis
Turn-EM: Hambüchens Bravourleistung macht Hoffnung
Formel 1 in Istanbul: Brasilianer Massa feiert Hattrick am Bosporus
Was kann Deutschland bei der EM erreichen?
