Von Peter Heß, Moskau
22. Mai 2008 John Terrys Blick drückte stille Verzweiflung aus. Seine Tränen mischten sich mit den Regentropfen auf seinem Gesicht. Die Schutzlosigkeit vor der Nässe unterstrich noch seine Hilflosigkeit. Dieser verdammte Regen, hätte er doch nur zwei Stunden später eingesetzt. Terry wäre der schwärzeste Moment seiner Karriere erspart geblieben. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft und des FC Chelsea trat um halb zwei Uhr morgens Moskauer Zeit an, um den Triumph seiner Mannschaft im Champions-League-Finale zu vollenden – als vermeintlich letzter Schütze des Elfmeterschießens. Alle hatten getroffen, außer Manchester-Star Cristiano Ronaldo. Und so bedurfte es lediglich noch eines Treffers von Terry zum großen Triumph von Chelsea.
Kein Problem, dachte fast jeder, denn der Verteidiger ist es seit Jahren gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Der Innenverteidiger gilt als das Herz und das Hirn von Chelsea. Die Kollegen fassten sich schon mit erwartungsfreudigem Gesichtsausdruck an den Händen. Doch diesmal scheiterte der für seine Nervenstärke gerühmte Profi. Der stete Regen hatte den Rasen im Strafraum aufgeweicht, Terry rutschte beim Schuss aus, und der Ball verfehlte das Ziel. Als keine fünf Minuten später Anelka den zweiten Elfmeter für Chelsea verschoss, hatte Manchester United das Finale 6:5 im Elfmeterschießen gewonnen, und für Terry brach eine Welt zusammen.
Auch Ballacks Tränen bereicherten das Moskauer Feuchtbiotop
Er kann nicht aufhören zu weinen“, berichtete sein portugiesischer Verteidiger-Kollege Carvalho lange nach dem Abpfiff. Kaum vorstellbar, bei diesem für seine Härte bekannten Mann. Vier Minuten vor dem Abpfiff war Drogba wegen einer Unbeherrschtheit des Feldes verwiesen worden – einer der fünf auserwählten Elfmeterschützen. Eine Selbstverständlichkeit für Terry, dessen Part zu übernehmen. Er meldete sich als Freiwilliger für die Position fünf, die wichtigste.
Auch Michael Ballack bereicherte das Moskauer Feuchtbiotop mit ein paar Tränen. Der deutsche Nationalspieler hatte sich allerdings nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen. Ballack versenkte den ersten Elfmeter im Shoot-out und hatte in der regulären Spielzeit gemeinsam mit Torwart Cech, Terry und Lampard die Londoner zurück ins Spiel gebracht. Nach Ronaldos 1:0 in der 26. Minute drohte Manchester den FC Chelsea zu überrollen. An den genannten vier Säulen aber richtete sich die Mannschaft wieder auf, wobei Ballack von Ende der ersten Halbzeit an zum dominierenden Ordnungsfaktor im Mittelfeld wurde, unterstützt von Lampard, dem in der 45. Minute der Ausgleich gelungen war.
Bei Chelsea hat Ballack sein Potential voll ausgeschöpft
Mit 31 Jahren legte Ballack zwar nicht den Makel ab, noch nie ein großes Finale gewonnen zu haben. Aber er bewies den letzten Zweiflern in Deutschland, sich auf höchstem Niveau durchsetzen zu können. Drogba fügte sich, als er einen Freistoß schießen wollte, die Mitspieler suchten ihn, sobald sie nicht mehr wussten, wohin mit dem Ball. Bundestrainer Joachim Löw darf sich bei der Europameisterschaft auf den besten Ballack freuen, den es vermutlich je gab. In England hat er an Physis zugelegt und ist sogar ein wenig dynamischer geworden.
Michael hat noch einmal einen großen Sprung gemacht, ist physisch stärker als bei der WM 2006“, sagt auch Löw. Ballack, der Unvollendete, Ballack, der ewige Zweite, die abwertenden Prädikate aus der Heimat passen nicht mehr. Der Sachse hat nun das Beste aus seinen Möglichkeiten herausgeholt, sein Potential voll ausgeschöpft. Für einen Titel aber müssen auch die Kollegen mitspielen.
Manchmal sind Tiefschläge die beste Motivation
Im fernen und klimatisch etwas angenehmeren Mallorca sorgte sich Löw um die Auswirkung dieses Finales im Moskauer Regen. Michael wird schon zwei, drei Tage daran zu knabbern haben, die Enttäuschung ist natürlich groß. Aber jetzt gibt es ein neues Ziel für ihn“, sagte Löw. Vielleicht ist das tatsächlich die beste Möglichkeit, diese Enttäuschung zu verarbeiten. Denn Michael Ballack verließ nach der Dopingkontrolle das leere Luschniki-Stadion morgens um 3:34 Uhr wortlos und ging mit leerem Blick hinaus in die nasskalte Nacht. Manchmal sind Tiefschläge die beste Motivation“, hatte United-Teammanager Alex Ferguson vorher in der Pressekonferenz gesagt. Der Satz galt zwar seinem Star Cristano Ronaldo und dessen verschossenem Elfmeter. Aber Löw wird hoffen, dass sich auch Ballack die Worte zu Herzen nehmen wird.
Auf den Deutschen konzentrieren sich die Zukunftsplanungen bei Chelsea. Er hat das Angebot, seinen Vertrag vorzeitig zu verlängern. Andere Führungsspieler werden den Verein höchstwahrscheinlich verlassen: Drogba, Lampard und Carvalho. Dass Trainer Avram Grant weitermachen darf, gilt als ausgeschlossen. Der Israeli wirkte während des Finales in Moskau wie ein Gast bei seiner Mannschaft. Vor der Siegerehrung rief er sie kurz zusammen und drückte seinen Stolz aus. Nachdem alle die Silbermedaille der Verlierer umgehängt bekommen hatten, stand Grant ganz alleine im Regen.
All das Geld, das Abramowitsch investierte, führte nicht zum ersehnten Erfolg
Nie verstummten die Gerüchte, der Einfluss des Trainers auf die Mannschaft tendiere gegen null. In Interviews darauf angesprochen, blieb Ballack stets merkwürdig distanziert. Ja, er habe auch davon gelesen, antwortete er beispielsweise auf die Frage, ob Avram in Mannschaftskreisen Avarage“ (Durchschnitt) genannt werde. Ein Dementi hört sich anders an, ein Bekenntnis zum Trainer auch.
Im letzten halben Jahr soll ein Spielerrat die Richtung vorgegeben haben, nicht mehr der Trainer. Seitdem war eine deutliche Steigerung zu spüren. Aber all das Geld, das Klubeigner und Mäzen Abramowitsch in die Spieler investierte, führte nicht zum ersehnten Erfolg. Ein Extra hatte gefehlt, ein Trainer, der eine Mannschaft gebildet hätte, die mehr Leistung als ihre Einzelteile produziert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
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