Von Frank Heike, Lübeck
28. Oktober 2007 Auf solch einen Fußball-Feiertag hat die schöne Hansestadt lange gewartet. Kaum jemand konnte sich an eine ausverkaufte Lübecker Lohmühle erinnern, und die Stimmung an diesem sonnigen Sonntagmittag war unvergleichbar besser als beim tristen Alltag des VfB Lübeck im Abstiegskampf der Männer-Regionalliga.
Es waren die deutschen Weltmeisterinnen, die Freude brachten und Begeisterung entfachten im altehrwürdigen Stadion – Volksfeststimmung. Ein Kompliment an Lübeck. Wir haben uns hier sehr wohl gefühlt. Es war eine tolle Atmosphäre. Auch die Leute hier oben im Norden haben mitgekriegt, dass wir Weltmeister geworden sind“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid.
Lobgesänge der Fans
Dass am Ende ohne die verletzte Renate Lingor ein 3:0 für Deutschland gegen die überforderten, aber zäh verteidigenden Belgierinnen heraussprang, garnierte diesen Tag, der von vornherein im Zeichen des Feierns gestanden hatte. Das gefiel dem an diesem Wochenende wiedergewählten DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und auch dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen (CDU) – Frauenfußball ist einfach eine große Nummer derzeit.
Schon beim Warmmachen prasselte Applaus der 17.000 Fans auf die Heldinnen von Schanghai nieder. Nach einem guten, aber nicht sehr guten Spiel, das Neids Mannschaft die Tür zur Endrunde der Europameisterschaft in zwei Jahren in Finnland weit aufstieß, gab es lang anhaltende Lobgesänge der Fans auf das Team, das vor vier Wochen im Finale der Weltmeisterschaft gegen Brasilien erfolgreich gewesen war. Nach nunmehr vier Siegen in der Gruppe 4 kann mit einem Erfolg am Donnerstag in Volendam gegen die Niederlande schon alles klargemacht werden auf dem Weg zur Titelverteidigung.
Der Akku der Spielerinnen ist leer
Die Treffer gegen bissige, harte, auf dem Weg nach vorn aber gänzlich hilflose Belgierinnen schossen Kerstin Garefrekes in der achten, Sandra Minnert in der zehnten und Birgit Prinz in der 74. Minute. Weiter ohne Gegentreffer blieb somit Nadine Angerer. Die deutsche Torfrau musste genau einmal eingreifen – in der 84. Minute. In diesem Moment zeigte sie ihre Klasse, als sie den schönen Fernschuss von Femke Maes prächtig abwehrte. Es war ein Auftritt der Deutschen, der Silvia Neid gefiel. Natürlich fehlte in vielen Szenen das letzte Quentchen. Das hat nicht mit Willen, sondern mit Konzentration zu tun. Es ist nicht einfach, nach so einem Höhepunkt wie der WM wieder zu spielen“, sagte die Bundestrainerin, die ihren Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der vergangenen Woche bis 2013 verlängert hatte. Es ist einfach menschlich, dass der Akku der Spielerinnen leer ist.“ Bei aller Freude über den gelungenen und umjubelten ersten Auftritt nach der WM ging Neids Blick nach vorn. Ich wäre noch zufriedener, wenn wir am Donnerstag in Holland gewinnen. Es ist unser Ziel aus den beiden Spielen sechs Punkte zu holen, damit wir die Spielerinnen in die wohlverdiente Winterpause entlassen können.“
Bevor es soweit ist, steht eine eminent wichtige Entscheidung an. An diesem Dienstag wird in Zürich die WM 2011 vergeben. Neid ist sehr zuversichtlich, dass Deutschland erstmals Gastgeber der Welttitelkämpfe wird und Mitbewerber Kanada aussticht. Sie sagte in Lübeck: Wir haben die beste Bewerbung. Es wird Zeit, dass die WM endlich einmal nach Deutschland kommt.“
Minnert: Jetzt ist Schluss
Gleich zu Beginn der zunächst munteren, später zähen Partie gegen Belgien stand eine Spielerin im Mittelpunkt, die man demnächst vermissen wird im deutschen Trikot: Sandra Minnert. Die 34 Jahre alte Verteidigerin des SC 07 Bad Neuenahr holte sich bei einem Kopfballduell eine blutige Nase und wurde lange behandelt. Später, als sie per Kopf zum 2:0 traf, war der Jubel besonders groß, denn es dürfte eines oder gar das letzte Tor Minnerts für Deutschland gewesen sein. Nach der Partie in den Niederlanden wird sie ihre Laufbahn in der ersten deutschen Auswahl wegen anhaltender Probleme am lädierten linken Knie beenden.
Das hatte Minnert ihrer Trainerin im Trainingslager in Bad Segeberg mitgeteilt. Ich habe seit der vierten OP im vergangenen Jahr nicht mehr schmerzfrei trainieren können. Die Reha war eine einzige Quälerei. Dennoch habe ich es zur WM geschafft. Dort ging für mich ein Traum in Erfüllung“, sagte Minnert, aber jetzt ist Schluss. Ich will morgens vernünftig aufstehen können und möchte kein künstliches Kniegelenk haben.“ Nach 145 Länderspielen wird Sandra Minnert also aufhören, allerdings im Klub weitermachen und sich als Trainerin der DFB-Eliteschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler auch um den Nachwuchs kümmern. Der Bundestrainerin wird die erfahrene Aktrice sehr fehlen. Es war bewundernswert, dass sie noch mit auf den WM-Zug aufgesprungen ist“, sagte Neid, das Tor heute war ein toller vorzeitiger Abschied.“ Es passte in einen rundherum gelungenen deutschen Fußballnachmittag.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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