Empfang im Römer

Eine Nacht mit den Weltmeisterinnen

Von Tobias Rabe

Birgit Prinz, Simone Laudehr (r.), ein Pokal und viele Fans

Birgit Prinz, Simone Laudehr (r.), ein Pokal und viele Fans

02. Oktober 2007 Durch Sönke Wortmanns Film über unsere Fußballmänner glauben wir zu wissen, wie ein Ereignis wie eine WM aus der Innenperspektive des Teams ausschaut. Wir sahen, wie es ist, wenn die Massen jubeln, wir sahen, wie der Trainer seine Spieler aufputscht, wir sahen, wie es bei der Dopingprobe haken kann. Und wir sahen, dass es längst nicht alle Spieler für nötig erachteten, sich nach Ende des Turniers noch einmal auf der Berliner Fanmeile, geschweige denn auf dem traditionellen Römerberg, von den Anhängern zu verabschieden.

Stattdessen wollten Kahn, Ballack und Co. lieber direkt in den Urlaub durchstarten - was sie dann doch unterließen. Bei den Fußballfrauen verhält sich dies anders. Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig. Schließlich durften sich die Männer ein paar Wochen ausruhen. Die Weltmeisterinnen hingegen müssen schon am Wochenende wieder in der Bundesliga ran. Urlaub ausgeschlossen. Kein Wunder, dass sie bei dem Kontrastprogramm einen Empfang vor 15.000 Fans auf dem Frankfurter Römerberg gerne mitnahmen. FAZ.NET hat mitgefeiert.

19:11 Uhr. Mehr als eine Stunde ist schon seit der Landung auf dem Rhein-Main-Flughafen vergangen. Familie, Freunde, Journalisten, Politiker warten ungeduldig im Römer auf die Ankunft. Drei Mädchen glauben genau zu wissen, dass der Tross in wenigen Augenblicken die große Treppe zum Kaisersaal hinaufkommen wird. Die Videokamera läuft. Plötzlich brandet Applaus aus. Doch auf der Treppe ist weit und breit niemand zu sehen. Wäre ja auch zu schön gewesen. Weltmeisterinnen nehmen eben nicht einfach den Haupteingang.

19.15 Uhr. Durch die Hintertür sind sie gekommen, Birgit Prinz hält den Pokal ganz fest. Ob sie ihn seit der kurzen Nacht in China, als sie ihn fürsorglich in ihrem Bett aufbewahrte, aus der Hand gegeben hat, verrät sie nicht. Die Heldin des Endspiels, Torhüterin Nadine Angerer, kommt als eine der Letzten. Der Laufstil ist nicht gerade als rund zu bezeichnen, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die Augenschlitze verdienen ihren Namen kaum. Die Standardfrage, ob die Feier ausgiebig war und der Alkohol in Strömen floss, erübrigt sich nun wohl.

19.26 Uhr. Zehn Minuten brauchen die Spielerinnen, um sich durch die schier unendliche Menschenmasse zu drängen. Dann ist endlich der große Moment gekommen: Die Weltmeisterinnen dürfen auf den Balkon. Drinnen, im Kaisersaal, ist Moderator Oliver Forster viel zu laut zu hören, Bundestrainerin Silvia Neid dagegen gar nicht. Was soll´s. Hauptsache, die Fans sehen ihre Heldinnen. Derweil werden reichlich Bier und Sekt aufgefahren. Weltmeisterinnen sind eben auch extrem hungrig und durstig.

19.40 Uhr. Draußen wird das unvermeidliche „We are the champions“ von Queen gespielt. Drinnen schunkelt Nia Künzer, 2003 beim letzten WM-Titel noch das strahlende Golden Girl mit Golden Goal, heute für die ARD im Expertinnen-Einsatz. Vorerst scheint die Party dann draußen vorbei zu sein, die Spielerinnen kommen zurück in den Kaisersaal, um sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. So viel Protokoll muss bei aller Begeisterung sein. Die Gelegenheit scheint günstig, jeder will ein paar nette Worte der Weltmeisterinnen erhaschen.

19.47 Uhr. Während Melanie Behringer hofft, erst am Freitag wieder trainieren zu müssen, versucht sich Birgit Prinz zum improvisierten ZDF-Studio durchzumogeln. Für zwanzig Meter braucht sie zehn Minuten. Nadine Angerer scheint indes die frische Luft auf dem Balkon gut getan zu haben, auch wenn ein wenig Sekt nicht ganz seinen Bestimmungsort findet und auf dem Boden landet. Ganz professionell wolle sie am Dienstagmorgen, wenn sie aufwache, an die Liga denken. Dann überlegt sie. Vielleicht werde es doch eher Nachmittag.

20.05 Uhr. Oliver Pocher hat draußen das Mikrofon übernommen und schmettert sein Lied. Dass Rahn aus dem Hintergrund schießen müsste und der Schiedsrichter im WM-Finale 1990 einen Elfmeter gibt, stört keinen. Man kann ja nicht jedes Jahr einen neuen Text verfassen. Drinnen hält derweil der anscheinend größte Fan, Theo Zwanziger, eine Rede. Es ist heiß. Bevor der DFB-Präsident weitere Fragen beantwortet, nimmt er einen großen Schluck Bier zu sich. Das muss erlaubt sein, schließlich habe er auch nicht ganz so lange gefeiert wie die Mädels.

20.23 Uhr. Siggi Dietrich hat in Frankfurt ein Heimspiel. Der Manager des 1. FFC strahlt und spricht von neuen Dimensionen für den deutschen Frauenfußball. Doch nicht nur sportlich gilt es, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Daher wird Birgit Prinz am kommenden Samstag bei Thomas Gottschalk auf der Couch bei „Wetten, dass...?“ Platz nehmen. Ein Teil der Mannschaft wird im Aktuellen Sportstudio sein. Das bringt den Frauenfußball voran. Siggi Dietrich strahlt noch mehr. Pocher hat derweil Simone Laudehr in ein Gespräch verwickelt.

20.38 Uhr. Während einige schon von der nächsten WM 2011 in Deutschland träumen - die Vergabe erfolgt jedoch erst Ende Oktober - überlegt Sandra Smisek, wie viele Bügelbretter - der Dank für den EM-Titel 1989 - sie sich für die 55.000 Euro Prämie, die jede Spielerin nun für den WM-Sieg erhält, kaufen kann. Daran verschwendet Lira Bajramaj keine Gedanken. Stattdessen erzählt sie, dass ihre Eltern strikt gegen das Fußballspielen ihrer Tochter waren. Heute hingegen sei die Familie ihr größter Fan. Eine Geschichte wie ein Sommermärchen.

20.47 Uhr. Die gefragteste Interviewpartnerin nach Torhüterin Angerer ist zweifelsohne Birgit Prinz. Dass sie jedoch nicht gerne im Mittelpunkt steht und der ganzen Mannschaft gebetsmühlenartig den Erfolg zuschreibt, sollte sich rumgesprochen haben. Und wer es nicht vernommen hat und dennoch nach ihrem Wert fragt, der kriegt ein Schulterzucken als Antwort. Zum Lächeln brachte Prinz dann doch ein Fan, der ihr ein T-Shirt überreichte. Der Aufdruck: „Birgit für Jogi“. Wir freuen uns schon auf das Sturmduo Prinz und Poldi.

21.09 Uhr. So langsam lichtet sich die Feiergesellschaft. Einige sind schon wieder auf dem Weg zum Flughafen. Eine Bedienstete der Stadt schüttelt den Kopf ob des klebrigen Bodens im Kaisersaal. Gut, dass das die Oberbürgermeisterin, die in Amerika weilt, nicht gesehen hat. Ein anderer Bediensteter hat ein Herz für eine junge Fernsehmitarbeiterin. Sie darf aus der Tür zum Balkon schauen. Unten auf dem Platz brandet Jubel auf. So schnell wird man zur Weltmeisterin. Pocher hat derweil Torschützin Laudehr gegen die Jacob Sisters eingetauscht.

21.25 Uhr. Das Beispiel der Fernsehmitarbeiterin macht Schule. Ein Kollege verlegt einfach gleich ein Interview auf den Balkon. Der Haken an der Sache: Es sind kaum noch Fans da. Simone Laudehr soll auch noch was sagen. Der Journalist indes starrt jedoch gefühlte drei Minuten auf den „Bundeswehr“-Anstecker. „Guck doch nicht so, ich bin Sportsoldatin“, sagt die Final-Torschützin und grinst. Sandra Smisek findet dennoch die passenden Schlussworte: „Weltmeister werden ist echt anstrengend“. Und erst die ganze Feierei danach.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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