Interview mit Steffi Jones

„Wir sind attraktiver geworden“

Steffi Jones präsentiert 2003 den WM-Pokal auf dem Frankfurter Römer

Steffi Jones präsentiert 2003 den WM-Pokal auf dem Frankfurter Römer

13. März 2007 Für viele ist die das Gesicht des deutschen Frauenfußballs: Steffi Jones. Vom Ziel, irgendwann eine Männermannschaft zu trainieren, rückt sie nicht ab. Steffi Jones über Sex-Appeal, die Kanzlerin und die Entwicklung des Frauenfußballs.

Macht Erfolg sexy?

Ich würde sagen: ja. Erfolg gibt einem etwas, man fühlt sich sicherer, und deshalb strahlt man dann auch mehr Sex-Appeal aus.

Trifft das auch auf männliche Fußballprofis zu?

Ja klar. Auf jeden Fall.

Viele Spieler im Männerfußball genießen den Status von Rockstars. Wird es das im Frauenfußball auch einmal geben?

Das wird schwierig, weil wir noch lange nicht so medienwirksam und bekannt sind. Leider gibt es nur vereinzelt Spielerinnen, bei denen das so ist. Aber viele sind willig, sich auch mal anders darzustellen.

Sind Männer nur athletischer oder tatsächlich bessere Fußballspieler als Frauen?

Kurze und knappe Antwort?

Bitte.

Sie sind athletischer.

Haben Sie schon gegen eine Männermannschaft gespielt?

Ich habe ja bei den Buben angefangen, da konnte ich mithalten. Und auch jetzt glaube ich, wenn eine Frau unter Männern auf einem kleinen Feld spielte, fiele es nicht so auf. Anders wäre es auf einem großen Feld, wo du Laufduelle gar nicht gewinnen kannst.

Als Sie anfingen, steckte der Frauenfußball noch in den Kinderschuhen. Was hat sich geändert?

Der Frauenfußball hat sich in den letzten 30 Jahren in allen Belangen weiterentwickelt. Sportlich und auch was die Ausstrahlung der Spielerinnen betrifft. Zum Beispiel: Wenn man mich mit sechzehn gesehen hat und heute - das ist ein Riesenunterschied. Wir sind attraktiver geworden. Sportlich und äußerlich.

Womit wir wieder beim Thema Fußballerinnen als Sexsymbol wären.

Genau. Was ich aber nicht schlimm finde. Wenn es jemand hat, soll er es auch zeigen. Wäre doch schade. Man sollte aber auch Fußball spielen können. Auf jeden Fall ist das mein Anspruch an mich selbst.

Trotzdem gibt es seit Jahren dasselbe Bild. In der Bundesliga kämpfen zwei, höchstens drei Teams um die Spitze, und der Rest hinkt hinterher.

Ich dachte tatsächlich, dass sich das schneller ändert. Ich hatte gehofft, die Klubs würden bessere Konzepte entwickeln. Stattdessen machen die meisten jedes Jahr dasselbe. So werden wir es nie schaffen, die Stadien vollzukriegen. Vielleicht wird es mal vier oder fünf Teams geben, die oben mitspielen können. Aber eine Liga mit zwölf relativ gleichwertigen Mannschaften werden wir nie haben.

Liegt es vielleicht am Geld? Was wird im Frauenfußball verdient?

Millionen werden nicht verdient und auch nicht Hunderttausende. Gute Spielerinnen, die in der Nationalmannschaft sind, die verdienen einige Tausender.

Trotzdem sind Sie Vollprofi. Wie haben Sie das geschafft?

Die Klubs zahlen Spielerinnen nicht sehr viel, das ist eher eine Art Aufwandsentschädigung. Dafür hat mir mein Manager Siegfried Dietrich Sponsoren besorgt. Ich mache Autogrammstunden, Auftritte auf Messen. Während der WM habe ich bei der täglichen Sendung im ARD-Morgenmagazin mitgemacht. Dafür kriege ich nicht so viel wie ein männlicher Profi. Aber es ist gutes Geld, davon kann man auch mal ein Jahr lang leben.

Ihr Vertrag beim 1. FFC Frankfurt läuft bis 2008. Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Ihrer sportlichen Karriere?

Ich werde Trainerin, die Ausbildung mache ich schon länger. Demnächst steht noch die Prüfung zur Fußball-Lehrerin an. Und dann habe ich vielleicht auch Möglichkeiten, für einen meiner Sponsoren zu arbeiten.

Würden Sie gerne eine Männermannschaft trainieren, vielleicht sogar in der Bundesliga?

Ich hab das mal vor zwei Jahren gesagt. Damals haben die meisten gemeint, das könnten sie sich nicht vorstellen.

Also ist Deutschland bereit für eine Kanzlerin, aber noch nicht für eine Trainerin einer Männermannschaft?

Eine Kanzlerin, das war schon mal ein guter Schritt. Abwarten. Es ist ein fernes Ziel, aber eins, das ich nicht aus den Augen lasse. Ich muss ja nur einmal reinkommen, das werde ich schon schaffen. Die Männer müssten mich natürlich akzeptieren, sonst hätte ich keine Chance.

Sie haben fast alle Titel gewonnen. Was möchten Sie noch erreichen?

Eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen wäre schön. Und dann würde ich gerne noch einmal Weltmeister werden dieses Jahr in China.

Das deutsche Team enttäuscht derzeit beim Algarve-Cup in Portugal. Kann Deutschland den WM-Titel in China dennoch verteidigen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben so viele Spielerinnen, die jede für sich eine Partie alleine entscheiden können. Bis zu den Olympischen Spielen 2008 sind wir mit dieser Mannschaft gut aufgestellt. Nur: Wenn die Guten danach aufhören, wird es einen schwierigen Umbruch geben.

Wer sind die stärksten Gegner?

Norwegen, Brasilien und vielleicht sogar Finnland. China schätze ich nicht so stark ein. Die Amerikanerinnen sind sehr abhängig von zwei, drei Spielerinnen. Ich glaube aber, dass die alle schlagbar sind, wenn wir unser bestes Niveau erreichen.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sagt: „Deutschland ist das Land des Frauenfußballs.“ Stimmen Sie dem zu?

Wir sind auf jeden Fall eines der stärksten Länder im Frauenfußball. Wir haben sehr viel aufgeholt. Man kann aber noch viel mehr tun. Schade ist, dass es regional immer wieder Fälle gibt, wie zuletzt bei Turbine Potsdam, die in den letzten Jahren viel Erfolg hatten, viel aufgebaut hatten und bei denen jetzt aus welchen Gründen auch immer ein Ausverkauf stattfindet. Das ist traurig und nicht gut für den Frauenfußball.

An mangelnder Unterstützung durch den DFB kann es nicht liegen.

Dass unser Herr Zwanziger so viel für uns tut, darüber können wir froh sein. Jetzt liegt es vor allem an uns selbst, dass wir uns auf den Hosenboden setzen und uns alle noch besser präsentieren. Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Spielerinnen, die das tun. Jede Mannschaft hat doch mindestens eine, die sich gut verkaufen könnte. Aber viele wälzen das einfach ab.

Auch für eine Starspielerin der Bundesliga wie Steffi Jones gibt es wichtigere Dinge als Fußball. „Mein Leben hat sich verändert“, sagt die 34-jährige Nationalspielerin. Denn am 21. November verlor ihr Bruder Frank bei einer Explosion im Irak beide Beine. Der Zweiundzwanzigjährige, der seit August als amerikanischer Soldat im Nahen Osten stationiert war, geriet an diesem Tag mit seinem Konvoi in einen Hinterhalt. Statt für den FFC Frankfurt zu spielen, besuchte sie ihn im Militärkrankenhaus in Lahnstein und anschließend in San Antonio in Texas, wo er Beinprothesen erhält.

„Das Miterleben und Sehen von tragischen Unfällen und wie die Menschen damit umgehen“, hat sie dort sehr beeindruckt. Doch für manches fehlt ihr das Verständnis. „Er würde sogar jetzt noch in den Irak gehen. Er fühlt sich dazu berufen und würde für seine ,Familie', die Armee, sterben. Das ist echt bitter. Und ich bin froh, dass die Leute in den Vereinigten Staaten nun gegen Präsident Bush auf die Straße gehen“, sagte Jones.

Nach einer Pause spielt Steffi Jones wieder Fußball und kämpft derzeit beim Algarve-Cup um einen Stammplatz in der Nationalmannschaft für die WM 2007 in China. Ihr Ehrgeiz ist ungebrochen, doch die Prioritäten haben sich verschoben. „Nur als Mitläufer würde ich nicht zur WM fahren. Wenn schon, dann richtig. Außerdem: Wenn ich mich entscheiden müsste, Fußball zu spielen oder mich um meine Familie zu kümmern, käme die Familie an erster Stelle.“

Das Gespräch führte Frank Neumann



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2007, Nr. 10 / Seite 22
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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