01. Juni 2007 Manager Oliver Bierhoff hat von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einen hohen Sieg im EM-Qualifikationsspiel an diesem Samstag gegen San Marino gefordert. Mit der Art und Weise des Auftritts gegen den schwächsten Gruppengegner, bei dem die WM-Dritten im vergangenen Herbst 13:0 gewonnen hatten, soll schon ein deutliches Zeichen nach außen für die Europameisterschaft 2008 gesetzt werden. Die Mannschaft hat sich vorgenommen, neunzig Minuten Gas zu geben, sagte er einen Tag vor der Partie in Nürnberg. Bierhoff hat allerdings weit mehr im Blick als nur den erfolgreichen Abschluss dieser Saison mit den beiden letzten Länderspielen gegen den Fußball-Zwerg sowie vier Tage später in Hamburg gegen die Slowakei. Bierhoff fordert im F.A.Z.-Interview von den Bundesligaklubs eine bessere Trainingssteuerung nicht zuletzt, um die hohe Zahl von verletzten Spielern zu senken.
Die Spuren in der Saison nach der WM sind unübersehbar. Mehr als ein Dutzend Spieler haben unter langwierigen Verletzungen gelitten. An diesem Samstag sind in der EM-Qualifikation gegen San Marino zahlreiche Ausfälle zu beklagen. Ist die Belastung nicht mehr zu verkraften?
Schauen Sie doch mal auf das Finale in der Champions League. Wer hat denn da gespielt beim AC Mailand? Pirlo, Gatuso, Inzaghi – auch bei Liverpool waren einige WM-Teilnehmer dabei. Sicher ist die Belastung hoch, vor allem für die jungen Spieler. Die Belastung in Deutschland ist nicht höher als in Italien, Spanien oder England. Da gibt es nicht einmal eine Winterpause - und der Druck dort bei den großen Vereinen ist höher als hier zum Beispiel bei Werder Bremen. Wir müssen in Deutschland vor allem bei der Trainingssteuerung noch etwas machen. Ich habe eine Analyse im europäischen Vergleich gemacht, wie oft und wie schwer sich die Spieler in anderen Ligen wie beispielsweise in England und Italien verletzt haben. Das Ergebnis ist: Sie haben weit weniger Verletzungen - und die Verletzungen sind auch nicht so schwerwiegend. Ich weiß es selbst noch aus meiner Zeit in Italien. Dort wird der Saisonaufbau für einen Spieler besser geplant als in Deutschland.
Woran machen Sie das fest?
Nehmen wir als Beispiel Lukas Podolski nach der WM. Er kommt aus dem Urlaub, steigt am ersten Tag in den Flieger nach Tokio und macht dort ein Spiel. Nach der Rückkehr spielt er ein paar Tage später schon wieder um den Ligapokal. Unter diesen Bedingungen kann es keinen vernünftigen Trainingsaufbau für eine lange Saison geben. Das kann mir kein Verein und auch kein Trainer erzählen. Diese Erfahrungen haben schon viele Vereine gemacht – auch Topklubs wie Manchester United und Real Madrid, die sich die Vorbereitungszeit mit Reisen und Freundschaftsspielen zugeballert haben. Die haben dann gemerkt, wie ihre Mannschaften während der Saison einbrechen und sich die Spieler verletzen.
Welche Konsequenzen wünschen Sie sich aus den Erfahrungen dieser Saison - und dem europäischen Vergleich?
Als Verein muss ich sagen: Der Spieler kommt eine Woche später zum Training, er wird in Ruhe aufgebaut. Dann ist er in den ersten ein, zwei Spielen halt noch nicht hundertprozentig fit. Dann spielen eben andere. Die Vereine haben doch einen Kader von 30 Mann - wofür sind die denn alle da?
Ist Ihrer Ansicht in der medizinischen Betreuung noch viel rauszuholen?
Bei Milan ist ein Chiropraktiker für die medizinische Abteilung verantwortlich. Der hat sehr lange in der arabischen Welt gearbeitet, in Italien ist er die Nummer eins. Er hat die Kosten für medizinische Präparate bei Milan um 40 Prozent gesenkt - die ganze Voltaren-Spritzerei ist weggefallen. In England aber ist die medizinische Betreuung sicher nicht besser als bei uns, eher schlechter. Die Physiotherapie bei uns ist sehr gut, da sehe ich kein Problem. Die individuelle Arbeit mit den Spielern, die auch ein großer Erfolg unserer Arbeit in der Nationalmannschaft war, geht auch in den medizinischen Bereich hinein, in die Prävention. Bei Milan gibt es fünf Fitnesstrainer, da werden Extra-Trainingspläne ausgelegt, da wird die Fitness individuell untersucht und bei Problemen entsprechend darauf reagiert. Da können wir in Deutschland auch noch zulegen.
Die Nationalspieler müssen bei Ihren Klubs fast immer ran - sehen Sie da Spielraum im Alltag?
Ich glaube, dass man auch innerhalb des großen Trainingszyklus noch sehr gut Detailplanungen vornehmen kann. Eine Saison dauert rund elf Monate, und wenn dann eine Spitzenmannschaft gegen einen schwächeren Gegner spielt - dann lasse ich den Bastian Schweinsteiger mal draußen. Man muss sich sicher sein, ein paar solche Spiele auch ohne ihn zu gewinnen - und in den zwei Wochen versucht man dann, seine Batterien wieder aufzuladen. Dementsprechend muss die Trainingsgestaltung sein. Man nimmt einen solchen Spieler dann aus dem Mannschaftstraining raus und betreibt wieder speziellen Muskelaufbau, damit die Statur wieder da ist. Aber oft läuft die Planung nur Tag für Tag: Wenn dann ein Spieler überbelastet ist, ist es meist eine mentale Überlastung. Er wird dann rausgenommen - und macht gar nichts mehr. Es heißt dann: Erhole dich.“ In Italien wird in solchen Phasen richtig Gas gegeben. Da bekommen die Spieler zunächst ein zwei Tage frei, um auch im Kopf frei zu werden. Der Druck ist sowieso weg, weil sie am Wochenende nicht spielen - und danach werden die Spieler richtig aufgebaut, wie in der Vorbereitung: Sprints, Gewichte stemmen, das ganze Programm. Dann ist man wieder da.
Wie hat die Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen San Marino und am Mittwoch gegen die Slowakei auf die Situation reagiert?
Wir haben individuell gearbeitet. Drei, vier haben in den ersten Tagen Regeneration gemacht, manche waren im Fitnessraum, manche haben richtig gepowert, andere haben an der Schnelligkeit gearbeitet. Es liegt auch nicht immer nur am Volumen der Arbeit, sondern an der Qualität - und an der Einstellung der Spieler dazu. Man muss sich doch nur Maldini in Milan anschauen. Der wird in diesem Monat 39 Jahre alt. Er hat die Erfahrung, natürlich. Aber die Physis - die ist auch da. Daran kann sich jeder ein Beispiel nehmen.
Das Gespräch führte Michael Horeni
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa
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