Im Gespräch: Matthias Sammer

„Wir machen große Fehler mit den jungen Profis“

Matthias Sammer: der Kopf hinter der DFB-Nachwuchsstrategie

Matthias Sammer: der Kopf hinter der DFB-Nachwuchsstrategie

12. Juni 2009 Matthias Sammer war schon als Spieler eine Führungspersönlichkeit mit Leidenschaft. Als DFB-Sportdirektor strebt er nach größeren Kompetenzen, um seine Vorstellungen vom Fußball voranzutreiben. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die anstehende Junioren-Europameisterschaft und die Gier nach Titeln.

Die „U17“ und die „U19“ sind Europameister - was spricht dagegen, dass nun auch die „U21“ den EM-Titel gewinnt?

Wir haben als Verband gesagt, dass wir uns zur Elite bekennen. Und in unserer Konzeption steht ganz klar der Begriff Weltspitze - das ist unser Ziel. Da bin ich vor großen Turnieren sehr offensiv, auch wenn es sich noch um Spieler in der Entwicklung handelt: Wir wollen das Turnier gewinnen. Das gilt für alle Auswahlmannschaften beim DFB. Die Gier nach Titeln ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung. Bei der U21 muss man sagen: Wir haben uns ein bisschen glücklich qualifiziert. Wenn es uns aber gelingt, aus den starken Spielern, die wir zur Verfügung haben, eine Mannschaft mit Struktur zu formen, muss uns erstmal ein Team schlagen. Dann können wir Europameister werden. Aber nur dann.

Da klingen Zweifel an.

“Die Spieler sollen merken: Geld ist das eine im Profi-Fußball - aber die Anerkennung für Titel ist noch mehr wert“

"Die Spieler sollen merken: Geld ist das eine im Profi-Fußball - aber die Anerkennung für Titel ist noch mehr wert"

Der Gedanke, den wir sehr stark propagieren, dass eine Mannschaft eine Struktur haben muss, ist noch ein bisschen unterentwickelt. Wir gliedern in drei Kategorien, und auf die achten wir auch bei der Nominierung: Individualisten, Teamspieler und Führungsspieler. Es ist klar, dass die Führungseigenschaften bei jungen Spielern noch relativ gering ausgeprägt sind. Trotzdem stellen wir klar heraus, dass es Typen gibt, von denen Horst Hrubesch das einfordern kann: Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Andreas Beck, Sami Khedira und auch ein Jerome Boateng. Daneben gibt es die Individualisten wie Marko Marin, Ashkan Dejagah und Mesut Özil, die von dieser Struktur getragen werden und darin ihren Beitrag leisten. Wir haben im deutschen Fußball ja lange beklagt, dass uns die Typen fehlen. Wir müssen daher darauf achten, dass wir Kondition trainieren, sondern gerade die Charaktermerkmale wichtig sind. Trainer müssen das aktiv begleiten. Denn die ersten Impulse müssen von der sportlichen Leitung ausgehen - und wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass ein Spieler das von alleine begreift.

Wie wollen Sie das machen?

Es muss für die Spieler klar sein, wenn sie zum DFB kommen: Es gibt gewisse Richtlinien in sportlicher und charakterlicher Hinsicht. Das ist ein Prozess, in dem den Spielern klar gemacht wird, dass sie auch charakterlich wachsen und sich mit dem Trainer austauschen müssen. Wir sind überzeugt, dass wir das erreichen können, weil wir nach diesem Strickmuster in allen unseren „U“-Mannschaften erfolgreich arbeiten.

Wie reagieren die jungen Spieler auf die Anforderungen? Es sind ja zum Teil andere Erwartungen als in den Vereinen.

Es gab nur Schwierigkeiten in inhaltlichen Fragen. Die Spieler wussten zunächst nicht genau, was der Trainer damit eigentlich meint. Zum Beispiel in der „U17“ und „U 20“ haben wir schon diese Spieler, die genau diese charakterlichen Eigenschaften mitbringen. Wenn wir diese Spieler damit konfrontieren, Verantwortung zu übernehmen, sind sie sehr dankbar. Man muss sie dann begleiten, in Theorie und Praxis.

Was heißt das konkret?

Als ersten Schritt besprechen wir mit unseren Spielern, was wir von ihnen verlangen. Der zweite Schritt ist, dass wir ihnen das in der Praxis auf dem Trainingsplatz zeigen. Ein Spieler winkt ab, kommt nicht mit zurück, setzt nicht nach oder gibt der Mannschaft das Gefühl, dass ihm das Team egal ist. Dann sollen diese Spieler eingreifen. Oder das Spiel läuft nicht so. Diese vier, fünf Spieler sind dann dafür verantwortlich, dass die Mannschaft nicht auseinander bricht. Wir haben dafür Formen gesucht, mit denen wir die Führungsspieler konfrontieren. Und als dritten Lernschritt haben wir diese Situationen auf Video aufgenommen, um ihnen die Dinge zu visualisieren. Mir machen die Erfahrung, dass dies eine enorme Orientierung für die Spieler und die Mannschaft bedeutet. Das tut uns einfach richtig gut.

Was kann für „U21“-Spieler, die zum Teil schon hoch dotierte Verträge besitzen, eine solche EM überhaupt noch bedeuten?

Wir saßen jetzt zusammen, und wir haben den Spielern gesagt: Ihr seid jetzt in einen Bereich vorgestoßen, wo ihr zum Teil schon die deutsche Meisterschaft und den Pokal gewonnen habt und in der Champions League spielt. Was soll wir Euch noch vom Geld erzählen? Ihr seid sehr gut dotiert. Aber das Allerwichtigste ist, dass Titel auf Eurer Autogrammkarte die Erfolge draufstehen. Und dabei ist es wichtig, dass dort auch der Jugendbereich vertreten ist, weil das dauerhafte Qualität ausdrückt. Ich bin selbst in der „U18“ mit der DDR Europameister geworden - und zehn Jahre später mit der deutschen Nationalmannschaft in England. Wir haben von den Spaniern erzählt, die uns bei der EM 2008 im Finale geschlagen haben. Davon haben zehn Spieler - außer Marcos Senna, der in seiner Jugend Brasilianer war - auch im „U“-Bereich Titel gewonnen. Wir wollen den Spielern das Gefühl geben, dass sie mit der „U21“ etwas Tolles erreichen können und ihren Hunger nach Titeln wecken. Sie sollen merken: Geld ist das eine im Profifußball - aber die Anerkennung für Titel ist noch mehr wert. Deswegen ist es so wichtig, dass wir mit der „U21“ den Titel anstreben. Dieses Gefühl können sie dann weiter in ihre Klubs und in die Nationalmannschaft von Jogi Löw tragen. Sie werden diese Siegermentalität überall leben.

Spieler mit Führungseigenschaft: Manuel Neuer

Spieler mit Führungseigenschaft: Manuel Neuer

16 Jahre hat der DFB bis zuletzt keinen Titel bei den Junioren gewonnen. War dieses Desinteresse angesichts des riesiges Potentials nicht einer der größten Skandale des deutschen Fußballs?

Nach 1990 hat man sich vielleicht zu sehr auf den Erfolgen ausgeruht und Strategien für die Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit einen Tick zu sehr vernachlässigt. Aber schon vor meiner Zeit wurde dann eine neue Entwicklung mit einem Talent-Förderprogramm und Leistungszentren eingeleitet. Das Programm ist in sich geschlossen. Wir beginnen jetzt im Alter von zehn oder elf Jahren mit einer gewissen Auswahl. Als ich 2006 dazu kam, haben wir dann auch die großen Turniere akribisch geplant. Jeder „U“-Trainer muss seine Planungen für ein Turnier vor den anderen Trainern erklären und sich darüber mit ihnen austauschen. Wir sitzen ein halbes Jahr vor dem Turnier mit allen Trainern von der „U15“ bis zur „U21“ zusammen, wobei der jeweiligen Trainer erklären muss, was er mit seiner Mannschaft erreichen will - und wie er das umsetzen möchte. Wir haben fünf Leistungsvoraussetzungen: Konstitution, Kondition, Technik, Taktik, Persönlichkeit. Der Trainer muss dann erläutern, wie er auf dieser Basis das Team und die Spieler weiterentwickeln will. Das heißt: Wann will er zum Beispiel Leistungsdiagnostik absolvieren? Wann gibt es individuelle Trainingssteuerung? Welche Prozesse in der Mannschaft strebt er an? Dann diskutieren wir ganz offen. Unsere Erfolge beruhen auf System, sie sind kein Zufall. Wir arbeiten mit unserem Trainerteam mit Horst Hrubesch, Heiko Herrlich, Marco Pezzaiuoli , Frank Engel und Stefan Böger extrem leistungsorientiert.

Individualist: Mesut Özil

Individualist: Mesut Özil

Franz Beckenbauer schwärmt, dass Sie als Sportdirektor „das Beste sind, was dem DFB jemals passieren konnte“. Und er wünscht sich, dass sie künftig in „einer ganz hohen Position arbeiten“. Welcher Posten soll es denn sein?

Ich freue mich über das Kompliment von Franz. Wir haben schon lange einen guten Draht, als Spieler und Trainer. Franz spielt ja auf zwei Punkte an: Wir haben die Inhalte beim DFB in meinem Bereich gebündelt, zu Papier gebracht und einen für den Verband wichtigen Weg aufgezeigt. Daraus resultieren jetzt Erfolge - und dafür haben wir hart gearbeitet und ich habe dafür auch persönlich zurückgesteckt. Franz sagt immer zu mir: „Es ist ja gut und schön, dass du das das alles machst. Aber du musst in das operative Geschäft, an die Front.“

Operatives Geschäft - heißt das übersetzt: Bundestrainer?

Sammer über Franz Beckenbauer (als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft am 8. Juli 1990 in Rom): “Franz sagt immer zu mir: 'Du musst an die Front.'“

Sammer über Franz Beckenbauer (als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft am 8. Juli 1990 in Rom): "Franz sagt immer zu mir: 'Du musst an die Front.'"

Ich bin als Sportdirektor in Abstimmung mit dem jeweiligen allein zuständig für die U15 bis U20, für die U 21 sind darüber hinaus neben Horst Hrubesch und mir auch Joachim Löw und Oliver Bierhoff mitverantwortlich. Wir sind inhaltlich so aufgestellt - und das akzeptiere ich. Das wissen der Präsident, der Generalsekretär und der Bundestrainer. Aber eins ist doch auch ganz klar: Aufgrund der inhaltlichen Vorwürfe, die ich teilweise den Klubs und dem DFB mache, ist es problematisch, wenn die sportliche Verantwortung getrennt ist. Ich bin es gewohnt, Verantwortung zu tragen und Verantwortlichkeiten zu schaffen. Dass es gefährlich sein kann, die Verantwortung auf vielen Schultern zu verteilen, das erkenne ich bei jungen Spielern und bei den Klubs. Wenn ich die Entwicklung etwa von Toni Kroos oder den Bender-Zwillingen sehe, ist das einfach nicht gut. Wir haben da auch als Verband noch nicht die richtigen Mittel und Wege gefunden, um unsere jungen Topleute beim Eintritt in den Senioren-Bereich weiter zu fördern - und die Spieler sind dann eben oft die Leidtragenden. Wir müssen den gesamten Weg im Blick haben und dies auch DFB-intern aufarbeiten, damit die Klubs von unserer Arbeit profitieren und Jogi Löw in der A-Mannschaft optimal vorbereitete Spieler übernehmen kann.

Was wollen Sie genau?

Als ich 2006 angefangen habe, war es wichtig, neue Strategien in den DFB zu tragen und mit den Klubs eng zusammenzuarbeiten. Aber ich erkenne jetzt: Wir machen noch große Fehler mit unseren jungen Spielern im Übergangsbereich. Damit werde ich mich nicht zufrieden geben. Meine Motivation ist es, den Zusammenhang zwischen Nachwuchs- und Männerbereich fließend und somit effektiver zu gestalten. Auch beim DFB weiß man, dass ich das in meiner Funktion als Sportdirektor anstrebe. Man darf da einiges beim DFB künftig nicht mehr trennen - weder gedanklich noch personell.

Das Gespräch führte Michael Horeni.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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