Fußball-Nationalmannschaft

Wie von ihrem guten Geist verlassen

Von Michael Horeni, Wien

07. Februar 2008 Der Stadionsprecher ließ sich die Begeisterung auch nach dem Abpfiff nicht nehmen. Seine Stimme überschlug sich fast, als er die „großartige Leistung unserer Mannschaft“ pries und das Publikum zum letzten Applaus aufforderte. Die über viele Jahre leid- und schmähgeprüften Fußballanhänger des österreichischen Fußball-Nationalteams nahmen die Einladung zum Jubel nur zu gerne an und verabschiedeten die Spieler in bester Laune.

Man hätte am Mittwochabend angesichts der Stimmungslage in Wien fast meinen können, der Geist von Córdoba wäre nach dreißig Jahren ins Ernst-Happel-Stadion umgezogen. Aber auf der Anzeigentafel stand tatsächlich etwas ganz anderes: „Österreich 0 – Deutschland 3“. Die Österreicher ließen sich jedoch von den nackten Zahlen nach dem Wiener Ballereignis nicht allzu sehr stören und feierten das 0:3 wie einen Sieg. Wenn man dazu Bundestrainer Joachim Löw und seine freudlosen Spieler nach der Partie sah und hörte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Erfolg für die Deutschen eine gefühlte Niederlage bedeutete. In ihren ernsten Gesichtern stand jedenfalls etwas ganz anderes als auf der Anzeigentafel: 3:0 verloren nach Toren von Thomas Hitzlsperger (53. Minute), Miroslav Klose (63.) und Mario Gomez (80.).

So hatten zwei Jahre lang auch Löw und Klinsmann gesprochen

Was die deutsche Nationalmannschaft in Wirklichkeit verloren hatte, bekam sie dann ausgerechnet vom österreichischen Trainer zu hören. Der sprach zwar nur über sein eigenes Team, aber mit jedem Satz von Josef Hickersberger wurde der deutsche Rückschritt an diesem Abend erkennbar. Hickersberger sprach von der großen Zweikampfstärke seiner Mannschaft. Er lobte ihre Fähigkeit, gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner das Tempo lange hoch gehalten und ihn „stark in Bedrängnis“ gebracht zu haben. Er freute sich, dass sein Team bewiesen habe, mit den besten Mannschaften der Welt mithalten zu können. Und er forderte seine Spieler auf, auch bei der Europameisterschaft weiter an ihr offensives Spiel zu glauben.

So hatten zwei Jahre lang auch Joachim Löw und Jürgen Klinsmann gesprochen, aber nun ist schon seit einigen Monaten nicht mehr viel von der Spielweise zu sehen, die den deutschen Fußball in den vergangenen dreieinhalb Jahren in die Weltspitze zurückgebracht hatte. Löw war der Architekt dieses neuen Stils, aber als er nun sah, was bei diesem Sieg mit depressiver Note von dem schönen Werk übrig geblieben war, geriet er am Spielfeldrand außer sich vor Wut und Enttäuschung. Er trat gegen die Trainerbank, schleuderte eine Trinkflasche auf den Boden und griff sich immer wieder fassungslos an den Kopf. Löw litt sichtbar an einem Team, das partout nichts mehr wissen wollte von „proaktivem Fußball“, „vertikalem Spiel“, „schnellem Umschalten“ und „One-touch-Fußball“ oder mit welchen Fachvokabeln auch immer er das schnelle, schöne, offensive Spiel seiner Mannschaft in den vergangenen Jahren stets aufs Neue beschrieb.

Langatmiger Breitwandfußball scheinbar längst vergangener Zeiten

Nach der im Oktober frühzeitig geglückten Qualifikation wirkt die Mannschaft wie von ihrem guten Geist verlassen. Die erste Halbzeit von Wien geriet dabei zum größten Tiefpunkt seit dem 1:4 vor zwei Jahren in Florenz gegen Italien. Löw beschönigte nichts. „In der ersten Halbzeit haben wir keinen Fußball gespielt, weder defensiv noch offensiv“, sagte der Bundestrainer, dem es fast schon körperliches Unbehagen bereitete, wie seine Mannschaft in den langatmigen Breitwandfußball scheinbar längst vergangener Zeiten zurückfiel. Selbstgefällig statt selbstbewusst, überheblich statt überlegen präsentierte sich sein Team, das zwar in der Abwehr ersatzgeschwächt, aber ansonsten weitgehend mit dem Stammpersonal angetreten war.

„In der Pause musste ich einige Dinge ansprechen. Da war mir zu wenig Engagement. Wir haben viele Bälle im Ansatz verloren, schlampig gespielt“, kritisierte Löw. „Wenn es 3:0 oder 4:0 steht, könnten sich die Deutschen nicht beschweren“, sagte Franz Beckenbauer zur Halbzeit ratlos über ein Team, das sich vier Monate vor dem Turnierstart lange daranmachte, seine Favoritenrolle ad absurdum zu führen. Danach wurde es etwas besser, so dass wenigstens an der Chancenverwertung und dem Ergebnis rein gar nichts auszusetzen war. „Aber der Trend zeigt nach unten in den vergangenen Monaten“, sagte der von einer langwierigen Verletzung geheilte Kapitän Michael Ballack nach durchwachsenem Comeback, „und man muss aufpassen, dass man nichts schönredet, sondern da wieder anfängt, wo wir nach der WM weitergemacht haben.“

„Wir haben einen Masterplan“

Die Schrumpfung des WM-Dritten in Wien begann bei Torwart Jens Lehmann, von dem es heißt, er könne mit Druck besonders gut umgehen. Aber so unsicher und unkonzentriert wie gegen Österreich wirkte der Ersatztorwart von Arsenal London mit derzeitiger nationaler Einsatzgarantie noch in keinem anderen seiner über fünfzig Länderspiele. Die Unterstützung von Löw klang danach jedenfalls nicht mehr so felsenfest wie noch in der Winterpause. Timo Hildebrand hat schon erste Ansprüche angemeldet.

Es ist weit mehr als eine Torwartdiskussion, mit der sich Löw die kommenden Monate befassen muss. „Die nächsten 14, 15 Wochen“, sagte er, „werden entscheidend sein, dass die Basis besser wird. Da haben die Spieler die Aufgabe, hart an sich zu arbeiten.“ Der Bundestrainer versicherte, „dass wir genau wissen, wo wir ansetzen müssen. Wir haben einen Masterplan.“ Und der sieht vor, dass die intensive Vorbereitung unmittelbar vor der EM wieder eine starke Mannschaft hervorbringt. So wie damals zur WM. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, sagte Löw, „aber ich bin relativ gelassen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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