Von Matthias Koch, Berlin
25. Juli 2008 Deutschland im Jahr 2025: Das einstige Establishment der Fußball-Bundesliga ist nur noch drittklassig. Bayern München, Bremen, Hamburg und Stuttgart haben mittelfristig keine Chance mehr, um Titel mitzuspielen und wetteifern stattdessen um die ebenso raren wie begehrten Aufstiegsplätze in die Zweitklassigkeit. Die Anhänger der einstigen Vorzeigevereine, die immer noch die ewige“ Tabelle der Bundesliga anführen, erinnern sich mit Wehmut an Meisterfeiern und große Europapokalschlachten.
Das ist Fiktion – und dürfte es auch bleiben. Einen derartigen sportlichen Niedergang von renommierten Vereinen wird es wohl nicht mehr geben. Aber er fand in den Jahren nach 1991 bereits einmal statt auf deutschem Boden. Der FC Carl Zeiss Jena, Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue, Rot-Weiß Erfurt sind in einer anderen, wirklich ewigen“ Tabelle ganz weit vorn. In der DDR-Oberliga gehörte dieses Quartett zu den Starklubs. Dresden war acht Mal Meister, Jena und Aue jeweils drei Mal. Erfurt triumphierte zwei Mal. Zusammen liefen sie über zweihundert Mal im Europacup auf.
Wiedervereinigung in der dritten Liga
Von Freitag an feiern sie gemeinsam mit dem 1. FC Union Berlin, einer früheren Fahrstuhlmannschaft“ aus dem Osten Berlins, Wiedervereinigung. Alle fünf Klubs gehören zu den zwanzig Gründungsmitgliedern der neuen eingleisigen dritten Liga. Somit hat die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Premiumprodukt angepriesene Spielklasse einen starken ostdeutschen Einschlag, sie liefert Stoff für Ostalgiker.
Seit Mitte der neunziger Jahre verstehe ich die Mentalität der DDR-Vereine besser. Die Ost-Derbys haben den gleichen Stellenwert wie Partien zwischen Schalke und Dortmund“, sagt Uwe Neuhaus, Trainer des 1. FC Union. Neuhaus erfuhr einiges über Ostbefindlichkeiten als Assistenztrainer von Matthias Sammer bei Borussia Dortmund.
Gegen alle Ostklubs herrscht Sicherheitsstufe eins
Sammer, inzwischen Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), kennt die Gefühlswelt des Ostfußballs noch besser. Der jetzige Abstieg von Rostock aus der Ersten sowie Aue und Jena aus der Zweiten Bundesliga hat nicht nur mit wirtschaftlichen Problemen zu tun. Das sind noch immer Folgen der Wende“, sagt der einst bei Dynamo Dresden in seine erfolgreiche Karriere gestartete Sammer. Ich hoffe, dass es irgendwann eine größere Stabilität gibt.“
Es ist fraglich, ob die ostdeutschen Drittligavereine schon im Premierenjahr der neuen Klasse mit den Favoriten aus dem Westen wie Paderborn und Düsseldorf mithalten können. Immerhin wollen Aue und Jena im oberen Drittel mitspielen. Union Berlin, Erfurt und Dresden gehen die neue Spielzeit vorsichtiger an. Schließlich kennen wir die Vereine der früheren Regionalliga Süd nicht so genau“, sagt Union-Coach Neuhaus.
Der MDR bekennt sich zur Liga vor der Haustür
Umgekehrt gilt das auch. Der FC Bayern München trifft in seinen ersten drei Heimspielen auf Union, Dresden und Jena. Gegen alle Ostklubs herrscht hier Sicherheitsstufe eins“, sagt Alfred Ziegler, der bei den kleinen Bayern für die Sicherheit verantwortlich ist. Alle fünf Vereine aus den neuen Bundesländern bringen bei Auswärtsspielen häufig mehr als tausend Fans mit. Nur Dresden eilt allerdings der Ruf voraus, in Begleitung gewaltbereiter Fans“ anzureisen. Dynamo-Geschäftsführer Bernd Maas, Vertreter der dritten Liga im DFB-Spielausschuss, wirkt bei diesem Thema gereizt: Wir müssen den Fokus nicht schon vor dem Saisonstart wieder auf das Thema Ostklubs und Gewalt lenken.“
Krawallmacher könnten dennoch wegen der erhöhten Fernsehpräsenz in der dritten Liga eine willkommene Plattform sehen. Gerade der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) wird bei der Übertragung von Spielen führend sein. Die dritte Liga ist das wichtigste Produkt in unserer Sportberichterstattung“, sagt MDR-Sportchef Wolf-Dieter Jacobi. Der Zuspruch wird jetzt noch größer sein.“ Der MDR strahlt neben den normalen Spielberichten die Auftaktpartie Erfurt gegen Dresden am Freitag um 20.30 Uhr und die Begegnung zwischen Jena und Aue am zweiten Spieltag jeweils live aus. Die dritten Programme aus dem Westen wollten zum Start nicht original übertragen.
Wir stehen zu den Erfolgen, die wir errungen haben
Der MDR bekennt sich zur Liga vor der Haustür wie die ostdeutschen Vereine zu ihrer Tradition. In der dritten Liga dürfen sie es auch. Der DFB genehmigt, dass der Gewinn einer deutschen Meisterschaft in Ost und West seit 1903 mit einem fünfzackigen Stern oberhalb des Emblems auf dem Trikot angezeigt werden darf. Dresden trägt seit Sommer 2007 einen Stern mit der Zahl 8“ für acht gewonnene DDR-Meistertitel, Jena präsentiert sich am Sonnabend beim Punktspielstart in Regensburg erstmals mit einem Stern und der Zahl 3“ auf der Brust. Wir stehen zu den Erfolgen, die wir errungen haben“, sagt Jenas neuer Präsident Peter Schreiber. Ohne Meisterschaften und Europacupteilnahmen wären wir nicht so bekannt.“
Aue, das ebenfalls drei Mal DDR-Champion war, denkt über den Sternenschmuck nach, den sich von den Westklubs in Liga drei lediglich Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf, die deutschen Meister von 1967 und 1933, aufnähen dürften. Bei einer Rückkehr in die zweite Liga müssten die Nähte der Sterne wieder aufgetrennt werden. Denn die Deutsche Fußball Liga (DFL) akzeptiert nur Meisterschaftsgewinne in der Bundesliga seit 1963. Zudem muss man für den ersten Stern mindestens drei Titel geholt haben. Das wird in diesem Jahrhundert wohl kein Ostklub mehr schaffen. Eher steigen Bayern München, Hamburg oder Bremen in die dritte Liga ab.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa