Im Gespräch: Helge Meeuw

„Schwimmsport ist Luxus“

Für Helge Meeuw ist die Schwimmhalle “kein Wohnzimmer, aber mindestens ein Badezimmer“

Für Helge Meeuw ist die Schwimmhalle "kein Wohnzimmer, aber mindestens ein Badezimmer"

07. März 2008 Helge Meeuw ist deutscher Schwimmsportler. Er hält derzeit den Europarekord über 100 Meter Rücken. Er trinkt am liebsten Wasser, aber er duscht nicht so gern. Der 23 Jahre alte Meeuw macht sich Gedanken um Wasserknappheit und stellt sich die Sinnfrage, ob es richtig ist, was er macht: schwimmen um Sekunden. „Vielleicht wäre ich ein Delphin. Die sind interessant, die sind clever und haben ein beeindruckendes Echolotsystem.“ Im Gespräch redet der 23 Jahre alte Schwimmer im fünften Teil der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ über - Wasser.

Was trinken Sie am liebsten?

Wasser. Ich habe mir angewöhnt, beinahe ausschließlich Wasser zu trinken. Auch mein Ernährungsberater und mein Psychologe haben mir dazu geraten. Ich will nicht unnötig viel Zucker in mich hineinschießen, wenn ich irgendeine Limo trinke. Inzwischen mag ich andere Getränke gar nicht mehr, das ist mir alles zu süß. Früher habe ich das nicht für möglich gehalten.

Wie viel trinken Sie am Tag?

Mindestens so viel, dass ich nicht austrockne. Weil ich als Sportler viel Flüssigkeit wieder rausschwitze, muss ich mehr trinken als andere Menschen. Dreieinhalb Liter Wasser nehme ich vielleicht zu mir. Aber ich achte nicht auf die Menge, habe keinen festen Trinkplan.

Was glauben Sie, wie lange jemand über Wasser sprechen kann?

Wenn er keine besondere Beziehung zum Wasser hat, vielleicht eine halbe Stunde. Aber es gäbe so viel zu erzählen: Unser Planet besteht zum größten Teil aus Wasser, unser Organismus besteht zu einem großen Teil aus Wasser. Wir alle sind von Wasser abhängig. Man könnte also lange Zeit über Wasser reden. Es ist wichtig, die allgemeine Bedeutung von Wasser zu finden. Und erst wenn man in die feinere Verästelung gerät, dann stößt man auf uns Schwimmer. Aber das Wasser ist nicht für Schwimmer bestimmt, es hat andere Aufgaben.

In der klassischen Elementelehre gilt Wasser als Element des Einfühlungsvermögens, der Intuition und Feinfühligkeit. Erkennen Sie sich da wieder?

Das beschreibt ein bisschen das Wassergefühl, das man als Schwimmer hat. Das stimmt schon. Aber ich habe noch nie von dieser Elementelehre gehört. Interessant.

Was ist Ihre erste prägende Erinnerung, die in Verbindung mit Wasser steht?

Als kleines Kind, ich war vielleicht drei Jahre alt, bin ich mal in den Pool gefallen. Meine Mutter hat mich etwas blau angelaufen wieder rausgeholt. Ich selbst habe daran keine Erinnerungen, ich kenne diese Geschichte nur von Erzählungen. Trotzdem hatte ich nie eine Phobie vor dem Wasser, ich war immer daran interessiert.

Dieser Unfall ist in Windhoek passiert, wo Sie aufgewachsen sind. Sie kennen Afrika also. Gewinnt das Thema Wasser deshalb noch mal an Bedeutung?

Natürlich. Um Wasser werden Kriege geführt, da verdursten Menschen. Dabei sind mehr als siebzig Prozent dieses Planeten aus Wasser, aber nur etwas mehr als drei Prozent sind tatsächlich Süßwasser. Trinkwasser also, das in der westlichen Welt aber auch dafür benutzt wird, um Toiletten zu spülen oder um zu duschen. Da stellt sich für mich mitunter schon so etwas wie eine Sinnfrage.

Auch weil Sie in diesem Wasser schwimmen?

Jemandem, der an Wasserknappheit fast stirbt, ist es schwer zu erklären, was ein Schwimmer macht: im Süßwasser hin und her schwimmen, um so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Wasser wird so nur als Medium gesehen, es wird viel Geld in diese Sache investiert, es gibt Welt- und Europameisterschaften. Menschen, die in einer wasserarmen Region leben, würde nie in den Sinn kommen, in ein großes Becken zu springen, um einhundert Meter auf dem Rücken zu schwimmen. Das gibt einem zu denken. Aber letztlich muss man zu dem Schluss gelangen, dass sich die Welt weiterdreht, auch wenn ich die 100 Meter Rücken nun in 53 oder 55 Sekunden schwimme - oder sie überhaupt nicht schwimme. Aber man sollte sich auch immer darüber bewusst sein, dass Schwimmsport Luxus ist.

Ist das allen Athleten bewusst?

Ich weiß nicht, ob andere über solche Sachen reflektieren. Ich glaube aber nicht. Wenn man es ihnen erzählte, vielleicht. Aber von selbst kommen sie wohl nicht auf die Idee, dass der Schwimmsport für manche irrsinnig erscheint. Ich bin mir dessen bewusst. Aber ich lebe nun mal in der westlichen Welt. Das Schwimmen ist etwas, was mir Spaß macht, der Sport bietet mir Möglichkeiten - ich werde ihn deshalb nicht aufgeben. Möglicherweise ist das eine sehr egoistische Herangehensweise.

Was ist denn so faszinierend an der Materie Wasser?

Der Mensch ist ja für das Land geschaffen, zu schwimmen ist deshalb erst einmal eine ungewohnte Bewegung für ihn. Aber man kann sich an das Wasser gewöhnen, ein ganz spezielles Wassergefühl aufbauen, indem man viele Meter schwimmt, indem man verschiedene Becken testet. Ich kann das Wasser mittlerweile fühlen, ich merke, ob das nun 25,5 Grad oder 26 Grad hat. Das kann ich sehr klar einschätzen.

Wie spüren Sie Wasser?

Rein technisch wie jeder andere auch: durch Rezeptoren in der Haut. Aber ich habe einfach viel mehr Erfahrungen mit Wasser gesammelt als andere Menschen. Was das angeht, kann mich nichts mehr überraschen. Es sei denn, es gibt irgendwann ein Wettkampfbecken, das 35 Grad warm ist. Neben der Temperatur gibt es verschiedene Härtegrade. Ich spüre, wie stark ein Wasser ozoniert oder chloriert ist. Wenn man zehn Chlortabletten in einen kleinen Pool schmeißt, würde das jeder merken. Ich spüre aber schon ganz kleine Unterschiede, etwa durch leichten Hustenreiz nach dem Training.

Welche Bedeutung hat der Härtegrad des Wassers in Bezug auf die Leistung?

Natürlich spürt man den Unterschied. Aber der Härtegrad hat keine Auswirkungen auf die Geschwindigkeit im Wasser.

Was ist mit der Tiefe des Beckens?

Ausreden kennen auch im Schwimmsport keine Grenze. Es gibt viele, die nach dem Rennen sagen, dass das Becken zu tief war oder zu hoch, dass das Wasser zu weich und die Luft zu warm war. Aber eigentlich spielt das keine Rolle.

Es gibt also kein schnelles und langsames Wasser?

Nein, es gibt schnelle und langsame Schwimmer. Wasser unterscheidet sich vom Gefühl jedes Einzelnen, aber nicht von der Geschwindigkeit. Bei dieser Diskussion denke ich immer an die Weltmeisterschaft 2005 in Montréal. Viele aus unserem Team haben sich beschwert, dass das Wasser zu warm sei, man den Druck verlieren würde, dass keine guten Zeiten möglich seien. Dann springt Ian Crocker aus den Vereinigten Staaten ins Wasser und schwimmt einen Hammerweltrekord über 100 Meter Delphin. Wir haben alle gedacht: Wie hat der das denn gemacht? Das Wasser ist doch angeblich so langsam. Das Empfinden mag verschieden sein, aber die Auswirkungen bleiben aus. Das ist Gefühlssache, aber nicht objektiv messbar. Oder wie will man das Ballgefühl von einem Fußballer messen?

Sie waren vor einigen Wochen in Peking bei den China Open. Wie war das Gefühl im Olympiawasser?

Ich würde nicht nur vom Wasser sprechen, sondern vom Olympiabad - und das ist richtig gut. Das Olympiawasser ist nur Wasser. Für einen Schwimmer aber zählt viel mehr: Auf die Tribüne können in Peking 17.000 Menschen. Das ist enorm. Vom Wasser aus kann man die oberste Reihe gar nicht sehen. Dann kommt es auf die Hallendecke, die Art der Leinen, die Startblöcke, die Fähnchen oder die Anzahl der Kampfrichter an. All das zusammen schafft das Gefühl, das einem vom einer Halle und einem Wettkampf bleibt. Ich denke, dass es in Peking auf jeden Fall möglich ist, schnell zu schwimmen. Auch Weltrekorde werden fallen. Aber das hängt immer noch von den Schwimmern ab - und nicht vom Wasser.

Schmeckt das Wasser in den Becken unterschiedlich?

Klar. Das gehört mit zum Empfinden. Schon Mineralwasser schmeckt von Marke zu Marke unterschiedlich, in einem Schwimmbecken ist das noch extremer. Ich trinke das nicht aus Gläsern, aber ich schwimme da durch, lasse den Mund auch mal offen, atme, und dann schmeckt man das Wasser natürlich. Für jemanden, der weniger im Wasser ist, wird das unangenehm schmecken. Ich habe mich daran gewöhnt.

Schwimmen Sie gern im Meer?

Überhaupt nicht. Ich mag das Meer, aber ich schwimme dort nicht gern. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal Wettkämpfe im Meer machen würde. Freiwasserschwimmen ist eine ganz andere Sportart. Das klingt komisch, aber es gibt so viele Unterschiede im Vergleich zum Beckenschwimmen: Unsere Bahn ist immer gleich lang, sie ist gleich breit, und wir schwimmen das Rennen bis auf Unterschiede von Zehntelsekunden immer ähnlich. Es gibt keine Wellen, keinen Wind, kein flaches und tiefes Wasser und auch keinen Körperkontakt. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn mich was in meiner Routine stört. Für den Laien wäre das vielleicht irgendwann langweilig, ich finde das spannend, an Details zu arbeiten. Gehe ich zwei Zehntel schneller an oder nicht? Das ist ein Unterschied, den ich schon im Wasser merke. Ich brauche immer die gleichen Bedingungen für meinen Sport.

Gehen Sie hin und wieder ins Freibad?

Manchmal mit meinen Freunden. Aber nicht so oft. Wann geht ein Fußballspieler schon mal mit seinen Kumpels kicken? Wenn ich im Freibad bin, spiele ich einen Ball über eine Schnur, aber ich würde nie Bahnen schwimmen. Ich kühle mich ab und gehe wieder auf die Wiese. Ich könnte auch nie den Unterschied des Wassers in verschiedenen Freibädern spüren, weil die Wahrnehmung dort viel zu flüchtig ist. Auf solche Details achte ich nur beim Training oder im Wettkampf.

Nehmen Sie im Wettkampf wahr, was am Beckenrand passiert?

Bei den China Open war ich nur auf mich konzentriert. Ich bin eingelaufen, habe den Startblock gesehen, bin 100 Meter Delphin geschwommen, und nach dem Anschlag habe ich nach oben geschaut und mich erschrocken, wie viele Zuschauer da waren. Beim Einschwimmen saß da niemand - und plötzlich waren 4000 Leute in der Halle. Während des Rennens habe ich keinen von ihnen wahrgenommen. Für mich war das ein gutes Zeichen, die Konzentration funktioniert. Im Training ist das anders, da könnte ich vielleicht auch ein Buch dabei lesen.

Ist die Eintauchphase etwas Besonderes? Dieser Übergang von Luft zu Wasser?

Das ist natürlich sehr speziell. Damit dass nicht zu krass ist, mache ich mich vor dem Wettkampf ein bisschen nass. Auf diesen Wechsel der Materie muss man sich vorbereiten. Am Ende aber geht der so schnell, dass man gar nichts davon mitbekommt. Der Augenblick ist viel zu kurz, man kann das Gefühl des Eintauchens gar nicht speichern. Und außerdem, um mal einen Spruch der Fußballer umzuformulieren: Nach dem Eintauchen ist vor dem Auftauchen.

Ist das Wasser für Sie während des Schwimmens eher Feind oder Freund?

Wenn das Wasser mein Gegner wäre, dann hätte ich ja keine Chance. Man kann nicht gegen das Wasser arbeiten, das macht einen nur langsam. Jeder Schwimmer, der gegen das Wasser arbeitet, baut mehr Widerstände auf, der ganze Vortrieb wird gebremst. Schnell kann man nur sein, wenn man mit dem Wasser zusammenarbeitet, man kann es ja auch nicht einfach verschwinden lassen.

Welches ist die schönste Phase während des Schwimmens?

Der Anschlag. Wenn ich den richtig gemacht habe, ausgleite, an die Tafel schaue, eine Zeit sehe, die mir gefällt, und auf einem Platz gelandet bin, mit dem ich zufrieden bin. Das ist dann ein richtig guter Augenblick.

Gibt es im Wasser auch so ein Gefühl der Schwerelosigkeit, oder ist die Zeit dort nur harte Arbeit?

Im Training hat man mitunter das Gefühl, dass man schwerelos ist. Wenn man ganz in Ruhe dahingleitet, kein Tempo aufbaut. Aber ein Wettkampf ist Arbeit. Irgendwann sagt der Körper, dass er nicht mehr kann. Aber dann sind es meistens noch dreißig Meter zum Anschlag. Mein Rekord - wenn man davon sprechen kann - liegt bei 23 Millimol Laktat pro Liter Blut. Das ist so viel, dass man gar nichts mehr macht. Man will nur noch schreien, ich war nicht einmal mehr in der Lage, die Treppen runterzulaufen, konnte mich eigentlich gar nicht mehr bewegen. Von Schwerelosigkeit merkt man da nichts.

Was macht Wasser mit einem Menschen?

Es hält den Menschen am Leben. Als Säugetiere sind wir auf Wasser angewiesen. Das ist schon die Hauptfunktion des Wassers.

Möglicherweise aber macht das Wasser noch was anderes mit ihnen. Sie schwimmen ja jeden Tag vier Stunden.

Das Wasser selbst macht nichts, aber das Chlor trocknet meine Haut aus. Ich muss die richtig oft eincremen, damit sie nicht spröde oder rissig wird. Aber auch daran gewöhnt man sich. Es sind vor allem die Inhaltsstoffe des Wassers, die Probleme machen. Ich bin überzeugt davon, dass viele Schwimmer Schwierigkeiten mit ihrer Atmung haben, weil wir ständig im Chlordampf schwimmen, der sich fünf bis sieben Zentimeter über dem Wasser bildet. Das hat sicherlich Auswirkungen auf den Körper.

Merken Sie das?

Natürlich merke ich das, aber ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob es wirklich daher kommt. Ich habe Asthma, reagiere auf Katzenhaare und Staub. Wenn ich damit in Berührung komme, fängt der Kopf an zu jucken, ich bekomme rote Pusteln auf der Haut und nur sehr schwer Luft. Aber im Wasser habe ich im Gegensatz zu anderen keine Probleme.

Unterscheiden sich Schwimmer von Leichtathleten?

Ich glaube nicht, dass Wasser irgendwelche Unterschiede in der Persönlichkeit hervorbringt. Letztlich verändert einen der Sport. Mir hat das Wasser nur diese Möglichkeit gegeben. Ich habe viele Freunde bei diesem Sport gefunden. Auch meine Konkurrenten wollen ja nur so schnell wie möglich von A nach B kommen. Und auch wenn wir im Wasser gegeneinander sind, können wir doch an Land trotzdem etwas miteinander machen.

Fühlen Sie sich im Wasser zu Hause?

Ja, das kann man schon so sagen. Ich verbringe so viele Stunden damit, hin und her zu schwimmen. Ich dusche sicher auch viel öfter im Olympiastützpunkt als in meiner Wohnung in Sachsenhausen. Teilweise putze ich mir im Stützpunkt auch die Zähne. Ich würde nicht sagen, dass es mein Wohnzimmer ist, aber mindestens ist es mein Badezimmer.

Duschen Sie denn gern?

Ich kann nicht sagen, dass ich gerne dusche. Ich stelle mich drunter, wasche die Haare und gehe wieder. Aber der Chlorgeruch verschwindet eigentlich auch danach nicht.

Sind Sie ein Warmduscher?

Auf jeden Fall. Viele Schwimmer sind das. Ich hüpfe auch morgens um sieben lieber unter eine warme Dusche als unter eine kalte, um aufzuwachen.

Was wäre das Leben ohne Wasser?

Das wäre gar nicht möglich. Keiner von uns könnte ohne Wasser leben. Das ist also lebensnotwendig. Das Schwimmen hingegen ist eine Leidenschaft. Ich will mit diesem Element spielen, meine eigenen Grenzen austesten. Das macht den Reiz aus.

Gab es mal Entzugserscheinungen?

Die gab es und sind auch bedingt durch meinen Kreislauf, der angeregt werden möchte. Wenn ich mal drei Wochen nicht schwimme und mich auch sonst nicht bewege, bekomme ich Probleme. Dann kann es passieren, dass ich einfach umkippe, weil der Blutdruck zu niedrig ist. Ich bin dann unkonzentriert und hibbelig. Ich brauche das Schwimmen, irgendwann vermisse ich das Wasser. Mit zunehmendem Alter dauert das allerdings etwas länger.

Wenn Sie im Wasser leben würden, wer wären Sie dann?

Ich wäre friedlich und intelligent. Einer, der in Ruhe gelassen wird, von größeren Fischen und auch von Fischern. Vielleicht wäre ich ein Delphin, die sind interessant, die sind auch clever und haben ein beeindruckendes Echolotsystem. Vielleicht würde ich so einer sein wollen.

Das Gespräch führten Bernd Steinle und Michael Wittershagen.



Text: F.A.Z., 08.03.2008, Nr. 58 / Seite 84
Bildmaterial: Henning Bode

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