Nationalmannschaft

„Plötzlich war es ganz still“

Von Bernhard Böth

Filmreif: Lukas Podolski

Filmreif: Lukas Podolski

15. August 2006 Wenn am Mittwoch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum Freundschaftsspiel gegen Schweden (20.45 Uhr bei der ARD und im FAZ.NET-Liveticker) antritt, kommen Erinnerungen an die berauschende Weltmeisterschaft auf. Erinnerungen an den 2:0-Erfolg im Achtelfinale gegen die schwedische Mannschaft, bei dem das erfrischende Angriffsspiel der deutschen Elf gleich in der ersten Viertelstunde durch zwei Treffer von Lukas Podolski die Entscheidung brachte.

Als die Nationalmannschaft am Sonntag mit Joachim Löw 35 Tage nach der Feier am Brandenburger Tor wieder in Berlin zusammentraf, dürften noch ganz andere Erinnerungen wach geworden sein. Spätestens als Bundespräsident Horst Köhler am Montag dem WM-Dritten das Silberne Lorbeerblatt, die höchste deutsche Auszeichnung für Sportler, verliehen hatte. Als die Mannschaft anschließend vor Fans und Medien trat, waren die fröhlichen Bilder aus dem Sommer wieder vor Augen.

„Sie hätten noch mehr erreichen können“

Danach lud Regisseur Sönke Wortmann die deutschen Auswahlspieler in ein Berliner Kino ein, um ihnen den Rohschnitt seines WM-Films, der im Oktober in die Kinos kommt, zu präsentieren. „Da kamen noch einmal die ganzen Emotionen hoch“, berichtete Manager Oliver Bierhoff: „Als die Szenen vom Italien-Spiel und die Stimmung in der Kabine gezeigt wurden, war es plötzlich ganz still. Da hat die Enttäuschung überwogen. Die Spieler haben gemerkt, daß sie doch noch mehr hätten erreichen können.“

Zurück in der Realität, in der schon wieder der Liga-Alltag begonnen hat, tritt die DFB-Auswahl nun gegen das schwedische Team von Trainer Lars Lagerbäck an. Es ist die erste Partie nach der WM und gleichzeitig das erste Spiel vor der EM-Qualifikation. Für Löw ist es deswegen ein „Zwischenschritt“, aber auch eine „Generalprobe“. Löw spricht von einem „schwierigen Zeitpunkt“ des Spiels, da viele Akteure erst wenige Wochen im Training sind. Der Test werde aber ernst genommen, um Alternativen und taktische Neuerungen auszuprobieren.

Große Verletzungssorgen - Chance für Neulinge

Der WM-Kader ist noch einmal beisammen, mit Ausnahmen vom zurückgetretenen Torwart Oliver Kahn, den verletzten Michael Ballack, Per Mertesacker, Sebastian Kehl und Christoph Metzelder sowie Robert Huth. Es fehlen damit wichtige Akteure, vor allem in der Defensive. Das könnte die Chance für Manuel Friedrich (FSV Mainz 05) sein, der sich große Hoffnungen auf seinen ersten Länderspieleinsatz machen kann. Nachdem auch noch Innenverteidiger Metzelder verletzt absagen mußte, rückte Malik Fathi (Hertha BSC Berlin) überraschend ins Aufgebot, der sich „durch überragende Leistungen in der Bundesliga hervorgetan hat“ (Löw). Der 22 Jahre alte Fathi feierte in der Spielzeit 2003/04 sein Debüt in der Bundesliga und kam bislang auf stolze 71 Einsätze in der höchsten deutschen Spielklasse.

Dieser Schritt zeigt, daß der neue Bundestrainer die Türen offen läßt und damit wie Vorgänger Jürgen Klinsmann neuen, jungen Spielern eine Chance gibt. Löw möchte auch in der Zukunft auf das Konzept „Angriffsfußball“ setzen, das bei der WM für große Begeisterung sorgte. Zudem will der neue erste Mann im deutschen Fußball weiter daran arbeiten, „Attraktivität“ und „Effektivität“ zu verbinden. Für die Nationalspieler hat sich nach dem Trainerwechsel zunächst nicht viel geändert, denn Löw hat in den letzten zwei Jahren oft das Training geleitet und zudem die taktische Ausrichtung mitbestimmt. Es fehlt weiterhin ein Co-Trainer an seiner Seite. Den will Löw bis zum ersten Qualifikationsspiel im September präsentieren.

Angriffsduo Klose/Podolski gesetzt

Dann wird wohl auch wieder Michael Ballack mit an Bord sein. Der Kapitän mußte einmal mehr ein Länderspiel verletzt absagen. Wie in der Ära Klinsmann wird auch unter Löw der Bremer Tim Borowski für Ballack auf die Position des Ballverteilers rücken. Nach der WM hatte Torwart Jens Lehmann seine Zusage bis zur EM 2008 in Österreich und der Schweiz gegeben. Die deutsche Nummer eins verkündigte nun, daß nach dem nächsten großen Turnier für ihn Schluß sei. „Mit 36 habe ich nun in zwei Jahren die EM vor mir, darauf arbeite ich hin“, sagte der Profi vom FC Arsenal.

Im Angriff laufen WM-Torschützenkönig Klose sowie Podolski auf. „Ich sehe keine Veranlassung, unser Sturmpaar zu trennen. Miro und Lukas haben eine gute WM gespielt und deshalb einen Bonus“, erläuterte Löw. Podolski, der sich im Bundesliga-Auftaktspiel gegen Borussia Dortmund auf der Bank wiederfand, hat bei Löw weiterhin gute Karten: „Lukas kommt immer mit einer großen Spiel- und Einsatzfreude zu uns.“ Bayern-Trainer Felix Magath hatte den Stürmer bis zur 88. Minute auf der Bank schmoren lassen. „Dafür habe ich volles Verständnis“, sagte Löw zu dieser Entscheidung.

Neue Namen und Impulse

Die Spieler wurden durch die Auszeichnung im Schloß Bellevue sowie den Filmvortrag an die Begeisterung und Spielfreude während der WM erinnert. Jetzt stehen mit Löw neue Aufgaben an. Der Bundestrainer will dabei schnell aus Klinsmanns Schatten zu treten. „Neue Impulse“ seien dafür notwendig, auch neue Namen wie Kießling, Polanski oder Azaouagh. Löw ergänzte: „Und natürlich Siege“.

Text: FAZ.NET @bb
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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