Bayern München

Der neue Deisler: Gelöst, glücklich, zufrieden

Von Elisabeth Schlammerl

Hoffnungsträger: Sebastian Deisler

Hoffnungsträger: Sebastian Deisler

25. Juli 2004 Es gibt vermutlich genügend Trainer, die Felix Magath beneiden. Um seinen Job beim FC Bayern München natürlich und um die Spieler, die er zur Verfügung hat. Internationale und nationale Fußball-Kompetenz ballt sich nach der Rückkehr der Nationalspieler aus dem EM-Urlaub im Training und sorgt nun in den letzten beiden Wochen vor dem Bundesligastart für einen Verdrängungswettbewerb, der womöglich härter ist, als es so manches Spiel in der neuen Saison sein wird. Aber genau deshalb werden einige Kollegen den neuen Bayern-Trainer auch wiederum nicht so beneiden, schließlich birgt allzu großer Konkurrenzkampf um die Stammplätze auch reichlich Konfliktpotential. Magath stört dies nicht, er findet das wohl sogar gut, weil er im Moment einfach alles gut findet bei seinem neuen Klub und nicht als Belastung.

Riesige Auswahl im Mittelfeld

Vor allem im Mittelfeld hat Magath eine riesige Auswahl. In Michael Ballack, Sebastian Deisler, Torsten Frings, Jens Jeremies, Ze Roberto, Owen Hargreaves, Hasan Salihamidzic, Bastian Schweinsteiger, dem nach einer Rückenoperation wiedergenesenen Mehmet Scholl und dem talentierten Piotr Trochowski bewerben sich gleich zehn Spieler um vier freie Plätze. Genaugenommen sind es nur acht Profis für zwei Plätze, denn Ballack dürfte erst einmal gesetzt sein, und an Sebastian Deisler kommt derzeit niemand vorbei. Daß der in der vergangenen Saison an Depressionen leidende Nationalspieler eine feste Größe sein würde, wenn Körper und Seele intakt sind, war stets klar. Aber selbst Magath hat die gute Verfassung des Nationalspielers gleich zu Beginn der Vorbereitungsphase überrascht, die physische und die psychische. Wie sich der Vierundzwanzigjährige in den bisherigen Testspielen auf dem Platz präsentierte, "das habe ich so nicht erwartet", gibt der neue Bayern-Trainer zu. "Er hat einen blendenden Eindruck hinterlassen, und er ist immer gut gelaunt."

Zurückhaltung abgelegt

Der früher sehr zurückhaltende Deisler, der auch innerhalb der Mannschaft nur durch Leistung überzeugen wollte, nie durch Worte, ist plötzlich nicht mehr zu überhören auf dem Rasen. Er gibt lautstark Anweisungen, dirigiert seine Mitspieler und übernimmt Verantwortung, wenn sie gefordert ist. Er füllte die Lücke, die in den ersten Trainingswochen klaffte, als die Führungsspieler des FC Bayern noch im Urlaub waren. "Er ist sehr kommunikativ", lobte Magath intern und nun auch extern. Früher, vor dem Ausbruch seiner Krankheit, hatte der Mediendirektor des FC Bayern, Markus Hörwick, oft vergeblich versucht, den Mittelfeldspieler zu einem Pressetermin zu überreden. Und wenn Deisler dann tatsächlich einmal erschien, wirkte er genervt, manchmal sogar pampig. Jeder öffentliche Auftritt war für ihn nicht nur Last, sondern eine riesige Belastung, eine große Qual. Es wäre zwar übertrieben zu behaupten, Deisler findet mittlerweile an Interviews Gefallen. Aber er hat offenbar eingesehen, daß PR-Arbeit Teil seines Jobs ist. Manchmal gewährt er nun sogar einen kleinen Einblick in sein Innenleben. "Ich sehe alles positiv", sagte er nach den ersten Trainingstagen. Er sei sehr, sehr glücklich und spüre "ganz viel Vorfreude auf die kommenden Aufgaben". Dazu gehören auch die bei der Nationalmannschaft. Er sei bereit für ein Comeback beim Länderspiel am 18. August gegen Österreich, ließ er vor zwei Wochen wissen. Wenn er jetzt redet, blickt er stets freundlich in die Runde, und es kommt nicht selten vor, daß er lächelt. Deisler wirkt entspannt, gelöst, zufrieden mit sich und der Welt. Mit dem Arzt der psychiatrischen Klinik, in der er im Winter behandelt worden war, trifft er sich nur noch gelegentlich "zu knappen Gesprächen", erzählt er. "Die Geschichten", wie er seine Krankheit nennt, "sind ausgestanden."

Zurück ins Zentrum

Es gibt wohl mehrere Gründe für den Wandel des Sebastian Deisler. Einer ist sicher: daß er sich nach der Entlassung aus der Klinik im Januar abschotten konnte, daß er in Ruhe an seinem Comeback arbeiten konnte. Es gab keinen Druck, sondern er wurde behutsam zurückgeführt in die öffentliche Welt des Profifußballs, die einst mitverantwortlich war für seinen Zusammenbruch. Ein anderer Grund dürfte sein, daß ihm Magath schon sehr schnell in Aussicht gestellt hat, endlich wieder dort zu spielen, wo er sich am liebsten aufhält: im Zentrum. "Ich bin der unglücklichste Mensch, wenn ich einen Meter neben mir die Auslinie sehe", sagt er: "Da kann ich der Mannschaft nicht so helfen." Im Derby gegen den TSV München 1860 zu Beginn dieser Woche hat er mit Ballack zentral gespielt. Er links, der Kollege rechts. "Das hat sehr gut geklappt", fand Magath und ließ durchblicken, daß er sich vorstellen könnte, mit dieser Konstellation auch beim ersten Bundesligaspiel in Hamburg anzutreten. Die Auftritte von Sebastian Deisler wecken aber auch Begehrlichkeiten in der Öffentlichkeit. Schon wird er als neuer Chef gesehen, sogar als Kapitän. Eine Rolle, in die es Deisler aber nicht drängt. "Ich war noch nie Kapitän. Ich brauche die Binde nicht." Natürlich, schickt er hinterher, würde er sie nicht ablehnen. Aber vermutlich wird es soweit nicht kommen. Magath sagt zwar: "Ich werde ihn nicht bremsen, wenn er sich zu einem Führungsspieler entwickelt." Aber er wird es sicher nicht forcieren. Und schon gar nicht einfordern.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.07.2004, Nr. 30 / Seite 12
Bildmaterial: dpa

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