4:0 in Kaiserslautern

Endlich Meister

Von Roland Zorn

Die erste Meisterschale für Trainer Magath, die 19. für Bayern München

Die erste Meisterschale für Trainer Magath, die 19. für Bayern München

01. Mai 2005 Seine Spieler gratulierten und umarmten sich schon mal auf Vorschuß, Felix Magath dagegen verharrte in sich gekehrt, die Hände gefaltet, in seinem noch staubtrockenen dunklen Anzug am Spielfeldrand.

Dann aber, zwei Minuten nachdem der 4:0-Triumph des FC Bayern München beim 1. FC Kaiserslautern feststand, kam die vom Münchner Pressechef Markus Hörwick per Mobiltelefon herbeigeholte frohe Kunde am Betzenberg an: Da der FC Schalke 04 als sowieso schon weit abgehängter Konkurrent daheim nur 3:3 gegen Bayer Leverkusen gespielt hatte, war es um Magaths Outfit sogleich geschehen.

„Stolz auf die Mannschaft"

Rekordtitelträger Bayern stand zum 19. Mal als deutscher Fußballmeister fest - und der Münchner Premierenchampion wie ein begossener Pudel da. Unter dem stahlblauen Sommerhimmel in der Pfalz regnete das Weißbier auf den Coach hinab, der erstmals in seiner zehnjährigen Karriere als Fußball-Lehrer einen Meister geformt hatte. Magath genoß die klebrigen Duschbäder, angerichtet vor allem von seinem Tageskapitän Michael Ballack, wie einen warmen Regen. Schließlich war er, der früher nur als Helfer in der Not gefragt war, sich schon so oft wie ein einsamer Prediger in der Wüste vorgekommen.

In München, wo sie nach sechs extrem erfolgreichen Jahren mit Ottmar Hitzfeld, dem Meister aller Meistertrainer, Magath zu dessen Nachfolger auserkoren hatten, konnte der Unterfranke endlich einmal reichlich ernten, was er selbst zu Saisonbeginn gesät hatte. "Ich bin stolz auf die Mannschaft", hob er wenig später, leidlich abgetrocknet, in seinem roten Meister-T-Shirt hervor, "und danke dem FC Bayern dafür, daß er es mir ermöglicht hat, zum ersten Mal als Trainer Meister zu werden."

„Wir haben noch Potential"

Der Mann, den mancher zu seinem Dienstantritt ob der ihm nachgesagten quälerischen Arbeitsmethoden gefürchtet hatte, sog wie ein Schwamm die Begeisterung und Anerkennung auf, die um ihn herrschte und immer wieder ihm selbst galt. Der einst scheinbar Unnahbare als Mann des Volkes, gedrückt und geherzt von seinen Spielern und immer wieder mit dem Wort "super" gefeiert: Das war der Moment, den der sensible Felix Magath herbeigesehnt hatte und endlich auskosten durfte. "Ich habe zehn Jahre dafür gebraucht, das ist eine lange Zeit", bilanzierte der Trainer seinen Aufstieg vom Übungsleiter beim Verbandsligaklub Bremerhaven 93 bis zum Fußball-Lehrherrn beim großen FC Bayern.

Was am Samstag war, soll nur der Anfang gewesen sein. Magath hat sich zum Ziel gesetzt, daß seine Zeit beim Rekordmeister "so erfolgreich wie die meines Vorgängers Ottmar Hitzfeld werden soll". Neuer Trainer, neue Methoden, neues System, neue Fitness - und immer neue Steigerungsmöglichkeiten. Der Mann, der die Saison mit Medizinbällen ins Rollen brachte, zunächst einige Irritationen auslöste und nun bei den Bayern als Coach wie als Persönlichkeit angekommen scheint, kündigte am Samstag an: "Unsere Umstellung ist noch nicht beendet. Insofern haben wir noch Potential."

„Das Immergewinnenmüssen hinterläßt Spuren"

Die Münchner haben ihre zahlreichen Titel schon routinierter begossen als am Samstag. Daß die Party im Fritz-Walter-Stadion ein für die sonst so abgeklärten Bayern-Verhältnisse nahezu lausbübisches Format annahm, hatte einerseits damit zu tun, daß der Rekordmeister früher als gedacht als Nachfolger von Werder Bremen das Klassenziel erreichte. Dazu kam die große Erleichterung nach dem Viertelfinal-Aus in der Champions League, derart schwungvoll und kraftstrotzend die Schlußkurven in der Bundesliga genommen zu haben. Zuletzt sechs Siege und das Hochgefühl, wieder einmal zumindest national quasi unantastbar geblieben zu sein, beflügelten die Feierlaune am Samstag. "Wir haben uns gefreut wie die kleinen Kinder", beschrieb Mehmet Scholl das in Kaiserslautern überschäumende Wir-Gefühl dieses Münchner Meisterjahrgangs, "denn das Immergewinnenmüssen hinterläßt Spuren".

In zwei Wochen, wenn der alte fränkische Rivale 1.FCNürnberg zur Abschiedssause ins Olympiastadion kommt, brauchen die Spieler dann keine Imitate der Meisterschale hochzuhalten, dann gibt es die "Salatschüssel in echt". Am Samstag sorgten Glückwunschtelegramme von Bundeskanzler Schröder und des bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber für die offizielle Würdigung der Meisterschaft nach einer exquisiten Münchner Fußball-Demonstration.

„Meister, das ist immer etwas Außergewöhnliches“

"Mich hat gestört, daß meine Mannschaft dem FC Bayern über neunzig Minuten zum Titel gratuliert hat", klagte der Lauterer Übergangstrainer Hans-Werner Moser später leise. Tatsächlich ergaben sich die Pfälzer vom Anpfiff an in ihr Los. Der an der Stätte, wo er vor Jahren die Bühne Bundesliga betrat, überragende Ballack öffnete mit seinem Treffer (19. Minute) das Tor zum 19. Titel, Makaay stieß es mit drei Treffern in Serie (35./48./68.) sperrangelweit auf, den Rest besorgten die Leverkusener in Schalke. Für einen wie Makaay, der vor zwei Jahren von La Coruna nach München gekommen ist, "um deutscher Meister zu werden", war der Samstag ein rauschendes Fest. Der Holländer, ganz Profi, grüßte aber auch die lieben Schalker: "Wir hoffen, das war eine Warnung für sie", sagte er mit dem Blick auf das Pokalfinale am 28. Mai, wenn Makaay auch noch den Pott in die Luft stemmen und seinen zweiten deutschen Coup im Double-Pack bejubeln möchte.

Bis dahin will sich der FC Bayern mit guter Laune und weiteren Siegen in der Bundesliga seine Hochstimmung nicht mehr nehmen lassen. Die Mannschaft ließ den Samstag vergleichsweise ruhig mit einem Bankett im Münchner "Seehaus" ausklingen. Dabei war auch der in Kaiserslautern wegen einer Daumenverletzung fehlende und nicht mitgereiste Kapitän Oliver Kahn.

Spät in der Nacht kam der im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF zuvor gefragte Manager Uli Hoeneß hinzu. Der einst als Spieler besonders flotte Manager flüchtete am Nachmittag vor den Bierduschern seiner Mannschaft, entkam ihnen aber nicht trockenen Fußes und zog sich dabei auch noch einen Muskelfaserriß zu. Ein Feiertagsaufschlag, den Hoeneß gern zahlte. Ganz in seinem Sinne hatte der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge das abendliche Bankett mit den dafür geeigneten Worten ausgeschmückt: "Wenn man schon am 31. Spieltag deutscher Meister wird, ist das immer etwas Außergewöhnliches. Und darauf kann der FC Bayern sehr stolz sein."

1. FC Kaiserslautern - Bayern München 0:4 (0:2)
Kaiserslautern: Ernst - Lembi, Hertzsch, Mettomo, Blank - Riedl, Sforza (46. Tchato), Engelhardt - Altintop, Amanatidis, Kosowski (46. Jancker)
München: Rensing - Sagnol (72. Scholl), Lucio, Kovac, Lizarazu - Frings, Hargreaves (51. Schweinsteiger), Ballack, Ze Roberto (51. Deisler) - Makaay, Pizarro
Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne)
Tore: 0:1 Ballack (19.), 0:2 Makaay (35.), 0:3 Makaay (48.), 0:4 Makaay (68.)
Zuschauer: 40.721 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Engelhardt (5/3), Riedl (5/3), Hertzsch (5/2), Lembi (5/1) - Hargreaves (5)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Mai 2005
Bildmaterial: REUTERS

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