Von Michael Ashelm, Wien
05. Februar 2008 Der erste Teil des lang herbeigesehnten Comebacks begann auf typische Weise. So unvorhersehbar, wie vieles in der vergangenen Zeit für Michael Ballack gelaufen ist, als eine Art Geduldsprobe. Erst einmal verspätete sich nämlich die Mannschaft auf dem kurzen Weg nach Wien, weil das Flugzeug in Frankfurt aufgehalten worden war. Dann berichtete der Kapitän der deutschen Nationalelf nach der Ankunft mal wieder von einer kleinen Blessur an der Wade, die ihn zwar ein wenig schmerze, aber wohl nicht für das Länderspiel gegen Österreich außer Gefecht setze.
Weil Ballack durch die hinter ihm liegende Leidenszeit wohl ziemlich abgehärtet ist, wollte er sich vor seiner Rückkehr im Nationaltrikot nicht durch solche Marginalien aus der Ruhe bringen lassen. Der Sachse vom FC Chelsea verbreitete also Hoffnung, lachte viel und versuchte mit seiner ganzen Erfahrung, auch die aktuellen Probleme seiner Mannschaft auf dem Weg zur Europameisterschaft nicht zu groß erscheinen zu lassen. Ich bin hochmotiviert und habe die EM schon im Kopf. Er sei positiv gestimmt, was die Möglichkeiten der Nationalelf angeht, die ja derzeit durch Verletzungen und Formtiefs einiger Stammkräfte ein wenig ins Schwimmen geraten ist.
Vielleicht soll es das jetzt gewesen sein
Deutschland mit Ballack: Darauf hat man lange warten müssen. Nach fast einem Jahr kehrt der Mittelfeldstar und Kopf des WM-Dritten zurück in die Nationalmannschaft. Am 24. März des vergangenen Jahres hatte er zuletzt beim 2:1-Sieg gegen Tschechien in der EM-Qualifikation gespielt. Es war auch das vorerst letzte Spiel, in dem die Deutschen gegen einen vergleichbar ambitionierten Gegner wirklich zu überzeugen wussten.
Ende April verletzte sich Ballack nach dem Tritt eines Gegenspielers in der Premier League am Knöchel. Ein abgesprengtes Knochenteilchen drückte auf einen Nerv, wie sich erst später nach einer ersten Falschdiagnose bei Chelsea herausstellte. Es folgten zwei Operationen und Rückschläge in der Rehabilitation, die so manchen - vor allem Ballack selbst - an ein trauriges Karriereende denken ließen. Meine Verletzung ging mir 24 Stunden nicht aus dem Kopf. Und manchmal habe ich mir gedacht: Mensch, du bist jetzt 31, du hattest 14 gute Jahre als Profi. Vielleicht soll es das jetzt gewesen sein, bekannte er in einem Zeit-Interview.
Plötzlich der Winterfavorit in der wichtigsten Liga
Dieser Tage in Wien war wieder etwas vom alten Ballack zu spüren, der seiner Aufgabe als Spieler und Kapitän ohne Zweifel nachgehen will. Ich fühle mich sehr, sehr stabil, sagte er.
Wie die Wasserstandsmeldungen bei Koalitionsgesprächen in Berlin waren in den vergangenen Monaten die Nachrichten über die gesundheitlichen Fortschritte des deutschen Fußballstars gehandelt worden. Mitte November kehrte Ballack ins Mannschaftstraining bei Chelsea zurück, Ende November dann gab er seinen Einstand beim Reserveteam, vor Weihnachten folgte der erste Pflichtspieleinsatz für seinen Klub im englischen Ligapokal, am zweiten Weihnachtsfeiertag erzielte er wieder ein Tor für Chelsea in der Premier League.
Ballack soll das alte WM-Gefühl zurückbringen
Ballack war plötzlich der Winterfavorit in der wichtigsten Liga der Welt, erhielt wegen des Ausfalls seiner Teamkollegen Terry, Lampard und Drogba von Trainer Avram Grant zwischenzeitlich die Kapitänsbinde übertragen und konnte sich auf dem Feld neu beweisen. Das mit dem Spielführer zeigt meinen Stellenwert in der Mannschaft, so Ballack. Über diesen war in Chelsea immer mal wieder spekuliert worden. Der Deutsche hatte intern nicht immer ein leichtes Spiel. Das hat sich geändert.
In der Nationalmannschaft ist er schon lange die Nummer eins auf dem Feld, der unumstrittene Anführer. Der Bundestrainer gab sich gestern erleichtert und rechnet fest mit einem gesunden Ballack. Ich glaube, dass er für alle Spieler bei uns enorm wichtig ist. Michael hat die Ausstrahlung und das Charisma eines Kapitäns. Hinzu kommen Erfahrung und fußballerische Qualität, so Löws Lobeshymne von Wien.
Stratege und Torschütze zugleich
Die Abhängigkeit vom Mittelfeldmann ist augenscheinlich. Auch wenn sein Körper immer mal wieder streikt, war Ballack in entscheidenden Momenten meist wichtiger Impulsgeber, Stratege und Torschütze zugleich. Er mischt sich wie vor der WM 2006 ein in taktische Diskussionen, korrigiert auch mal die Trainer, wenn er das Gefühl hat, seine Mannschaft müsse eine andere Leitlinie verfolgen. Seinen Kollegen sprach er in Wien auf dem Weg zur EM Mut zu, hielt sich wie gewohnt in der Öffentlichkeit zurück mit Kritik, stellte aber am Rande zumindest fest, dass doch etwas ins Stottern geraten ist.
Die Erwartungen sind hoch: Ballack soll das alte WM-Gefühl zurückbringen und der deutschen Elf das Siegen wieder leichter machen. Anders als Löw, der die Begegnung gegen Österreich nur als ganz normales Freundschaftsspiel sehen möchte, erwartet der zu allem bereite Kapitän mehr. Jedes Spiel ist wichtig und gibt neue Aufschlüsse über die Form einer Mannschaft. Jeder Spieler wächst mit den Ergebnissen, und wenn die nicht kommen, macht man keine Fortschritte. Ballacks erster Appell.
Text: F.A.Z., 06.02.2008, Nr. 31 / Seite 30
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS
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